„Where are you from?" Nirgendwo auf der Welt habe ich diese Frage öfter gehört als in diesen sechs Tagen. Nirgendwo auf der Welt haben mich Menschen schneller, direkter angesprochen als hier. Im Bus, an der Bar, am Beach, auf der Parkbank – überall diese Frage. Auch heute? An diesem blausten aller himmelblauen Morgen, an diesem schönsten aller schönen Plätze. Ein alter Mann hat mir Platz gemacht. Wortlos rückt er ein Stück nach rechts, als ich auf die Parkbank zusteuere. Er schaut mich an. Augen so leuchtend wie der Morgen, so blau wie das Meer – oder der Himmel? Also los, alter Mann, raus mit der Frage. „Where are you from?“

Sidney überrascht jeden

„Germany“ murmele ich. Hat er überhaupt schon gefragt? Mein Kopf! Es müssen etliche Eimer Fosters und Australian Crocodile (Dunkel-Bock mit 7,6 Prozent) gewesen sein – Welcome in Australia. Alle möglichen Pits, Pauls und Toms hatten mir im „The Argyle“ (schrecklicher Schuppen) zugeprostet und ihre Geschichten erzählt. Verstanden habe ich meist nichts. Mein erster Abend in Sydney – fucking Fosters! „Häämburg“ füge ich noch hinzu und wende mich dem alten Mann zu. Er lächelt verschmitzt. „Hamburg. Ich komme aus Plön. Mein Name ist Josef. Ach was, sag einfach Joe.“

 
Ein Deutscher. Ausgerechnet hier in Sydney, am Ende der Welt, 16.260 Kilometer von Hamburg weg, auf einer Parkbank im Villenviertel am South Mosman – da treffe ich einen Deutschen – und dann auch noch einen Norddeutschen! Obwohl, statistisch gesehen ist das gar nicht so unwahrscheinlich: 2006 wurden 106.524 Australier gezählt, die in Deutschland geboren waren. 811.541 Aussis erklärten, dass sie deutsche Vorfahren hätten. Bestimmt keine Erklärung dafür, dass hier jeder mit jedem quatscht.
 
Nun gut, jetzt habe ich also einen neuen Freund. Zumindest bleibt Joe den halben Tag an mir kleben. Was auch gut so ist. Ich erfahre, dass er seit über 50 Jahren hier in Sydney lebt, wie großartig das Leben in Australien sein kann, wenn man zusätzlich noch ein paar Euro Rente aus Deutschland bezieht. Joe erzählt, dass er am Bau der Oper mitgearbeitet hat, der Architekt Jorn Uzten aber sein fertiggestelltes Kunstwerk nie gesehen hat, dass Sydneys Wanderwege rund um den Hafen führen, man am billigsten mit der Fähre und dem Bus unterwegs ist – und, und. Leider hat er mir nicht verraten, was zwei Stunden in einem Parkhaus kosten - 76 Dollar …!
 
Wir gehen spazieren, fahren Boot, gehen spazieren. In jeder Bucht gibt es eine Anlegestelle der „Sydney Ferries“. Von „Old Cremone“ fahren wir zurück zum „Circular Quay Ferry Terminal“. Mit dem Dayticket wechselt man einfach die Linie. Mit der grünen Linie klappern wir den ganzen südlichen Hafenbereich ab. Von Garden Island, Darling Point über Rose Bay bis Watson`s Bay. Auf der gegenüberliegenden Seite staunen wir über wunderschöne Villen.

Ein wunderbarer Zoo und 70 Strände

Joe erweist sich als ausgezeichneter Fremdenführer. Ich erfahre by the way – oder besser by the walk, das Sydney am 26. Januar 1788 gegründet worden ist, dass es aus der Kernstadt (Sydney City, 156.000 Einwohner) und 37 weiteren Gemeinden mit insgesamt 4,3 Millionen Einwohnern besteht, sich auf dem Stadtgebiet mehrere Nationalparks, ein wunderbarer Zoo und 70 Strände befinden. Natürlich auch, dass ich unbedingt Bondi Beach und Manly Beach besuchen muss. Was ich später auch mache und absolut nicht bereut habe. Ebenso wenig wie die Nudeln in der Bondi Trattoria. Als Joe sich nach Stunden verabschiedet, hat er noch einen letzten Tipp: „Du musst unbedingt in die Blue Mountains. Da findest du die drei schönsten Schwestern des Kontinents.“
 
Blue Mountains? Ich schlendere an der Ferry Station entlang. Vorbei an schicken Restaurants und kleinen Boutiquen. Auf dem Boden der Flaniermeile flackern überall kleine Tafeln auf. Eine Art Broadway für die australischen Schriftsteller – wie Patrick White, der einzige Australier, der jemals den Nobelpreis für Literatur erhielt. Die Sonne verkriecht sich langsam hinter den Hochhäusern der Innenstadt. Ein Hauch von Manhattan. Hinten, am Ende der Hafenmeile, glitzert im Abendlicht die Oper.
 
Das Café vor der Oper – der Mega-Treffpunkt am Abend. Die schönsten der schönen Mädchen sitzen auf der Kaimauer, schlagen die Beine übereinander und beobachten die Gala-Aufführung der Natur vor der bekanntesten Oper der Welt: Langsam zieht die Sonne hinter den Hochhäusern der Innenstadt entlang, vergoldet die verspiegelten Fassaden, um sich anschließend hinter der Harbour Bridge im Wasser zu ertränken. Kann ein Tag schöner enden?

Verkehrt im Kreisel

Am Mittag des übernächsten Tages sitze ich im Mietwagen und kurve nervös durch die Millionen-Metropole. Nie wieder Fosters, nie wieder Linksverkehr. Im Kreisel wird’s hart: Ich bin falsch herum rein gefahren. Stoppen, Fenster runter, Warnblinklicht an, vorsichtig zurück. Komisch – keiner hupt, keiner schimpft, alle warten geduldig, bis ich mein Manöver beendet habe. Mann, bin ich froh, als ich endlich auf den Highway einfädele. Auf sechs Spuren raus aus der Stadt. 30, 40 Kilometer vorbei an den Vororten. Einfamilienhaus-Idylle wie im Bilderbuch.
 
Auf dem Western Motorway geht es am Glenmore Park vorbei auf den Great Western Highway. Und ab jetzt bergauf. Sanft, aber stetig. Durch kleine, schnuckelige Städte wie Woodford, Hazelbrook, Bullaburra. Tempo-Limit 60. Der Tempo-Warner nervt, piepst ständig, wenn die Tachonadel über die Sechzig dreht. Was soll‘s! Eine sagenhafte Kulisse mit wechselnden Baumkulturen. Das Ganze hat was von Kanada.
 

An den Wentworth Falls vorbei erreiche ich Katoomba. Fünf Sterne sind zu wenig für unser Hotel. Himmelbetten, ein atemberaubender Blick von den Zimmern im zweiten Stock und ein fantastischer Wellnessbereich. Das „Lilianfels"  allein ist einen Urlaub wert. Frühstück mit Kängurus, jeden Abend Blitztouren nach Sydney. Einmal Oper und zurück. Und die drei Schwestern? Eine gigantische Felsformation. Die Blue Mountains waren die Heimat der Aborigines. Untereinander waren sich die Stämme nicht immer ganz grün. Der Legende nach waren drei Schwestern in drei Brüder von einem verfeindeten Stamm verliebt. Um keinen Krieg ausbrechen zu lassen, wurden sie vom Medizinmann versteinert. Er wollte abwarten, bis sich die Lage beruhigt hatte. Leider starb der gute Mann, bevor er sie zurückzaubern konnte.

Naturwunder und drei Schwestern

So stehen die drei Schwestern heute stumm vor der Kulisse eines der größten Naturwunder. Denn die Blätter der Eukalyptusbäume verdunsten ein ätherisches Öl, deren feiner Nebel dann hier über den Bergen liegt und durch die Rayleigh-Streuung einen blauen Schimmer verursacht, der den Blue Mountains ihren Namen verleiht. Aber vielleicht stimmt die Geschichte ja auch gar nicht. Und der Medizinmann hat die drei Schwestern nur verzaubert, weil er endlich mal in Ruhe diese herrliche Bergkulisse genießen wollte. Ohne dass jemand kommt und fragt: „Where are you from?“