Immer wenn es dunkel wird, kommen sie. Tobias und Katarina starten ihren Rundgang durch das Gewirr der schmalen Gassen. Er ist Deutscher, sie Brasilianerin. In Rio de Janeiro haben sie sich kennen- und lieben gelernt – seitdem reist das Paar durch Brasilien.

Ihre aktuelle Station: der Chapada Diamantina. In Lençóis, der Kapitale dieses außergewöhnlichen Nationalparks, verkaufen die beiden allabendlich Brigadeiros, leckere Schokopralinen aus eigener Anfertigung. Damit finanzieren sie ihre Rundreise.

„Ein schöner Platz“, sagt Tobias. Nach dem Psychologiestudium ging der 30-Jährige aus Paderborn auf Weltreise: Lateinamerika, Schwerpunkt Brasilien, 15 Monate kreuz und quer durch das gigantische Land.

Erst allein, dann an der Seite seiner Katarina, ist der moderne Nomade in der Diamantina gelandet. Hier lasse es sich gut leben, schwärmt er. „Von allen Plätzen, die ich besucht habe, gefällt es mir hier am besten.“

Chapada Diamantina: Unbekannt – aber kein Geheimtipp

Jedermann verbindet mit Brasilien andere Hotspots: Cristo und Zuckerhut, Copacabana und Ipanema, die Wasserfälle von Iguazú, Manaus und Amazonas, die Strände in Salvador und Recife. Doch Lençóis in der Chapada? Weitgehend unbekannt, doch schon längst über den Status des Geheimtipps hinaus.

Viele Blogs und Reiseführer listen den im Bundesstaat Bahia gelegenen Nationalpark seit gut einem Jahr immer wieder in den Top 10 der sehenswerten Ziele im größten Land in Südamerika auf.

Biotope aus Sümpfen, Regenwälder oder wilde Wasserläufe wie dieser: die vielfältige Vegetation des Nationalparks lässt keinen Wunsch offen.
Biotope aus Sümpfen, Regenwälder oder wilde Wasserläufe wie dieser: die vielfältige Vegetation des Nationalparks lässt keinen Wunsch offen. Foto: Hans-Günter Klemm

Todo Brasil em um só lugar, die Vielfalt Brasiliens auf einem Fleck

Gut fünf Stunden dauert die Fahrt mit dem Auto von Salvador in das 38.000 Quadratkilometer große Areal, das seit 1985 als Nationalpark anerkannt ist – eine gemütliche Tour auf erstaunlich gut ausgebauten Straßen in ein Paradies, das als Trekking-Eldorado gilt.

Eine Region, die alles bietet. Todo Brasil em um só lugar, die Vielfalt Brasiliens auf einem Fleck, der in etwa ein Drittel des Bundesstaates ausmacht: Sümpfe, Regen- und Trockenwälder, wilde Wasserläufe, kahle Hochebenen und bizarre Felsformationen mit brutalen Steilhängen, majestätische Tafelberge, mal trockene und staubige Ödnis und dann wieder eine von sattem Grün dominierte Landschaft.

Die märchenhaften Felsformationen in der Tropfsteinhöhle „Lapa Doce“ hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
Die märchenhaften Felsformationen in der Tropfsteinhöhle „Lapa Doce“ hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Foto: Hans-Günter Klemm

Chapada Diamantina: Auf eigene Faust oder alles an einem Tag?

Wer hierherkommt, tauscht die Flipflops gegen Wanderschuhe – denn in der urigen Mittelgebirgslandschaft werden Outdoor-Aktivitäten großgeschrieben.

Ökotourismus? Wer mag, kann alles auf eigene Faust erkunden, gut ausgestattet mit Kartenmaterial. Für die anderen, vor allem für diejenigen, die einen zeitlich begrenzten Aufenthalt planen, gibt es diverse Möglichkeiten. Agenturen bieten geführte Touren an, zu Fuß zu nahe gelegenen Attraktionen oder in Kleinbussen zu fernen Orten, die jeder gesehen haben sollte.

Beim „Poco do Diabo“-Wasserfall kannst du dich nach einer Trekking-Tour erfrischen und etwas ausruhen.
Beim „Poco do Diabo“-Wasserfall kannst du dich nach einer Trekking-Tour erfrischen und etwas ausruhen. Foto: Hans-Günter Klemm

Alles an einem Tag bietet ein rund zehnstündiger Ausflug von Lençóis in den Norden: kristallklares und sprudelndes Wasser am Poco do Diabo, märchenhafte Felsformationen beim Gang durch die Tropfsteinhöhle Lapa Doce, atemberaubendes Farbenspiel in diversen Blautönen beim Blick in die Gruta Azul, erfrischendes und unvergessliches Badeerlebnis in einem der unzähligen Naturpools wie Pratinha und kurz vor Sonnenuntergang die Bilderbuchsilhouette beim relativ bequemen Aufstieg auf den Morro do Pai Inácio.

Das Wasser der Gruta Azul im Nationalpark Chapada Diamantina bietet ein atemberaubendes Farbenspiel.
Das Wasser der „Gruta Azul“ im Nationalpark Chapada Diamantina bietet ein atemberaubendes Farbenspiel. Foto: Hans-Günter Klemm

Früher Diamantensucher, heute Touristen

Am Ostrand des Parks liegt Lençóis, die Perle unter den Kolonialstädtchen: einst der Ausgangspunkt für die Bandeirantes, die Diamantensucher aus São Paulo, die hier ihr Glück suchten – aber nicht immer fündig wurden. Gut 30.000 siedelten hier in der Hochzeit im 19. Jahrhundert auf der Suche nach schnellem Reichtum.

Heute leben nur noch 500 Einwohner in dem Ort, der sich als Ausgangspunkt für einen Diamantina-Urlaub anbietet, weil zentral gelegen und gut erschlossen sowie mit Unterkunftsmöglichkeiten für jeden Geldbeutel.

Einige billige Hostels, viele preisgünstige Pousadas, wenige teure Hotels. Eine Unmenge an schmucken, renovierten Koloninalhäusern, mit Fassaden in grellen Farben sowie in Ockertönen gehaltenen Ziegeldächern. Ein Idyll mit kleinen Wegen und Gassen mit Kopfsteinpflaster, die abends zur Bühne werden: Nachtleben in Lençóis auf offener Straße und im Freien, in Bars und Cafés, Bistros und Restaurants.

Und wer weiß, möglicherweise begegnet der Besucher bei dem Streifzug durch das nächtliche Lençóis dabei mal Tobias samt seiner Katarina.