"Dieses Dorf, wenige Kilometer von der Grenze entfernt, hat 82 Einwohner, die Italienisch sprechen; kein Ristorante, nicht einmal eine Bar.“ So beschrieb Max Frisch 1966 Berzona im Tessin, wo er zwei Jahre zuvor ein Haus gekauft hatte. Mit Unterbrechungen lebte der Schweizer Schriftsteller bis zu seinem Tod im Jahre 1991 hier.

Der Postbus aus Locarno braucht eine halbe Stunde, um über eine steil gewundene schmale Straße in dieses abgelegene Dorf zu kommen. Es liegt im Onsernonetal, das sich von der Talmündung in Intragna bis ins etwa 1.000 Meter hoch gelegene Spruga erstreckt und nur noch 800 hat – verteilt auf acht Dörfer. Die Wanderwege führen durch tiefe Wälder, über steile Hänge und schwindelerregende Brücken. Durch die Schlucht tost der Fluss Isorno.

Max Frisch schreibt über Berzona

Es nieselt. Nebelschwaden hängen über dem Tal. „Die Schlucht ist wild und tief“, schrieb Max Frisch. „Waldig wie zur Steinzeit.“ Noch immer steht auf dem Klingelschild an dem weißen Haus unterhalb des Friedhofs sein Name – zusammen mit dem seiner letzten Lebensgefährtin Karin Pilliod. Aber es bleibt still, wenn du den Klingelknopf drückst. So still, wie es im ganzen Dorf ist, wenn nicht gerade die Glocken der Kirchturmuhr läuten. Denn nur drei Häuser sind ganzjährig bewohnt.

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Frisch hat über die Dorfbewohner geschrieben: „Im Grunde halten sie jeden, der nicht in ihrem Tal geboren ist, für reich oder einen Spinner“, heißt es zum Beispiel in der Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“. Und weiter: „Auch die Inzucht ist im Schwinden, seitdem die Burschen ihr Motorrad haben, ebenso die Sodomie.“

Das klingt zwar nicht sehr schmeichelhaft, hat das winzige Dorf aber literarisch geadelt und erfüllt seine Bewohner darum trotz allem mit Stolz. Gern erzählt Dorfbewohner Viktor Hermann zum Beispiel die Geschichte von der lebensgroßen Puppe, die bei Frisch immer mit am Gartentisch saß, voll bekleidet mit Schal und Mütze: „Das war der Sensenmann, der Tod. Das war sein Memento mori.“ Als Frisch 1990 unheilbar an Krebs erkrankt war, soll er seine Puppe den Hang hinuntergeworfen haben.

Das Tessin: Beliebt bei vielen Schriftstellern

Der Autor von „Homo faber“ war nicht der einzige Schriftsteller, der in Berzona Quartier bezog. Vor ihm hatte sich schon Alfred Andersch in dem kleinen Dorf niedergelassen – und zwar nicht wie Frisch an einem abgeschiedenen Hang, sondern mitten im kleinen Ortskern, wo die Häuser durch schmale Steintreppen miteinander verbunden sind.

Andersch hatte den Schriftstellerkollegen einst auf das kleine Anwesen am Ortsrand aufmerksam gemacht: „Ein altes Bauernhaus mit dicken Mauern und einem turmartigen Stall, der jetzt Studio heißt, alles mit Granit gedeckt“, wie Frisch später schrieb.

Dolce Vita trifft Schweizer Zuverlässigkeit

Berzona ist mit seiner Dichterdichte so etwas wie ein Musterdorf im Tessin. Auch andernorts siedelten sich in diesem südlichsten Kanton der Schweiz Schriftsteller und Künstler an, die das milde Wetter und die schöne Landschaft zu schätzen wussten. Wo sonst auch kannst du morgens über Gletscher wandern und nachmittags unter Palmen dösen? Italienische Sprache und Dolce Vita verbinden sich hier mit Schweizer Zuverlässigkeit und Postbus-Anbindung.

Schon lange vor Max Frisch kam Hermann Hesse ins Tessin. Der Autor des „Steppenwolf“ zog 1919 nach der Trennung von seiner ersten Frau und seinen drei Söhnen nach Montagnola und lebte bis zu seinem Tod 1962 in dem Vorort Luganos. In dem mondänen Städtchen, das sich terrassenförmig über dem Luganersee erhebt, erinnert heute ein hervorragend gestaltetes Museum an Hesse.

Seine Schreibmaschine steht dort mit einem eingespannten Manuskriptblatt so betriebsbereit auf dem Schreibtisch, als sei der Dichter nur mal eben in den Garten gegangen. Nebenan in der Casa Camuzzi, die wie ein barockes Jagdschloss gestaltet ist, hat Hesse einige Jahre zur Miete gewohnt; später hat er sich ein eigenes Haus gekauft, die Casa Rossa. Vom Museum aus kannst du mit einem Audio-Guide auf den Spuren des berühmten Dichters wandeln – Hesse im Originalton mit seinen bekanntesten Gedichten im Ohr: „Seltsam im Nebel zu wandern, einsam ist jeder Stein, kein Mensch sieht den andern, jeder ist allein …“

Auf den Spuren der Dichter

Schöner ist es allerdings, wenn die Sonne scheint und den Blick freigibt auf den Luganersee und die dahinter aufragenden Bergzüge. Der Hesse-Rundgang führt aber auch über einen schattigen Waldweg, den der Nobelpreisträger einst entlangspaziert ist, um seinen Freund Hugo Ball zu besuchen – vorbei an Buchen, Kastanien, Platanen und lauschigen Waldschänken, die hier „Grotti“ heißen. Eine weniger heitere Station ist der pompöse Friedhof Sant’ Abbondio, wo Hesse unter einem schlichten Grabstein begraben liegt – neben seiner dritten Frau Ninon.

Die aus Hamburg stammende Leiterin des Hesse-Museums, Regina Bucher, hat einen Reisebegleiter veröffentlicht, der noch zu weiteren Wanderungen mit dem Dichter anregt – in Montagnola und anderen Orten des sonnigen Kantons. Es heißt „Mit Hermann Hesse durchs Tessin“.