Der Blick schweift über das Häuser-Durcheinander, wir erkennen die Kuppeln von Moscheen. Im Sommer soll es hier sehr heiß sein, denn weit weg ist sie nicht, die Sahara. Doch jetzt, früher im Jahr, ist es angenehm warm, kein Wunder, dass Störche in dieser Gegend überwintern. Wir schwärmen von den Farben und geben ihnen Namen wie Honigmelone und Orange, Sand und Dromedar.

Hier oben, auf dem Flachdach eines Teppichhändlers, können wir gut verstehen, warum Paul Klee die Welt in seinen Bildern so schemenhaft malte. Nur andeutungsweise, auf das Wesentliche konzentriert. Die Formen und Farben dieser Stadt haben ihn dazu inspiriert, als er vor gut 100 Jahren hier war – nur die vielen Satellitenschüsseln gab es damals nicht.

Klee, Macke und Moilliet im Schaffensrausch

„Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler“, schrieb Klee am Donnerstag, 16. April 1914, in sein Tagebuch. Die Farben Kairouans, der Mond des Südens, die Wüstenstimmung, aber auch die Anmut arabischer Frauen beim Bauchtanz und die Chianti-Abende mit seinen Künstlerkollegen haben den damals 34-Jährigen so sehr ergriffen, dass er sich seit diesem Tag als richtiger Maler fühlte.

Klee war mit August Macke und dem heute weniger bekannten Schweizer Louis Moilliet unterwegs. Die zweiwöchige Studienreise der drei Expressionisten nach Tunesien ging in die Kunstgeschichte ein, denn was als Sause begann, endete in einem Schaffensrausch. Indem sie sich für den Orient öffneten, entfernten sie sich von der europäischen Kultur. Das war damals neu, ihr abstrahierender Malstil galt als rebellisch.

„Vor den Toren von Kairouan“ heißt eines der Aquarelle, die Klee während der Tunisreise schuf. Es zeigt die Steppe, die Stadtmauer, eine Moschee, zwei Dromedare, einen Esel. Alle Orte und Plätze,  die die angehenden Weltstars Klee und Macke vor hundert Jahren inspirierten, können noch immer besichtigt werden.

Tunesien ist im Wandel

Tauben fliegen auf, wenn die Muezzins zu rufen beginnen. Wir sind in einem Tunesien im Umbruch. Das Land mit fast ausschließlich muslimischer Bevölkerung hat sich eine neue Verfassung gegeben, die Gewissens- und Glaubensfreiheit sowie die Gleichstellung von Mann und Frau garantiert. An keiner Stelle im Text wird auf das islamische Recht der Scharia verwiesen.

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Auf der Avenue Habib Bourguiba, der den Champs-Élysées nachempfundenen Prachtstraße von Tunis, steht das Stadttheater. Die Jugendstil-Fassade ist bestaubt mit kolonialer Patina. Die neunhundert Jahre alte Medina, die Altstadt mit ihrem Gassen- und Stimmengewirr, ist nicht weit. Aber auch der Neustart der Nation hat schon Spuren auf der Bourguiba hinterlassen, schließlich war sie die Hauptstraße des Aufstandes: Der „Platz des 14. Januar 2011“ erinnert an den Tag, an dem Langzeitherrscher Ben Ali nach wochenlangen Protesten gegen sein Regime nach Saudi-Arabien flüchtete. Mit Stacheldraht sind noch immer Teile der Promenade gesichert.

Tunesien will Dialog der Kulturen

Etwa 425.000 Deutsche haben 2015 in Tunesien Urlaub gemacht, fast so viele wie vor der Revolution. Unternehmesberaterin Amel Karboul, die bis 2015 der Übergangsregierung als Tourismusministerin angehörte, will einen anderen Tourismus für ihr Land. Die Urlauber sollen nicht nur sonnenbaden, sondern auch die Kultur, Geschichte und Natur erleben.

Dass in Tunesien bis zur Arabisierung das Christentum verbreitet war, dass es sogar drei tunesische Päpste gab, wüssten die meisten gar nicht, weil sie die Tage im Hotel und am Strand verbringen, sagt sie. Aber Reisen bedeute doch mehr als das: Die Begegnung mit Land und Leuten könne inspirieren und verändern – so, wie die Tunisreise den Künstlern Klee und Macke eine neue Sicht der Dinge ermöglichte.

Karboul will Tunesier und Touristen zusammenführen, den Dialog der Kulturen fördern, und in der Sahara, für die es einen Reisehinweis wegen Entführungsgefahr gibt, sollen Urlauber zu sich selbst finden. Die Sicherheitslage dort verdeutlicht, wie widersprüchlich das heutige Tunesien wirkt: Das Land hat mit abschreckenden Schwierigkeiten zu kämpfen und lockt doch gleichzeitig mit Weltkultur und Naturschönheiten, an denen sich schon die beiden Maler berauschten.