Am Strandkiosk wird die letzte Portion Pommes frittiert, ein spätes Hausboot steuert in die Marina, und weit draußen dümpeln ein paar Angler in ihrem Kahn.Von unserem Penthouse im Müritzturm im Hafendorf Rechlin lässt sich das Geschehen aus mehr als 20 Metern Höhe prima überblicken – wie von der gläsernen Kapitänsbrücke eines Ozeandampfers aus. Nur dass da unten eben kaum etwas geschieht. Aber das ist ja das Schöne bei einer Reise an die Müritz, dem „Kleinen Meer“, wie die Slawen den größten innerdeutschen Binnensee respektvoll tauften (stimmt, der Bodensee ist größer, grenzt aber ebenso an die Schweiz und an Österreich). Wer hierher an die Mecklenburgische Seenplatte fährt, genießt die stillen Blicke übers Wasser.

Seeadler sind hier die Stars

Fisch- und Seeadler sind die größten Stars unter all den Viechern, die hier kreuchen und fleuchen – und einige kommen sogar ins Fernsehen: Die Nationalpark-Information in Federow am Ostufer überträgt jeden Frühsommer live das Brutgeschäft eines Fischadlerpärchens in die Station, die Kamera ist neben dem Horst auf einem Strommast installiert. Kürzlich zählten die Ranger drei Jungvögel, die sich von ihren Eltern Aale und Barsche aus den zahllosen Seen servieren ließen.

Im Herbst werden die Adler auf die Plätze verwiesen: Die eigentliche Attraktion sind dann Tausende Kraniche, die sich für den Weiterflug in ihre südlichen Winterquartiere sammeln. An der Müritz futtern sie sich noch mal richtig satt – und genießen besten Schutz: Sogar Wanderwege werden gesperrt. Gegen Abend lassen sich Touristen mit dem sogenannten Kranich-Ticket von Rangern zu den Schlafplätzen der Vögel leiten. So nähern sich die Besucher den majestätischen Tieren in den Schilfgürteln, ohne sie zu stören. Tagsüber sieht man Kraniche in kleineren Trupps auf abgeernteten Feldern stehen – und hört ihr schrilles Trompeten.

Früher Jagdgebiet, heute Naturschutzgebiet

 Der Müritz-Nationalpark in der Mecklenburgischen Seenplatte liegt in einer der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Die Gegend gehörte zu den Kostbarkeiten aus der Erbmasse der DDR. Kurz bevor der Staat unterging, gelang es 1990 umweltbewegten Politikern, mehr als 300 Quadratkilometer unter Schutz zu stellen. Bis dahin hatten hier Militärs und mit Jagdflinten bewaffnete SED-Funktionäre das Sagen.

Hinterlassenschaften aus dieser Zeit sind im Luftfahrttechnischen Museum in der Gemeinde Rechlin am Südostufer zu begutachten: Ausrangierte Militärflugzeuge bilden den Kern der Schau über die einstige „Erprobungsstelle Rechlin“. Schon das kaiserliche Heer plante hier 1916 eine Flieger-Lehranstalt. Die Nationalsozialisten testeten im großen Stil ihre neuesten kriegstechnischen Errungenschaften, vom Bomber bis zum Schleudersitz.

4.000 Techniker, Ingenieure und Piloten waren stationiert, kurze Zeit auch ein begeisterter Freizeitpilot namens Heinz Rühmann. Der Schauspieler ließ sich 1941 im Fliegerhorst eine soldatische Grundausbildung verpassen. Bald spielte sein Meniskus nicht mehr mit, er durfte seine durch Wiesen und Wälder marschierenden Kameraden auf dem Fahrrad begleiten. Für den Ausbau der Start-und-Landebahn auf dem heute zivil genutzten Flugplatz mussten auch Frauen aus dem KZ Ravensbrück schuften. Davon ist nur wenig zu lesen in der Ausstellung. Wer nach dem Besuch im Museumscafé „Tante Ju“ sitzt, wundert sich über die unkritische Darstellung der Militärhistorie.

Nach dem Krieg kamen die Russen mit Jagdflugzeugen und Kampfhubschraubern. Die Soldaten lebten abgeschirmt in ihrem eigenen „Sektor“ hinter einer hohen Betonmauer. 1993 donnerten sie Richtung Heimat davon – und ließen sechs Hunde und 74 Katzen zurück, wie eine Tafel akribisch vermerkt. Daneben ragen zur Erinnerung immer noch ein paar Reste jener Mauer auf, die länger stand als jene in Berlin.

Ein Sieg für die Natur

Bei so viel kriegerischer Vergangenheit wundert es kaum, dass in manchen Waldstücken bis heute vor Munitionsresten gewarnt wird. Beinahe überall jedoch hat sich die Natur das Terrain ganz sanft zurückerobert. Die Ironie besteht gerade darin, dass es diese grüne Pracht wohl kaum mehr geben würde, wären Zivilisten früher nicht ausgesperrt gewesen.
Heute erkunden Besucher die Müritz am besten mit Hausboot, Fahrrad, Kanu – oder auch mit den Booten der Weißen Flotte, die in den Sommermonaten fahrplanmäßig auf dem See unterwegs sind. Und wenn man dann vom pittoresken Städtchen Waren im Norden bis nach Rechlin im Süden quer durch den Nationalpark geradelt ist, bezieht man wieder Position auf seiner Penthouse-Brücke hoch oben im Müritzturm – und schaut den anderen Kapitänen da unten müde und zufrieden hinterher.