Der Hinweis ist wahrscheinlich unvermeidlich, wenn Neulinge wie wir ein Kleinflugzeug besteigen: „Tüten sind in der Sitztasche vor Ihnen, falls der Magen nicht mitmacht“, sagt Stefan Matthaei, als er die einmotorige Maschine vom Typ Maule auf die Startpiste des Flugplatzes Pömetsried bei Murnau steuert.

Uns ist in der Tat ein wenig mulmig, denn der Himmel über dem Blauen Land und der dahinter liegenden Zugspitzregion ist heute nicht postkartenblau, sondern eher bleiern. Immerhin kämpfen sich einzelne Sonnenstrahlen ab und an durch.
Dann zieht Matthaei seine Maschine hoch. Wir sind noch keine drei Minuten in der Luft, da haben wir schon begriffen, warum der Regisseur Joseph Vilsmaier die Vogelperspektive gewählt hat für seine filmische Huldigung Bayerns.

Murnau am Staffelsee

Unter uns liegen das Blaue Land mit Murnau am Staffelsee, liegen der Kochelsee und der Walchensee wie silbergraue Scheiben in der Landschaft, und als dann ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, wechselt die Farbe der Seen sofort ins Türkis. Flüsse und Bäche ziehen sich als Glitzerbänder durch Wälder und Felder, die großen Bauernhäuser inmitten von Wiesen werden zu kleinen Punkten. Es geht auf den Karwendel zu, diesen schroffen und steilen Teil der Alpen, dessen Inneres im Sommer ein Wandererparadies ist, wo sich aber im Winter kein Mensch aufhält. Oben neben der Bergstation der Karwendelbahn haben sie eine Art riesiges Fernrohr installiert. Es ist begehbar und bei schönem Wetter gibt es hier das Gesamtpanorama der Alpen bis zum Hauptkamm zu bestaunen.

Matthaei dient jetzt unten das Flusstal der Loisach als Wegweiser Richtung Garmisch-Partenkirchen. Wir erhaschen unterwegs sogar einen Blick auf den sogenannten Alpspix. Im Frühjahr 2010 haben sie unterhalb der pyramidenförmigen Alpspitze zwei Stahlarme an den Osterfelder Kopf gebaut, die jeweils 17 Meter lang sind und sich wie ein „x“ kreuzen. Wer sie betritt, den trennt nur ein Gitterrost vom freien Fall. Der spektakuläre Blick ist hier derjenige in den Abgrund. Unter einem geht es 1000 Meter steil hinab ins Höllental.
Die Alpenkulisse – ein Magnet für Künstler

Deutschlands höchster Berg hat keine Lust zur Präsentation, die Zugspitze hüllt sich in Wolken. Pilot Matthaei zieht seine Maule wieder Richtung Norden. Auf dem Weg Richtung Pömetsried gönnt uns der Himmel eine letzte Überraschung. „Was dahinten im Sonnenlicht blinkt, ist die Allianz-Arena in München“, sagt Matthaei. Dann setzt er das kleine Flugzeug wieder in Pömetsried auf, die Erde hat uns wieder, und die Tüten stecken Gott sei Dank weiter unbenutzt in der Sitztasche.

Die Alpenlandschaft, die wir überflogen und in den Blick genommen haben, rückt sich von Murnau aus in anderer Perspektive ins Bild. „Wenn man sich die Gegend als ein Theater denkt, dann ist Murnau der Zuschauerraum, das Blaue Land und das Murnauer Moos sind die Bühne und die Ammergauer Alpen und das Wettersteingebirge dahinter die Kulisse“, sagt Uwe Prechtl, der hier im Voralpenland wohnt. In der Tat liegt das Städtchen etwas erhöht auf einer Terrasse. „Wenn Sie anderswo in den Alpen sind, müssen Sie den Kopf in den Nacken nehmen, um die Gipfel zu sehen. Hier nicht“, sagt Prechtl.

Die landschaftlichen Eigenheiten und die vom Wetter bestimmten Lichtspiele des Blauen Landes haben auch solche Leute angelockt, die einen speziellen Blick für so etwas haben: Künstler und Literaten. Die Expressionistin Gabriele Münter lebte in Murnau und von 1908 bis 1914 auch Wassily Kandinsky, den sie liebte. „Ich war voll von Bildern des Ortes und der Lage. Immer mehr erfasste ich die Klarheit und die Einfachheit dieser Welt“, hat Münter notiert. Kandinsky befand, nirgends habe er eine ähnliche Fülle von Ansichten. Auch Franz Marc hat in der Gegend gewirkt. Alle zusammen haben sie mit ihren Bildern aus der anmutigen Landschaft das Blaue Land gemacht, die Bezeichnung selbst stammt von Marc, für den nach eigenem Bekunden Blau die einzige Farbe war, bei der er sich dauerhaft wohlfühlte. Angesichts der vielen Blautöne, die die Berge je nach Lichteinfall und Föhnstärke einnehmen können, muss er in Murnau vor Freude gejuchzt haben. Marc und Kandinsky nannten ihre Künstergruppe nicht von ungefähr "Der blaue Reiter".

Noch heute leben 75 Künstler in der Gegend, aber längst sind ihnen Touristen und Sommerfrischler gefolgt. Sie schätzen die Seen, wie etwa den in die Wald- und Moorlandschaft eingebetteten Staffelsee. Das moorhaltige Wasser erwärmt sich im Unterschied zu dem anderer oberbayrischer Seen, die von Schmelzwasser gespeist werden, sehr schnell und erreicht im Hochsommer Temperaturen von mehr als 25 Grad Celsius. Wer gerne lau badet, ist hier genauso gut aufgehoben wie Surfer oder Paddler. Ein 20 Kilometer langer Radweg führt drum herum. Eine andere prägende Landschaft ist das Murnauer Moos, eines der größten Moore Europas, dessen Ursprünglichkeit bewahrt wurde. Es ist ein Wandergebiet für alle, die nicht in die Höhe streben und die Pflanzenarten wie Schwertlilie, Kuckucksblume oder Teufelskralle entdecken wollen, die anderswo ausgestorben sind.

Dass wir uns in Oberbayern befinden und damit einem Land, in dem Tradition und Brauchtum hochgehalten werden, wird uns bei einem Besuch im „Landgasthof Herzogin“ auf dem Gelände des Haupt- und Landgestütes Schwaiganger wieder sehr bewusst. Dort sitzen vier junge Männer in Landestracht an einem speziellen Tischchen. Zwei von ihnen musizieren, die anderen beiden treiben Sport: „Beide Hakler, fertig, zieht!“ lautet das Kommando, und dann stemmen Josef Utzschneider und Georg Schöttl ihre Knie gegen den Tisch und machen sich dran, einander über eben diesen zu ziehen. Utzschneider schafft das, was auch kein Wunder ist, denn er trägt den Titel des alpenländischen Meisters im Fingerhakeln. Wir dürften auch mal, sagt Utzschneider. Als er aber hinzufügt, dass bei unsachgemäßer Handhabung des Lederriemens schon einmal Haut vom Hakelfinger gerissen werden kann, lehnen wir dankend ab. Wir müssen nicht jeden Volksbrauch nachahmen.

Schriftsteller am Staffelsee

„Auf dem Land besteht die Gefahr des Komischwerdens“, hat der Schriftsteller Ödön von Horváth notiert. Der Diplomatensohn aus ungarischem Kleinadel, eigentlich ein Kosmopolit, musste es wissen. Er lebte von 1923 an bei seinen Eltern in Murnau am Staffelsee und war dem Ort durch eine Art Hassliebe verbunden.

Einerseits war Murnau eine der ganz frühen Nazi-Hochburgen in Deutschland und von Horváth jemand, der schon zeitig den aufkeimenden Faschismus erahnte und vor ihm warnte. Andererseits liebte er die Landschaft. Genauso gern saß er, geistigen Getränken durchaus nicht abgeneigt, im Wirtshaus oder Biergarten und beobachtete das spießbürgerliche Treiben der Murnauer. Vieles, was er sah und aufschnappte, hat er in seinen späteren Werken verarbeitet.

Als der als Edelkommunist apostrophierte von Horváth in seinem Murnauer Stammlokal die Kellnerin aufforderte, eine im Radio laufende Hitler-Rede abzustellen, kam es zum Streit mit anwesenden SA-Schergen. Von Horváth verließ Murnau nach zehn Jahren Aufenthalt Hals über Kopf Richtung Wien.

Ob er je nach Murnau zurückkehrte, weiß keiner so genau. Gesichert hingegen ist, dass er einen der spektakulärsten Tode der Literaturgeschichte starb: Er wurde auf den Champs-Élysees in Paris von einem Baum erschlagen.