Es ist ein langer und beschwerlicher Aufstieg: 842 Treppenstufen führen vom Eisstadion Medeu hoch auf den Berg Mochnatka, rund 25 Kilometer entfernt von der alten Hauptstadt Almaty. Zu Sowjetzeiten wurden hier Dutzende Weltrekorde von berühmten Sportlern aufgestellt. Heute finden hier, auf 1690 Metern Höhe, noch große Konzerte statt.

Doch die meisten wollen weiter nach oben. Von unten kann man das Ende der Treppe kaum erahnen – oben angekommen am Murenschutzstaudamm, eröffnet sich einem dann aber ein atemberaubender Blick über die grüne Landschaft der ersten Ausläufer des Tienschan-Gebirges.

Um den Berg Mochnatka zu erklimmen, müsst ihr vom Eisstadion Medeu 842 Treppenstufen überwinden.
Um den Berg Mochnatka zu erklimmen, müsst ihr vom Eisstadion Medeu 842 Treppenstufen überwinden. Foto: Janik Marx

Weder Diktator noch Demokrat

Ein langwieriger Aufstieg – der steht dem ganzen Land bevor. Kasachstan ist im Aufbruch, ein Land im gesellschaftlichen Transformationsprozess. Dafür steht auch Präsident Nursultan Nasarbajew.

Er ist kein klassischer Diktator – aber auch kein lupenreiner Demokrat. Vielleicht wäre er gern einer. Aber für ihn steht an erster Stelle die Stabilität. Seine Auffassung: Wenn man als riesiger Flächenstaat zwischen zwei Weltmächten wie Russland und China liegt, kann man sich den Luxus einer pluralistischen Gesellschaft, nennenswerten Opposition oder freien Presse nicht leisten. Zu groß ist die Furcht vor Einflussnahme von außen.

Kasachstans düstere Vergangenheit

Nach dem Fall der Sowjetunion wollte man sich möglichst schnell von diesem Teil der eigenen Geschichte distanzieren. In der Nähe der heutigen Haupt- und Steppenstadt Astana gibt es das einzige Gulag-Museum auf ehemals sowjetischem Boden. Von 1937 bis 1956 wurden hier Frauen aus allen Teilen der Sowjetrepubliken interniert, Tausende starben im Lager, die genauen Zahlen sind nicht bekannt.

Ein original erhaltener Waggon, eine Ausstellung sowie eine lange Tafel mit den Namen der Opfer erinnern an die schrecklichen Taten, die hier, mitten in der lebenswidrigen Steppe, stattfanden.

Darüber, dass Nasarbajew selbst noch in der Endphase der Sowjetrepublik Generalsekretär der Kommunistischen Partei war, geht man hier galant hinweg.

Die Lagergedenkstätte Alzhir gilt als einziges Gulag-Museum auf ehemals sowjetischem Boden.
Die Lagergedenkstätte Alzhir gilt als einziges Gulag-Museum auf ehemals sowjetischem Boden. Foto: Janik Marx

Der Westen als Vorbild

Seit 1990 ist der Präsident im Amt und will die gerade in Russland noch glorifizierte Stalin-Vergangenheit hinter sich lassen. Richtung Westen schaut man aus dem opulenten Präsidentenpalast in Astana. Die Hauptstadt soll da das Prunkstück sein: Meisterwerke westlicher Architekten stehen hier dicht an dicht, in nahezu jeder Seitenstraße gibt es exzellente Restaurants und in den äußeren Stadtvierteln reihen sich die Luxusvillen aneinander.

Die Kasachen sind stolz auf ihre neue, westliche Hauptstadt – und sie drängen nach Europa.

In der Hauptstadt Astana stehen Meisterwerke westlicher Architekten dicht an dicht.
In der Hauptstadt Astana stehen Meisterwerke westlicher Architekten dicht an dicht. Foto: Janik Marx

Ein Jahrhundertprojekt

Da kommt die chinesische Seidenstraßeninitiative gerade richtig. Dank der reichen Öl- und Gasvorkommen kann man sich die neue Infrastruktur auch ohne Pekings Hilfe leisten.

Jüngst kündigte Nasarbajew sogar an, einen Kanal zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer bauen zu wollen – ein Jahrhundertprojekt, das schon zur Zarenzeit geplant, jedoch nie umgesetzt wurde.

Doch man will nicht nur ein Transitland für die europäisch-chinesischen Güterströme sein, sondern auch eigene Produkte auf die Reise schicken. Ganz oben auf der Liste: Autos.

Deutsche sind besonders beliebt

Deshalb sucht die Regierung den Kontakt zu ausländischen Geldgebern. Ganz besonders beliebt: deutsche Investoren. Zu Deutschland haben die Kasachen ein gutes Verhältnis: Viele Wolgadeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kasachstan deportiert. Einst lebten hier über 800.000 Deutsche.

Die meisten sind mittlerweile zurückgekehrt, doch werden deutsche Unternehmen und Tugenden immer noch sehr geschätzt.

Und die Vielfältigkeit zeichnet Kasachstan noch immer aus: Nur rund 63 Prozent der hier lebenden Menschen sind tatsächlich auch Kasachen. Dazu kommen Russen, Ukrainer, Tataren, Uiguren und Turkmenen. Über 120 verschiedene Ethnien leben hier zusammen.

Kasachstan: Zwei Gesichter – ein Land

Es sind diese zwei Gesichter, die dieses vielfältige Land ausmachen: Die Hauptstadt Astana steht für den Vorwärtsdrang der Kasachen, für die Moderne, die Annäherung an den Westen. Aber man merkt auch: Es ist eine künstliche Stadt, nicht aus traditionellen Strukturen gewachsen, sondern innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft.

Almaty ist da der Kontrastpunkt: Die Stadt ist eine grüne Lunge, wohin man auch schaut, stehen teils jahrhundertealte Bäume. An den zentralen Orten der Stadt wuseln die Menschen durcheinander, in der großen Markthalle werden – fein säuberlich drapiert – heimische Früchte und Fleischwaren angeboten.

Ein Kontrast zu den westlichen Bauten: Auf dem Kök-Basar in Almaty werden heimische Früchte und traditionelle Fleischwaren angeboten.
Ein Kontrast zu den westlichen Bauten: Auf dem Kök-Basar in Almaty werden heimische Früchte und traditionelle Fleischwaren angeboten. Foto: Janik Marx

In Kasachstan sind Besucher willkommen

Touristen sieht man in Kasachstan selten. Einigen Weltenbummlern ist die natürliche Schönheit des Landes zwar schon bekannt – doch weder aus Ost noch West strömen die Menschen hierher. Das hat auch seine gute Seite: So kann man Traditionen, Menschen und Gegensätze in Ruhe beobachten. 

Und die Menschen freuen sich überall im Land über jeden fremden Besucher.