Alte Fachwerkhäuser, Kopfsteinpflaster, verträumte Gassen? Links eine Weinkellerei? Rechts eine Weinkellerei? Und zwischendurch vielleicht auch eine kleine Weinprobe? Alles richtig. Das ist in Traben-Trarbach an der Mosel nicht viel anders als in Rüdesheim am Rhein oder Deidesheim an der Deutschen Weinstraße. Aber eben doch ganz anders…

Denn Stadtführer Günter Hauenstein wird bei seinem Rundgang Ihr Augenmerk hauptsächlich auf bauliche Kleinodien richten, die Sie sonst nur in Berlin oder anderen großen europäischen Metropolen finden können. Auf Relikte des Jugendstils und steinerne Zeugen einer prachtvollen Zeit, die man diesem Städtchen eigentlich nie zugetraut hätte.

Traben-Trarbach ganz groß

Oder wussten Sie, dass Traben-Trarbach zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Bordeaux die zweitgrößte Weinhandelsstadt in Europa war? Das bedeutete Reichtum und Wohlstand. Wohlstand, der auch gezeigt werden wollte. Damals wie heute. Und so war den Traben-Trarbacher nichts zu teuer, als sie ihre beiden Stadtteile mit einer Brücke verbinden wollten. Niemand anderes sollte sie bauen als der Berliner Star-Architekt Professor Bruno Möhring (1863-1929). Ein Auftrag mit Folgen. Denn Möhring war der Protagonist einer neuen Stilrichtung, dem Jugendstil.

Kaum war die Mosel-Brücke fertig (1899), hagelte es schon die nächsten Aufträge. Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, ließ sich eine Villa von dem preußischen Star-Architekten entwerfen. Der war dafür bekannt, dass er nicht nur einen Hang zum Brückenbau und damit zur Ingenieurskunst hatte, sondern auch eine Schwäche für Details: Am Hotel „Bellevue“, nach Mörings Plänen zwischen 1901 und 1903 gebaut, kann man zum Beispiel einen Eckturm in Form einer Sektflasche inklusive Drahtkranz bewundern. Die Stützbalken der Überdachung erinnern an Sektkelche. Sekt war damals das Getränk der gehobenen Klasse, das zusammen mit dem Wein den Reichtum nach Traben-Trarbach gebracht hatte: Das Netzwerk der Weinhändler reichte vom Berliner Kaiserhof bis nach Amerika und in die deutschen Kolonien in Afrika.

Straßenlaternen als Zeichen des Reichtums

Das Romantik-Jugendstilhotel „Bellevue“ ist ein wahres Juwel, das nicht nur durch äußere Eleganz, sondern auch durch seine authentische Innenausstattung besticht: bunte Ornamentfenster im Speisesaal und im Treppenaufgang, handgemalte Tapeten, ein prachtvoller Schaukamin, der wunderschön aber völlig nutzlos ist. Beachtlich auch der aufwändig gearbeitete Lampenpfosten am Ende des Treppengeländers mit der gut sichtbaren Glühbirne. Warum gut sichtbar? Stadtführer Günter Hauenstein, ein wahrer Jugendstil-Afficionado, der eine bemerkenswerte Website zum Thema Baudenkmäkler und Jugendstil betreibt, erklärt es: “Traben-Trarbach war eine der ersten Städte in Deutschland mit elektrischer Straßenbeleuchtung, die oft außen an den Häusern angebracht wurde, damit auch jeder sieht wie reich man war.” 

Trotz aller Beschaulichkeit darf man nicht vergessen, dass der Jugendstil zu seiner Zeit die Menschen mit einer völlig neuen Formensprache konfrontierte. So warb der Besitzer vom „Hotel Clauss Feist“ – so hieß das „Bellevue“ früher – für sein Haus auch so: “Moderner Neubau - Sehenswürdigkeit in landschaftlich herrlicher Lage mit Aussicht auf die Mosel.”
Das Haus avancierte zur ersten Adresse an der Mosel, berühmte Zeitgenossen wie Freiherr von Richthofen, Graf von Anhalt, Baron von Thyssen und Heinz Rühmann stiegen hier ab. Auch heute lebt und pflegt man im Hotel gehobene Lebensart mit Konzerten und Lesungen und ist offen gegenüber Besuchern, die einen Blick auf die Pracht werfen möchten.

Stil der „Wiener Secession“

Andere Villen sind in Privatbesitz und nur von außen zu besichtigen. Aber auch das lohnt sich. Architekt Möring hat immer wieder mit verschiedenen Stilelementen gespielt: Allen Häusern in Traben-Trarbach gemeinsam ist ein sockelartiger Unterbau, eine Referenz an moselländische Tradition und ein Sicherheitspuffer bei Überschwemmungen. An den Stil der „Wiener Secession“ erinnern die ineinander geschobenen Kuben, aus denen die „Villa Breucker“ (1905) besteht. Hier und bei der „Villa Huesgen“ kommen obendrein noch fernöstliche Elemente zum Einsatz. Die Giebelfront erinnert an einen asiatischen Tempel.

Ein Wässerchen mit Stil


Wer jetzt ein wenig schwächelt auf unserem Stadtrundgang und eine kleine Erfrischung braucht, sollte sich einen guten Tropfen genehmigen. Nein, keinen Moselwein, sondern eines der wohl seltensten Mineralwässer Deutschlands: ein Fläschchen „Trarbacher Felsenquelle“. Und auch dieses Wasser hat seine ganz eigene Geschichte – wie so vieles hier. Denn die zweite Einnahmequelle der Traben-Trarbacher war der Kur- und Badebetrieb: In Bad Wildstein im Kautenbachtal, einem Traben-Trarbacher Stadtteil, sprudelt ein 33 Grad warmer Naturquell aus dem Schiefer-Untergrund. Bis 1974 wurde das Wasser der Felsenquelle als Mineralwasser genutzt und abgefüllt. Danach wurde die Produktion eingestellt.

Als 2003 im hiesigen Erlebnisbad, der Moseltherme, neue Räume eingeweiht werden sollten, entstand die Idee, eine kleine Menge des Wassers wieder abzufüllen, mit dem Original-Etikett zu versehen und jedem Besucher mitzugeben. Was eigentlich als einmalige Marketing-Aktion gedacht war, wurde zu einer neuen Erfolgsgeschichte: Die Traben-Trarbacher wollten ihr gutes Wasser wieder haben. Matthias Heuser von der Weingroßkellerei Robert Heuser, in der die “Trarbacher Felsquelle” abgefüllt wird, sagt: “Mittlerweile füllen wir zwischen 130.000 und 140.000 Flaschen jährlich ab. Das ist eine kleine Produktion und das soll auch so sein.” Und auch hier bleibt sich das Moselstädtchen seiner Liebe zum Jugendstil treu: Heuser sammelt Postkarten aus dieser Zeit – und seine Wasserflaschen tragen alle ein Etikett mit original Jugendstil-Motiven.

Auch die Sammelleidenschaft des Traben-Trarbacher Unternehmers Wolfgang Preuß hat der Stadt eine außergewöhnliche Sammlung beschert: ein Museum mit 1.000 Buddhas und etwa 600 Miniaturen, die er im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat. Ort der Ausstellung ist – wie könnte es anders sein – eine ehemalige, im Jugendstil erbaute Weinkellerei, die aufwändig saniert wurde.

Aussicht auf die Mosel

Ein 225 Quadratmeter großer Anbau mit einer knapp zehn Meter hohen und 17 Meter breiten verglasten Front zur Mosel hin, ergänzt das historische Gebäude: Bambusböden, weiße Wände, die sich mit Natursteinwänden abwechseln, leise Musik, die Aussicht auf die Mosel und natürlich die Buddhas. In der verglasten Halle steht der größte “Erwachte”, der von 3,60 Meter Höhe auf die Besucher herablächelt. Aber auch die kleinen Skulpturen haben ihre Geschichte: Zu sehen sind unter anderem getöpferte Buddhas, die aus Thailand stammen. Dem Ton wurde bei der Herstellung die Asche verstorbener Mönche beigemischt. So dienen die kleinen Figuren nicht nur als Objekte der Verehrung, sondern auch als Amulette.

Wer das Museum besucht, sollte unbedingt vorher den Wochentag seiner Geburt in Erfahrung bringen. Denn es gibt Wochentage-Buddhas zu sehen, die jeweils für einen bestimmten Tag zuständig sind. Wenn Sie an einem Dienstag geboren sind, ist ihr persönlicher Buddha der, der liegend dargestellt wird und seinen Kopf in die Hand stützt. Die Haltung der Hände, Arme und Beine ist eine Symbolsprache, die hier im Museum ausführlich erklärt wird: Was bedeutet es, wenn der Buddha eine Flasche in der Hand hält? Oder mit der Hand zu Boden weist? Warum hat die Buddha-Statue in der großen Halle tausend Arme? Antwort: Damit er den Menschen schneller helfen kann.