Reisen per Anhalter: Als Tramper von Hannover nach Istanbul

In 5 Tagen von Hannover nach Istanbul – per Anhalter

Spontan und herrlich chaotisch: Urlaube per Anhalter sind vieles – aber nicht planbar. Was du erleben kannst, wenn du in fünf Tagen von Hannover nach Istanbul trampst? reisereporter Ansgar verrät es dir.

Als Anhalter an der Straße.
Daumen raus und los: reisereporter Ansgar Nehls ist von Hannover nach Istanbul getrampt. (Symbolfoto)

Foto: unsplash.com/atlasgreen

Stell dir vor, du läufst nachts um halb eins mit deinem Kumpel an der Leitplanke einer ungarischen Autobahn entlang. Eure Mitfahrgelegenheit hat euch kurz vor der serbischen Grenze in der Dunkelheit abgesetzt. Einfach so. Mit Händen und Füßen hat euch der bulgarische Lkw-Fahrer zu verstehen gegeben, dass eure gemeinsame Fahrt hier zu Ende ist.

Er muss rechts in die Lkw-Schlange zur Grenzkontrolle – und ihr müsst jetzt zu Fuß weiter. An der Grenze reiht ihr euch hinter den wartenden Autos ein und reicht dem verdutzten Grenzbeamten eure Pässe. Und dann seid ihr tatsächlich in Serbien – und immer noch auf der Autobahn. Also erst einmal weiter an der Leitplanke entlang. Weiter in der Dunkelheit. Bis zur nächsten Raststätte.

Trampen ohne nachzudenken – von Hannover nach Istanbul

Auch wenn es nicht so klingt: Für meinen Kumpel Felix und mich sah vor vier Jahren so unser Urlaub aus. Wir liefen mitten in der Nacht diese dunkle Autobahn entlang. Vor allem, weil wir auf die wahnsinnig abenteuerliche Idee gekommen waren, von Hannover nach Istanbul zu trampen. Aber auch, weil wir uns im Vorfeld unserer Tour keine Gedanken gemacht hatten – zum Beispiel darüber, dass Lkw-Fahrer uns vor den EU-Grenzen abwerfen könnten.

Stattdessen stürzten wir uns kopfüber ins Chaos. Erst einmal lostrampen, irgendwie würden wir schon ankommen. Und genau das war eine ziemlich gute Idee. Denn die Episode an der serbischen Grenze hat noch einen letzten Dreh – und der steht so ziemlich für alles Großartige an dieser Reise.

Und dann trafen wir zwei Freunde – mitten im Nirgendwo

Denn ursprünglich hatten wir uns zu viert auf den Weg nach Istanbul gemacht. Zwei Freunde hatten aber lieber die Route über München statt über Prag genommen. Beim Straßenmusizieren in Wien hatten sie zwar ihre Reisekasse aufgefüllt, leider aber auch ihr einziges Handy verloren. Und so hatten wir, seit wir Deutschland verlassen hatten, nichts mehr von den beiden gehört.

Bis zu dieser Nacht im Nirgendwo – an einer einsamen Raststätte, kurz hinter der ungarisch-serbischen Grenze.

Als unsere Laune nach dem Adrenalin-Hoch der abenteuerlichen Grenzüberquerung immer schlechter wurde, tauchten die beiden aus der Dunkelheit auf. Mit ihrer Gitarre auf dem Rücken und einer Flasche ungarischen Schnapses in der Hand.

Zusammen suchten wir uns eine Wiese, auf der wir unsere Zelte aufbauen konnten – und alle Probleme lösten sich in Wohlgefallen auf.

Wenn sich ein Problem andeutete, taten wir einfach nichts

So war es eigentlich immer während dieser fünf Tage, die wir brauchten, um Istanbul zu erreichen. Immer, wenn sich ein Problem andeutete, taten wir einfach nichts – und es löste sich von selbst. Wenn uns niemand mitnehmen wollte und sich ein Unwetter anbahnte, gerieten wir nicht in Panik. Im letzten Moment kam immer jemand. Und der Regen setzte erst ein, als wir in der Fahrerkabine des nächsten Lkw im Trockenen saßen. 

Der Urlaub gehört heute ohne Frage zu den besten meines Lebens. Weil ich in den fünf Tagen das Trampen kennenlernte. Weil ich mich danach in Istanbul verliebte und mich noch heute nach der Gelassenheit dieses Urlaubs sehne. Und weil ich Geschichten mitgebracht habe. Das ist das Wichtigste. 

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