Eine Steinpyramide mit einer Bronzetafel erinnert hier an jene zwei Männer, ohne die es all die wilden Tiere im Ngo-rongoro-Krater und in der Serengeti wohl nicht mehr geben würde: Tierschützer Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael sind beerdigt, wo Büffel und Löwe vorbeispazieren. Hartnäckig hat sich der ehemalige Frankfurter Zoodirektor hier für den Erhalt des einzigartigen Ökosystems eingesetzt. Die Serengeti, halb so groß wie Schleswig-Holstein, lebt noch immer – und erst recht ist im Ngorongoro-Krater, der halb so groß wie der Bodensee ist, eine enorme Artenvielfalt zu bestaunen.

Darauf hätten Vater und Sohn kaum zu hoffen gewagt, als sie in den fünfziger Jahren mit ihrem im Zebra-Look gestrichenen Kleinflugzeug über die riesigen Herden hinwegflogen und den Wanderzyklus von Gnu und Zebra erkundeten. Etwa zwei Millionen Tiere begeben sich heute mit Beginn der Trockenzeit auf ihre Wanderung hinauf in die wasserreichere Maasai Mara und kehren zurück, wenn das Gras in der Serengeti wieder in vollem Saft steht. Wie sollte diese Route gesichert werden, wenn immer mehr Menschen Weideland für ihr Vieh beanspruchten? Provokativ sprach Grzimek davon, dass der Erhalt dieses Naturraumes genauso hoch bewertet werden müsse wie der der Akropolis. Damals erntete Grzimek Kritik. Seine Freundschaft mit Tansanias erstem Präsidenten Julius Nyerere half dabei, knapp ein Viertel Tansanias unter Schutz zu stellen.

Die „endlose Ebene“

Grzimek genoss den Anblick des „achten Naturwunders“ am liebsten still und leise. Heute ist es etwas lauter: Geländewagen rumpeln auf dem Kraterrand entlang und bringen Touristen in die Serengeti, die „endlose Ebene“, wie die Savanne in der Sprache des Hirtenvolks der Massai heißt. Der Naturreichtum lässt den Besucher immer noch staunen: Impala oder Pavian gefällig? Giraffe oder Geier? Schakal oder Leopard? Alles im Angebot. Warzenschweine flüchten mit emporgerecktem Schwanz, Nilpferde suhlen sich in stinkenden Flusspfuhlen, und Sekretäre schreiten geschäftig über die Steppe. Jedes Ohrenzucken eines Löwen wird mit klickenden Kameras honoriert – sogar dann, wenn er wie eine Hauskatze ein Lederhalsband trägt, in dem sich ein Peilsender verbirgt. Und was „abhängen“ heißt, versteht derjenige sofort, der einen Leoparden auf einem Baum erspäht: Alle Viere lässt die Katze in der Mittagshitze vom Ast herunterbaumeln.

Stress für die Geparden

Eine Löwin hat ein Warzenschwein an der Kehle gepackt. Verzweifelt haucht es mit strampelnden Beinen sein Leben aus – und die Löwin macht sich auf, um ihre Jungen zum Festmahl heranzuholen. So lange können die Fotojäger nicht warten. Der Fahrer hat über Funk von der nächsten Sensation gehört. Zwei Geparden sind in der Nähe eines Wasserlochs gesichtet worden. Die eleganten Großkatzen haben auf einem Hügel Posten bezogen und spähen nach Beute. Nervös zucken die Schwänze. Erfolgreich werden sie an diesem Tag nicht sein: 20, 30 und mehr Geländewagen brausen heran, hohe Staubwolken auf der knochentrockenen Piste hinter sich herziehend – Stau in der Serengeti.
 
Die Jäger werden zu Gejagten. Am Eingang des Parks appellieren die Ranger auf Plakaten an die Besucher, den Stress für die Geparden durch rücksichtsvolles Verhalten zu minimieren. Doch längst nicht alle Fahrzeuge drehen, wie erbeten, nach ein paar Minuten ab. Manchmal aber sind auch die dicksten Viecher einfach nicht auszumachen, und dann erbarmen sich schon mal die Ranger im Ngorongoro-Krater der Besucher, die seit Stunden im Kreis herumkurven: Zuerst lassen sie die Geländewagen vorschriftsmäßig in Reih und Glied parken – und dann scheuchen sie ein Nashorn auf, das wie ein Fels in der Steppe geruht hat. Wütend verfolgt das Tier die mit Vollgas davonbrausenden Störenfriede – tolle Bilder garantiert.

Devisen für das arme Land

Auch diese Einlage zeigt: Es ist schwer, die Balance zwischen den Interessen in diesem Nationalpark zu wahren, der dem bettelarmen Tansania wichtige Devisen bringt. Eine Verlierergruppe scheint bereits festzustehen: Früher war das Hirtenvolk der Massai in der Serengeti zu Hause. Als diese 1951 Nationalpark wurde, mussten die Massai mit ihren Kühen und Ziegen in das Gebiet zwischen Krater und Serengeti, die sogenannte „Ngorongoro Conservation Area“, ausweichen. Immer mühevoller wird es für sie, ihr ursprüngliches Leben zu führen und ein paar Brosamen vom Touristensegen abzubekommen. Erspähen die Kinder Geländewagen, rennen sie los und betteln um Süßigkeiten – oder auch um Wasser.

Grzimek hat gezielt dazu beigetragen, Besucher anzulocken. 2000 Mark, so behauptete er im Fernsehen keck, koste der Flug nach Afrika nur noch. Das stimmte gar nicht, aber die Zuschauer stürmten trotzdem in die Reisebüros. Bald schon wurden die ersten Charterflüge ins Tierparadies organisiert. Grzimek wusste genau: Nur wenn wenigstens ein paar afrikanische Lebensräume gerettet werden, haben Zoos in Europa einen Sinn. Umso schöner, dass heute auch tansanische Schulklassen zu den wilden Tieren kutschiert werden. Und: Der Touristenandrang macht auch Wilderern ihr Geschäft schwer. Und so liegt man nachts im Zelt und lauscht dem Heulen der Hyänen. Wer hinausspäht, sieht vielleicht eine Giraffe oder sogar einen Löwen über den Platz streifen – und zieht den Reißverschluss sofort wieder zu. Wie hat doch Grzimek gesagt? Wenn in fünfzig Jahren ein Löwe brülle, werde das den Herzschlag der Leute immer noch beschleunigen, egal ob sie Afrikaner oder Europäer seien. Da hatte der Visionär recht. Aber ganz so nahe muss einem der Löwe doch nicht kommen.