Reisen mit einer behinderten Tochter: „Das ist das größte Abenteuer“

Reisen mit einer Tochter mit Downsyndrom? Na klar!

Er ist immer irgendwo anders – Fabian Sixtus Körner liebt das Reisen. Auch seiner Tochter Yanti, die das Downsyndrom hat, will er die ganze Welt zeigen. Die Geschichte einer ganz besonderen Familie.

Familienleben im Van: Fabian, Nico und Tochter Yanti auf einem Roadtrip an der Atlantikküste.
Familienleben im Van: Fabian, Nico und Tochter Yanti auf einem Roadtrip an der Atlantikküste.

Foto: Fabian Sixtus Körner

„Lange war ich der Abenteurer. Und jetzt war ich plötzlich der mit der behinderten Tochter.“ So fühlte Fabian Sixtus Körner sich nach der Geburt seines ersten Kindes. Grund: Die vielen Mitleidsbekundungen aus dem Umfeld, die er und seine Freundin bekommen haben, weil die kleine Yanti das Downsyndrom hat.

Doch für Fabian war klar: „Wir wollen kein Mitleid.“ Und sie sind auch nicht die „mit der behinderten Tochter“. Trotzdem geriet ihr Leben erst mal aus den Fugen und ihr Plan, auf ewige Weltreise zu gehen, in Gefahr. 

Die zweijährige Yanti hat Fabians Blick auf die Welt verändert.
Die zweijährige Yanti hat Fabians Blick auf die Welt verändert. Foto: Fabian Sixtus Körner

Fabian war immer schon getrieben von der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Bekanntschaften, neuen Erlebnissen. 2010 brach er zu einer Zwei-Jahres-Weltreise auf, mit 255 Euro in der Tasche. Danach schrieb er den Bestseller „Journeyman“, in dem er von seinem Leben an mehr als 60 Orten auf der Welt schreibt. Davon, wie er frittierte Spinnen in Laos aß, auf wackeligen Bambus-Baugerüsten in Shanghai arbeitete, Hahnenkämpfe in Santo Domingo sah.

Davon, wie er in der Dominikanischen Republik Nico wiedertraf – nach 20 Jahren. „Wir waren zusammen in der Grundschule, und sie war in der dritten Klasse meine erste Freundin“, erzählt er dem reisereporter. Nico arbeitete in dem karibischen Land für die UN. Eigentlich wollte Fabian nur zwei Wochen dort bleiben.

Es wurden zwei Monate – „schließlich hatten wir ’ne Menge nachzuholen“. Und danach? „War die Sache geritzt“, sagt Fabian und lacht. Zurück in Deutschland zogen sie zusammen.

Das größte Abenteuer beginnt 2016 mit Nicos Schwangerschaft

Doch das Fernweh nagte, keinen von beiden hielt es lange. „Fünf Jahre lang wohnten wir zu 50 Prozent in Berlin und zu 50 Prozent an einem anderen Ort auf der Welt, auf Bali, in Sri Lanka oder der Karibik“, erzählt Fabian. Lange ohne Abenteuer können sie nun mal nicht.

Das bisher größte Abenteuer begann Anfang 2016 – „als Nico mir sagte, dass sie schwanger ist“. Deswegen sesshaft werden? Nein. Sie seien sich relativ schnell einig gewesen, dass sie auch mit Kind weiterreisen wollen, „solange es geht“, sagt Fabian. Sobald es schulpflichtig würde, wollten sie sich niederlassen – irgendwo, nur nicht in Deutschland. So der Plan.

Die Schwangerschaft war entspannt, alle Ultraschalluntersuchungen waren unauffällig. Doch die Geburt war hart – die Wehen setzten nicht ein, die Ärzte leiteten sie schließlich ein, weil die Herztöne des Babys flach wurden. Nach 24 Stunden war Yanti endlich da, am 16. September um 17.18 Uhr.

Die Geburtskarte von Yanti.
Die Geburtskarte von Yanti. Foto: Fabian Sixtus Körner

Doch Mama Nico ging es nicht gut, sie musste aufgrund von Komplikationen operiert werden. „Und plötzlich war ich allein mit meiner Tochter“, erinnert sich Fabian. „Ich habe sie angesehen, und ich habe die Merkmale gesehen – die Augen und ihre Mundpartie kamen mir anders vor.“ Schätzungen zufolge kommt alle drei Minuten irgendwo auf der Welt ein Baby mit Downsyndrom zur Welt – Yanti war eines von ihnen.

Zweifel nach der Geburt: Kann man mit einem behinderten Kind reisen?

In dem Moment sei der Film, sei der Fragenhagel in seinem Kopf losgegangen, sagt Fabian: „Herumzureisen und dem Kind zu zeigen, was es auf der Welt alles zu entdecken gibt – wie soll das gehen mit einer behinderten Tochter? Müssen wir speziell medizinisch überwacht sein? Was bedeutet Trisomie 21 für die Schulpflicht?“

Für die Familie begann eine schlimme Zeit: „Es ging darum, dass unsere Tochter überlebt. Ihr Herz und ihre Lunge waren schwach.“ Andere Eltern bekommen Glückwünsche, Fabian und Nico bekamen Beileidsbekundungen: „Es tut uns so leid“, „Das wünscht man niemandem“, „Wir denken fest an euch“.

Fabian wird auch heute noch nachdenklich, wenn er über die Reaktionen spricht: „Das überträgt sich auf dich, es macht dich in gewisser Weise depressiv.“

Die ersten Wochen ihres Lebens musste Yanti im Krankenhaus verbringen.
Die ersten Wochen ihres Lebens musste Yanti im Krankenhaus verbringen. Foto: Fabian Sixtus Körner

Dabei war das Mitleid gar nicht nötig. Yanti zeigte schon damals, dass sie eine Kämpferin ist. Tag für Tag ging es aufwärts. „Da wuchs ein entspannter und fröhlicher Mensch heran. Und irgendwann ließen wir auch wieder Gedanken an neue Reisen zu“, so Fabian.

Warum sollten sie auf Abenteuer verzichten – nur weil es nicht dem typischen Denken entspricht, mit Kindern mit Downsyndrom zu verreisen? Das ist nicht der Stil der Abenteuereltern.

Nico und Fabian erstellten einen Worst-Case-Szenario-Plan. „Den haben wir immer. Wir überlegen uns, jeder für sich, was für schlimme Sachen realistischerweise passieren könnten.“ Wenn danach immer noch einer ein schlechtes Gefühl hat, wird die Sache abgeblasen. „Glücklicherweise ticken Nico und ich recht ähnlich, was das Reisen und dessen Risiken angeht.“ Nachdem sie ihren Notfallplan aufgestellt hatten, waren sie sich einig: „Wir werden mit Yanti reisen.“

Der Plan: Langsam starten, und zwar in der Dominikanischen Republik. „Dort hatten wir schon ein soziales Umfeld und eine Unterkunftsmöglichkeit.“ 

Wenn wir jetzt nicht fahren, werden wir unsere Angst nie los.

Fabian Sixtus Körner

Doch dann: wieder ein Rückschlag. Kurz bevor es im Frühjahr 2017 losgehen sollte, bekam Yanti eine Bronchitis. Und wieder Glück: Alles ging gut. „Als es unserer Tochter wieder besser ging, sagten wir uns: Wenn wir jetzt nicht fahren, werden wir unsere Angst nie los.“

Yanti an einem Strand in der Dominikanischen Republik – dort verbrachte die Familie die ersten zwei Monate des Jahres 2018.
Yanti an einem Strand in der Dominikanischen Republik – dort verbrachte die Familie die ersten zwei Monate des Jahres 2018. Foto: Fabian Sixtus Körner

Die letzte Hürde für die Eltern war der Flug. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, weil Babys keinen Druckausgleich machen können. Also hatten wir alles minutiös geplant und standen gefühlt mit Stechuhr da, damit Nico auch ja zu den richtigen Zeiten stillt. Und Yanti? Die war so was von gechillt. Unsere Panik war total überflüssig.“

Angekommen in der Karibik fiel dann auch von Nico und Fabian jegliche Anspannung ab. Denn Yanti tat die Umgebung richtig gut: Der Schnupfen war endgültig weg, die Lungensymptome verbesserten sich, sie machte körperlich große Fortschritte.

Die kleine Familie an der Küste von Kantabrien.
Die kleine Familie an der Küste von Kantabrien. Foto: Fabian Sixtus Körner

Die kleine Familie blieb drei Monate und genoss das Leben – in der Hängematte, am Strand. Ein Moment sei ihm ganz besonders in Erinnerung geblieben, sagt Fabian: „Eine wildfremde Frau kam auf uns zu. Sie knuddelte Yanti und fragte, ob sie sie mal halten darf. So wie man das halt mit einem süßen Baby macht. Uns ging das Herz auf.“

Menschen im Ausland reagieren entspannt auf das Kind mit Downsyndrom

So etwas seien sie aus Deutschland nicht gewohnt – hier habe er oftmals Unbehagen gespürt und die Angst der Menschen, etwas Falsches zu sagen. „Wir haben die Inklusion zwar auf dem Papier, aber sie ist noch nicht in der Gesellschaft verankert.“ 

Auch um da ein wenig zu helfen, entschied sich Fabian, sein neues Buch „Mit anderen Augen“ zu schreiben.

Yanti habe seinen Blick auf die Welt und die Menschen verändert, so der 36-Jährige. Mit seiner Geschichte wolle er anderen Familien helfen, die schwierige Zeit nach der Geburt vielleicht etwas leichter machen. Und er will zeigen: „Menschen mit Downsyndrom und deren Familie sind nicht bemitleidenswert.“ 

Die Karibikreise war übrigens nicht das einzige Abenteuer der zweiährigen Yanti. Kurz nach der Rückkehr nach Deutschland kaufte die Familie einen Camper und tourte zwei Monate entlang der Atlantikküste durch Frankreich, Spanien und Portugal.

Und 2019 soll’s weitergehen, vielleicht nach Mexiko oder auf die Philippinen. Yantis Leben als Abenteurerin hat gerade erst begonnen.

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