Fluch oder Segen? Massentourismus macht Berlin zu schaffen

Fluch oder Segen? Touris machen Berlin zu schaffen

Der Massentourismus macht Berlin zunehmend zu schaffen, es kommt immer häufiger zu Konflikten zwischen Einheimischen und Touristen. Was Deutschlands Hauptstadt dagegen tut, weiß reisereporter Philipp.

Philipp Hedemann
Ein Must-see für Touristen in Berlin: Die Malerei Bruderkuss an der East Side Gallery.
Ein Must-see für Touristen in Berlin: Die Malerei „Bruderkuss“ an der East Side Gallery.

Foto: imago/Dirk Sattler

Partytouristen, die nachts betrunken und laut grölend durch Kreuzberg ziehen, teure Airbnb-Appartements für Reisende statt bezahlbare Wohnungen für Berliner am Prenzlauer Berg, Rollkoffergeklapper in Mitte. In Berlin kommt es immer häufiger zu Konflikten zwischen Einheimischen und Touristen. Kein Wunder. Denn der Berlin-Tourismus hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt.

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Stadt mehr als 31 Millionen Übernachtungen, und im ersten Quartal 2018 stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr schon wieder um über sechs Prozent. Mit einem jährlichen Bruttoumsatz von 11,5 Milliarden Euro trägt der Tourismus 6,7 Prozent zum Berliner Volkseinkommen bei und sorgt für 235.000 Vollzeitjobs in der armen Hauptstadt. Doch jetzt zwingt der Besucherandrang die Stadt, aktiv zu werden, damit der Spagat zwischen Party- und Touristenmetropole und Stadt zum Wohnen gelingt.

Das Brandenburger Tor steht auf jeder Sightseeing-Liste.
Das Brandenburger Tor steht auf jeder Sightseeing-Liste. Foto: imago/Dirk Sattler

Kreuzberg ist bei jungen Partytouristen beliebt

„Als wir vor über zehn Jahren erstmals auf die negativen Begleiterscheinungen des Tourismusbooms aufmerksam machten, hat man uns als wirtschafts- und fremdenfeindlich beschimpft. Und passiert ist seitdem so gut wie nichts. Aber jetzt setzt ein Umdenken ein“, sagt Monika Herrmann, Bürgermeisterin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Von allen zwölf Berliner Bezirken profitiert und leidet er am meisten vom und am Besucherandrang.

Vor allem bei jungen Partytouristen aus aller Welt ist der hippe Stadtteil angesagt. „Viele dieser Besucher scheint es nicht zu kümmern, dass dort, wo sie Party machen wollen, auch Menschen leben. Aber wir sind kein Disneyland, in dem die Bewohner nur Statisten sind“, sagt die Politikerin, die selbst im beim Touristen beliebten Kreuzberger Bergmann-Kiez lebt.

In der Nacht Lärm und am Morgen vollgepinkelte Hauseingänge, Erbrochenes auf dem Gehweg, zerbrochene Bierflaschen auf den Fahrradwegen, Fast-Food-Verpackungen in den Parks. Viele Kreuzberger und Friedrichshainer sind zunehmend genervt von den Begleiterscheinungen des sogenannten Overtourism. Trotzdem will Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann nicht mit Verboten und Vorschriften auf Berlins anhaltende Popularität reagieren.

„Ich bin eine Freundin der Freiwilligkeit. Wir wollen nicht das, was Berlin für seine Bewohner so lebenswert und für viele Besucher aus aller Welt so attraktiv macht, mit Gesetzen wegregeln“, sagt die Politikerin, die schon vor vier Jahren die Einführung eines Verhaltenskodexes für Berlin-Besucher und leise Gummiräder für Rollkoffer forderte.

Reisende in Berlin ziehen Rollkoffer hinter sich her.
Reisende in Berlin ziehen Rollkoffer hinter sich her. Foto: imago/Marius Schwarz

Aber an die freiwillige Rücksichtnahme betrunkener englischer Junggesellentruppen und anderer Berlin-Gäste zu appellieren ist nicht immer erfolgreich. Das gibt auch die Lokalpolitikerin zu. Ein Pilotversuch, bei dem professionelle Pantomimen Besucher der Friedrichshainer Partymeile Simon-Dach-Straße lautlos zu mehr Rücksicht auf die Anwohner aufforderten, hatte im Sommer 2015 kaum Erfolg.

Berlin will Alkohol in der Öffentlichkeit nicht verbieten

„Trotzdem werden wir nicht wie andere Städte das Trinken von Alkohol auf öffentlichen Plätzen verbieten. Aber wenn wir das Lärmproblem nicht mit unserem kooperativen Ansatz in den Griff kriegen, müssen wir auch über restriktivere Maßnahmen wie eine Einschränkung des Außenausschanks und mehr Kontrollen durch das Ordnungsamt nachdenken“, sagt die Bezirksbürgermeisterin.

Doch zunächst will die gebürtige Berlinerin jetzt in ihrem Bezirk mehr kostenlose Toiletten und größere Mülleimer aufstellen und die Stadtreinigung häufiger ausrücken lassen, um zumindest das Dreck- und Müllproblem zu lösen. Zudem setzt sie große Hoffnungen auf Berlins neues „Konzept für einen stadtverträglichen und nachhaltigen Berlin-Tourismus 2018+“.

„Damit fördern wir eine stärkere Entzerrung, damit die vielen Vorteile und die daraus resultierenden Herausforderungen des Tourismus gerechter auf alle Berliner Bezirke verteilt werden“, sagt die Grünen-Politikerin, die es Bewohnern und Besuchern mit möglichst wenigen Verboten recht machen will.

Dass dies der richtige Weg ist, davon ist auch „visitBerlin“-Sprecher Christian Tänzler überzeugt. Die offizielle Berliner Organisation für Tourismus- und Kongressmarketing wirbt weltweit für Reisen in die deutsche Hauptstadt – und das mit großem Erfolg. „Berlin ist als die Stadt der Freiheit und der Toleranz bekannt. Mit Verboten kommen wir hier nicht weit. Darum setzen wir auf einen Dialog zwischen Berlinern, Besuchern, Wirtschaft, Hotel- und Gaststättengewerbe – auch wenn dabei ganz unterschiedliche Player aufeinanderstoßen“, sagt der Marketingexperte.

Rom hatte 2.000 Jahre Zeit, sich auf Besuchermassen einzustellen, Berlin nur 25 Jahre.

Christian Tänzler, „visitBerlin“-Sprecher

Dazu hat „visitBerlin“ vor vier Jahren unter anderem die Initiative „Hier in Berlin“ ins Leben gerufen. Mit einem auffälligen Lastenfahrrad sind die Mitarbeiter in ganz Berlin unterwegs und erfragen, wo es zu Konflikten zwischen Besuchern und Einheimischen kommt. Einige der so identifizierten Probleme sollen jetzt mithilfe des neuen Berliner Tourismuskonzepts angegangen werden.

Rom hatte 2.000 Jahre Zeit, sich auf Besuchermassen einzustellen, Berlin nur 25 Jahre. Natürlich kommt es dabei an einigen touristischen Hotspots auch zu Reibungen. Das Hier-in-Berlin-Rad fährt deshalb auch dorthin, wo die Stimmung zu kippen droht. Echte Konflikte sind jedoch die Ausnahme“, sagt Tänzler und verweist auf eine aktuelle Umfrage, wonach 85 Prozent der Berliner stolz darauf sind, gute Gastgeber zu sein, und nur 15 Prozent sich durch Touristen gestört fühlen.

Berlin will Airbnb eindämmen

Der Tourismusmann freut sich, dass die Anziehungskraft Berlins ungebrochen ist. Dass Handlungsbedarf besteht, um sie aufrechtzuerhalten, bestreitet jedoch auch er nicht. „Der Berliner Tourismus lebt vom authentischen Flair seiner Kieze. Deshalb müssen wir diese Milieus schützen, damit nicht das kaputtgeht, wofür wir in der ganzen Welt bekannt sind“, glaubt der „visitBerlin“-Sprecher.

Dazu hat Berlin 2014 unter anderem das sogenannte Wohnraum-Zweckentfremdungsgesetz verabschiedet, das die gewerbliche Nutzung von Wohnungen als Ferienappartements verbietet. In Friedrichshain-Kreuzberg hat die Vorschrift bereits Erfolge gezeitigt. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann: „1.466 ehemalige Ferienwohnungen wurden so wieder zu richtigen Wohnungen. Das hilft, die durch den boomenden Tourismus angespannte Wohnsituation etwas zu verbessern.“

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