Die Echidna (ausgesprochen: Ekidna), die uns hier in der australischen Wildnis scheinbar unerschrocken vor die Füße tapst, sieht mit ihrer langen schmalen Nase, den gelben Stacheln und ihren schleppenden Schrittchen eher anrührend drollig aus. Unsere Objektive folgen dem kleinen Nasenigel, während wir auf der Stelle treten – tun wir das nicht, sind wir aggressiven Fleischameisen ausgeliefert.  

Und doch verharren wir, als in der Ferne unvermittelt ein Känguru von rechts nach links durchs Bild hüpft, gefolgt von seiner ebenso hüpfenden Miniatur. Es ist ein fast ergreifender Moment. Es sind die ersten Kängurus, die wir in freier Wildbahn sehen. Aber längst nicht alle auf dieser Reise. Schon bald werden wir sie in unseren vom Jetlag geplagten Nächten wie Schafe zählen. 

Kangaroo-Island: der australische Geheimtipp

Der Name unseres ersten Ziels in Südaustralien ist Programm: Wir sind auf Kangaroo Island, 16 Kilometer von der Küste entfernt. Auf der drittgrößten Insel des Kontinents lassen sich all die hüpfenden und – tatsächlich! – boxenden Tiere und ihre kleineren Verwandten, die Wallabys, kaum zählen. Es gibt es mehr als 50 Arten.

In dem Naturschutzpark und an seinen Küsten leben zudem Koalas und Emus, Robben und Seelöwen – nicht umsonst wird Kangaroo Island als „Zoo ohne Zäune“ beworben. Vor allem die Kängurus haben es uns angetan, auch deshalb, weil ihre Geschichten von einer phänomenalen Überlebensstrategie erzählen: Känguru-Weibchen können etwa den Geburtstermin ihrer Jungen – „Joeys“ genannt – so lange herauszögern, bis das alte Jungtier den Beutel verlassen hat. 

Leider gibt es so auch eine regelrechte Känguruplage, berichtet Reiseleiterin Marina Curth. Die Wildhüter kämen kaum nach, den Bestand auf ein für die Natur erträgliches Maß zu reduzieren. „Wenn ihr Fleisch esst, dann esst Kängurus“, lautet so auch der Appell der Reiseleiterin, die sich die Insel mit Millionen von Wildtieren, aber nur 4.500 Einwohnern teilt.

Vom Outback in die Modemetropole Melbourne

Nach einem gut eineinhalbstündigen Flug gleicht die Ankunft in Melbourne der Landung auf einem anderen Planeten. Melbourne ist bunt, quirlig, mondän, eine Stadt mit hippen Restaurants und Klubs, angesagten Modelabels, einer lebendigen Kunst- und Musikszene, Sport am Stadtstrand – und 1.700 Zuzüglern in der Woche. Mehr als 167.000 deutsche Besucher zieht es laut Tourismuszentrale im Bundesstaat Victoria jährlich in die Metropole am Meer.

Fahrt auf der Great Southern Touring Route

Aufgetankt mit urbanen Eindrücken geht es mit dem Bus auf die Great Southern Touring Route, die man ohne Stopps in elf Stunden fahren könnte – aber einiges verpassen würde. Etwa den Goldort Ballarat, der, nachdem 1851 erste Nuggets gefunden worden waren, als reichste Stadt der Welt berühmt wurde.

Am Strand von Bells Beach, an dem sich jährlich zu Ostern die besten Surfer der Welt treffen, ist wenig los. Keine Welle! Und überhaupt war der durch den Kinoklassiker „Gefährliche Brandung“ mit Patrick Swayze und Keanu Reeves berühmt gewordene Strand nie wirklich Drehort, wie uns Craig Baird, Kurator des Surfmuseums im Ort Torquay, später erklärt. „Gedreht wurde in Kalifornien – von hier kamen nur die Neoprenanzüge.“

Koalas – Schlafen und Eukalyptus fressen

Ein Abstecher in den Küstenort Apollo Bay belohnt mit einem weiteren tierischen Höhepunkt. Auf den Eukalyptusbäumen rund um das örtliche Umwelt- und Forschungszentrum wimmelt es von Koalas. Kaum einer rührt sich – Koalas schlafen 20 Stunden am Tag. Die restlichen vier verbringen sie damit, die besten Triebe von den Bäumen zu fressen, erklären uns die Zoologen Shayne Neal und Lizzie Corke.

Die Wissenschaftler erforschen den vom Aussterben bedrohten „tiger quoll“ – auf Deutsch Fleckschwanzbeutelmarder –, von dem es in ganz Australien und Tasmanien nur noch 1.500 geben soll. Die Zoologen ziehen Koalakinder auf, deren Eltern von Autos oder Hunden getötet wurden. Und sie beherbergen auf ihrer Great Ocean Eco Lodge eine kleine Anzahl Urlauber.

Naturschutzarbeit gehört zum Programm: Am Abend dürfen wir die Kurzkopfgleitbeutler, eine nur in Ozeanien lebende Tierart, mit Honig füttern. 

Wo hier kein Wald ist, ist Wiese – und wo Wiese ist, hüpfen wieder einmal Kängurus um uns herum. Wir können ihre Boxkämpfe sogar vom Speisesaal der Lodge aus beobachten – und sind dabei doch froh, keines auf dem Teller zu haben.