Burgen, Klöster, Kirchen – die Straße der Romanik | reisereporter.de

Straße der Romanik: 1.000 Kilometer durch Sachsen-Anhalt

Vor 25 Jahren wurde in Sachsen-Anhalt die Straße der Romanik eröffnet. Nirgendwo im Osten befanden sich mehr romanische Bauwerken in gutem Zustand. Heute sind es 88 Objekte auf einer 1.000 Kilometer langen Acht.

Roland Herold
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Der Dom von Magdeburg ist nicht nur das Wahrzeichen der Stadt, sondern auch gern gewählter Startort für Touren auf der Straße der Romanik.

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Am 7. Mai 1993 eröffnete die Straße der Romanik. Sachsen-Anhalt ist nach Rheinland-Pfalz das Bundesland mit den meisten romanischen Bauwerken in gutem Zustand. Heute sind es 88 Objekte an 73 Orten auf einer Nord- und einer Südroute – gleich einer 1000 Kilometer langen Acht. Die Architektur reicht etwa von 950 bis 1250. Rund 1,5 Millionen Besucher nutzen die Route jährlich – und auch der Reisereporter ging auf Tour, vorbei an Burgen, Klöstern und Kirchen.

Die Straße der Romanik verläuft auf rund 1000 Kilometern durch Sachsen Anhalt.
Die Straße der Romanik verläuft auf rund 1000 Kilometern durch Sachsen Anhalt. Foto: Patrick Moye

Magdeburg als Zentrum Europas

„Sachsen-Anhalt hat richtige Perlen der Romanik“, schwärmt Stadtführer Willi Willmann. „Und dass es noch so viele gibt, verdanken wir den Menschen, die sie gehegt und gepflegt haben.“

Wer sich auf Spurensuche begibt, hat in Magdeburg einen idealen Ausgangspunkt. „Die Wehrhaftigkeit war ein wichtiger Aspekt der romanischen Architektur – dicke Mauern, kleine Fenster“, erklärt Willmann. Die meisten verbänden mit Romanik Kirchenbau – aber auch Burgen, Klöster und Profanbauten gehörten dazu.

Magdeburg war im 10. Jahrhundert neben Rom und Konstantinopel das europäische Zentrum schlechthin. Kaiser Otto schenkte seiner Frau Editha die heutige Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts als Morgengabe zur Hochzeit. Die vormals ottonische Kirche wurde umgebaut und so liegt nun heute der erste gotische Dom auf deutschem Boden – St. Mauritius und Katharina – auf der Straße der Romanik.

Erst spät, im Jahre 2010, wurde dort neben dem Kaisergrab auch der Bleisarg mit den sterblichen Überresten Edithas gefunden, der „Lady Di des Mittelalters“. Otto, in dessen Epoche eher Zweckheiraten üblich waren, galt als unsterblich verliebt in seine Frau, die jung verschied. Konturen nimmt das Dommuseum Ottonianum an und wird voraussichtlich am 3. November eröffnet. 

In der ehemaligen Staatsbank entsteht eine moderne Multimedia-Ausstellung. So soll eine 3-D-Visualisierung Besucher direkt mit auf die einstige Dombaustelle nehmen. Auch Funde aus Grabungen werden zu sehen sein. Schließlich schickt sich Magdeburg an, 2025 Kulturhauptstadt Europas zu werden

Schatzrettung per Leichenwagen

Einen Katzensprung vom Dom entfernt liegt das Kloster Unsere lieben Frauen, das älteste erhalten gebliebene Bauwerk der Stadt. Heute ist die im 11. und 12. Jahrhundert entstandene romanische Klosteranlage Museum für moderne Kunst und Skulpturen.

Konkurrent Magdeburgs im Mittelalter war Halberstadt im Landkreis Harz. Im 10. Jahrhundert wurde dort der erste ottonische Dom gebaut. Doch als Otto I. seine Lieblingsresidenz Magdeburg zum Erzbistum machte, entzog er dem Halberstädter Bischof damit Macht und Land. 1236 begann deshalb in Halberstadt der Bau eines gotischen Domes nach dem Vorbild französischer Kathedralen, dessen Fertigstellung 250 Jahre dauerte.

Unglaubliche Schätze enthält das Museum im Halberstädter Dom – hier ein Teppich aus der Zeit der Romanik.
Unglaubliche Schätze enthält das Museum im Halberstädter Dom – hier ein Teppich aus der Zeit der Romanik. Foto: Roland Herold
Zu den neuzeitlichen Legenden zählt, dass George Clooney im Mai 2013 bei der Suche nach einem Drehort für den Film „Monuments Men“ im Dom ehrfürchtig gesagt haben soll: „It’s perfect.“

Verbürgt ist, dass die Reformation erst sehr spät (1591) nach Halberstadt kam und von da an Geistliche beider Konfessionen den Dom in bemerkenswerter Eintracht nutzten. Ein wichtiger Grund, warum der Domschatz bewahrt werden konnte und seit zehn Jahren der Öffentlichkeit in einer Dauerschau zugänglich ist.

Der zweite Grund hängt mit seiner Auslagerung während des Zweiten Weltkrieges zusammen. Damals war er in einer Höhle bei Quedlinburg untergebracht. Ein amerikanischer Offizier entdeckte das Versteck und stahl Teile des davor gelagerten Domschatzes aus Quedlinburg und schickte sie per Feldpost nach Hause.

Halberstadt aber sandte zwei Geistliche mit einem Leichenwagen nach Quedlinburg und lagerte seinen Schatz noch rechtzeitig um. „Das ist ein Wunder zu nennen“, sagt die Sprecherin des Dommuseums, Claudia Wyludda.

Galerie: Unterwegs auf der Straße der Romanik

900 Jahre von Frauen regiert

Der Domschatz, das sind über 1.000 Stücke, die seit dem 9. Jahrhundert eingekauft, als kostbare Geschenke erhalten oder von Plünderungen mitgebracht wurden. Ein Drittel davon ist in der Ausstellung zu sehen. Darunter zahlreiche Armreliquiare aus dem 13. Jahrhundert mit Splittern vom Heiligen Kreuz, Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien, monumentale romanische Teppiche und wertvolle Gewänder.

In der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Quedlinburg thront die Stiftskirche über allem. 936 wurde hier der erste deutsche König Heinrich I. beigesetzt. Nach seinem Tod gründete Witwe Matthilde an seinem Grab ein Damenstift, das nur Kaiser und Papst unterstand und bis 1803 bestand.

So wurde Quedlinburg fast 900 Jahre von Frauen regiert und sah viele Hoftage, auf denen deutsche und europäische Geschichte geschrieben wurde. Matthildes Enkelin gleichen Namens hatte zeitweilig sogar die Reichsverweserschaft inne – 1.000 Jahre vor der Kanzlerschaft Angela Merkels.

Himmlers Größenwahn

Die heutige Stiftskirche wurde als vierter Kirchenbau an gleicher Stelle im Jahre 1129 fertig. Die Gebeine Heinrich I. sind aus seiner Grablege verschwunden, aber die Gräber der beiden Matthildes sind komplett erhalten. Im Dritten Reich vertrieb SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der sich größenwahnsinnig in der Tradition König Heinrichs sah, die Geistlichen und machte die Kirche zur Weihestätte für die Waffen-SS. 

Er ließ sogar Mauern durchbrechen, um eine nur für ihn bestimmte Geheimtreppe anlegen zu lassen. Der Quedlinburger Domschatz kann sich zwar nicht mit dem Halberstädter messen. Dennoch birgt er seltene Kostbarkeiten. Zehn der einst zwölf entwendeten Kunstwerke sind inzwischen aus den USA zurückgekehrt.

Gegenüber vom Schlossberg liegt der Münzenberg. 986 gründeten hier die erste Äbtissin Matthilde und Kaiserin Theophanu ein Benediktinerinnenkloster, das die Wirren der Bauernkriege aber nur knapp überdauerte.

Ende des 16. Jahrhunderts siedelte sich auf den Trümmern der Ruine fahrendes Volk in 65 kleinen Fachwerkhäusern an – Musiker, Scherenschleifer, Kesselflicker. Einige Häuser nahmen Teile dieser Klosterkirche St. Marien auf, von Apsis, Querhaus, Langhaus und Westbau.

Nach 1990 wurde das Gebiet komplett saniert und zu einem der beliebtesten Wohngebiete Quedlinburgs. Bis der Lemgoer Mediziner und Professor Siegfried Behrens kam, sich auf dem Berg ein Haus kaufte und auf Teile der Ruinen stieß. Er kaufte weitere Häuser, Keller und Grundstücke und überführte all das schließlich in eine Stiftung. 

Das Abenteuer mündete in einem Museum unter den Häusern, in dem große Teile der frühromanischen Kirche wieder zu sehen sind. Darunter Gräber einer Benediktinerin und eines mit einem Speer getöteten Kriegers. Zum Teil grenzen die Gewölbe an noch genutzte Keller. „Konzerte finden hier nur deshalb nicht statt, weil es rauscht, wenn oben die Spülung gezogen wird“, sagt der Vereinsvorsitzende Frank Sacher.

Das Heilige Grab von Gernrode

Auch Gernrode, mittlerweile eingemeindet von Quedlinburg, hat mit der ab 959 erbauten Stiftskirche St. Cyriakus eine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit und einen der ältesten Sakralbauten in Deutschlands.

Markgraf Geros Söhne starben früh, deshalb musste er ein Damenstift daraus machen. Auf Voranmeldung zeigt Kirchenführerin Cornelia Weiß heute maximal 15 Gästen am Tag darin die älteste Nachbildung des Heiligen Grabes aus dem 11. Jahrhundert. 

Das Heilige Grab in Gernrode darf nur von außen fotografiert werden. Die Figur in der Mitte könnte Maria Magdalena sein.
Das Heilige Grab in Gernrode darf nur von außen fotografiert werden. Die Figur in der Mitte könnte Maria Magdalena sein. Foto: Roland Herold
Von seiner Entstehungszeit kommt es dem Original in Jerusalem am nächsten. Umhüllt wird es von Stuckfiguren aus heimischem Buntsandstein, die das Evangelium in bildhaften Vergleichen zeigen.

In der Grabkammer selbst drei Frauen, die zum Grab eilen und eine große Figur, die Christus als ersten Weltenbischof oder den Evangelisten Markus darstellen könnte. 2010 stieß man in der Kirche auf Skelettreste einer Frau im Alter zwischen 25 bis 40 Jahren mit Pilgerkreuz. 

Möglicherweise war sie es, die das Original der Grabkammer in Jerusalem gesehen hat. „Man weiß, dass damals Geros Schwester in Jerusalem war und dort starb“, sagt Weiß. Stammt die geheimnisvolle Unbekannte womöglich aus deren Gefolgschaft? Es ist nicht das letzte ungelöste Rätsel auf der Straße der Romanik.

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