Ausgangspunkt und Ziel für Autor Stephan Meinking und einen guten Freund war die Stadt Trivandrum in Kerala. Eine Tour jenseits des Pauschaltourismus.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Indien per Rad zu erkunden?

Meinking: Ich war schon eine ganze Weile in Indien unterwegs, bin jedoch meist auf den üblichen Travellerpfaden gereist. Dann bekam ich eine E-Mail von meinem Freund Eric, der mit seinem Mountainbike das Land erkunden wollte. Ich war sofort begeistert. In Trivandrum habe ich mir ein indisches Mountainbike für 75 Euro gekauft. Eine Tour war vorher nicht geplant, das haben wir spontan erledigt: Reiseführer, Straßenkarte und Stift … Da wir beide nicht das erste Mal in Indien waren, war eine interessante Route schnell gefunden.

Mountainbike – ohne Gepäckträger? Das Gepäck auf dem Rücken?

Natürlich hatten wir Gepäckträger und Eric auch seitliche Fahrradtaschen. Es wäre verrückt, das ganze Gepäck auf dem Rücken über so lange Strecken zu transportieren.

Wie sah eure Ausrüstung aus?

Ich hatte etwa 15 Kilogramm Gepäck (Kleidung, Schlafsack, Isomatte und was man sonst noch unterwegs benötigt) dabei. Da wir nicht nur am Strand, sondern auch in den Bergen unterwegs waren, wo es nachts durchaus mal Frost geben kann, mussten wir auch warme Jacken und lange Hosen einpacken. Dazu kamen ein paar Werkzeuge und Ersatzteile für Laufräder und Bremsen. Das allerwichtigste auf so einer Tour ist aber, viel Wasser und Elektrolyte zu sich zu nehmen.

Wie anstrengend ist so eine Tour?

Wir haben rund 1.500 Kilometer zurückgelegt, da waren schon mal Tagesetappen von 160 Kilometern dabei. Und es gab so einige Bergpässe um die 2000 Meter. Wenn man die Zahlen hört, klingt das gar nicht so viel. Aber wir waren ja bei Tagestemperaturen von über 30 Grad unterwegs. In der prallen Sonne fühlt sich diese Temperatur doppelt so hoch an. Eric fährt als Fahrrad-Kurier etwa hundert Kilometer am Tag – ich hatte in den Monaten vor unserer Tour kaum Sport getrieben. So waren die 60 Kilometer bis Varkala, dem Ziel unserer ersten Etappe, auch eine ziemliche Qual für mich.

Und wie sah es am nächsten Tag aus?

Der Wecker klingelte morgens um sieben Uhr, und zuerst gab es ein üppiges indisches Frühstück mit Idli und Puri, also Reisklößen und frittierten Teigfladen, Obst und Kaffee, bevor wir die Strecke nach Kollam in Angriff nahmen. Das waren nur 30 Kilometer. Wir fuhren die meiste Zeit am Strand entlang, manchmal auch direkt durch den Sand. Die Strecke war ein Traum: vorbei an kleinen Fischerdörfern, auf Wegen, gesäumt von Palmen, und der kühlende Winde vom Meer. Und dann dieser romantische Blick auf die Backwaters – Seen und Flüsse hinter der Küstenlinie – mit Fischern, die bis zur Brust im Wasser neben ihren Booten stehen, um die Netze aufzustellen.

Unsere Mittagspause machten wir in einem kleinen Dorf, in der einzigen Kantine dort, die bis auf den Besitzer leer war. Weil er kein Englisch sprach, verständigten wir uns mit Händen und Füßen, und er begriff schnell, dass wir hungrig waren. Er stellte uns einfach ein paar Sachen auf den Tisch, und wir aßen, was uns davon gefiel. Nach nicht einmal fünf Minuten war das Restaurant jedoch zum Bersten voll. Es hatte sich nämlich schnell herumgesprochen, dass zwei Ausländer mit Fahrrädern gekommen waren, und so bildeten wir die Attraktion des Tages in diesem Dorf. Alle standen um uns herum, tranken Tee oder redeten über uns und beobachteten uns die ganze Zeit.

Habt ihr eigentlich auch andere Transportmittel genutzt?

Ja, Bus und Boot. Zuerst mit dem Boot über die Backwaters nach Alleppey. Die Tour war sehr schön. Wir fuhren über riesige Seen und durch grün überwucherte und von Urwald umgebene Kanäle. Immer wieder passierten wir diese für Kerala typischen Fischernetze, die auf Holzpfählen im Wasser stehen und per Mastbaum ins Wasser abgesenkt werden. Wir kamen auch immer wieder an diesen Luxus-Dschunken vorbei, auf denen sich Touristen durch die Gegend kutschieren ließen, während sie an Cocktails nippten und den Kindern zusahen, die um ihr Boot schwammen und nach Kugelschreibern und Geld bettelten.

Wie spontan ist man auf so einer Reise? Hattet ihr einen genauen Plan?

Nein, wir hatten nur eine ungefähre Route, die wir in vier Wochen schaffen konnten, und haben uns dazu Übernachtungsmöglichkeiten aus dem Reiseführer gesucht. Es kam auch vor, dass wir uns verschätzt hatten und die geplante Tagesetappe nicht schafften, weil es dunkel wurde und wir die nächstbeste Bleibe ansteuern mussten. Andererseits sind wir auch spontan irgendwo länger geblieben, wie in Alleppey. Bei einem Zwischenstopp hatte Eric einen Schlepper kennengelernt, der uns bei der Ankunft in Alleppey zu einer Lodge führte, die eher den Namen Residenz verdient hätte: eine nagelneue Villa am Stadtrand mit luxuriösen Zimmern und einem erstklassigen Ambiente! Ich würde diesem Hause fünf Sterne geben. Der Service war erstklassig und das Essen das Beste, was ich bis dahin in Indien genießen durfte. Es gefiel uns so gut, dass wir spontan einen Tag blieben.

Habt ihr immer so ein Glück mit der Unterkunft gehabt?

Nicht immer. Eine besonders üble Überraschung erlebten wir 60 Kilometer hinter Alleppey, in Mundakkayam. Eine echte indische Kleinstadt. Tourismus gibt es hier gar nicht, und auch sonst gibt es eigentlich keinen Grund hierherzukommen. Am Abend habe ich viele Betrunkene gesehen, und besonders willkommen schienen wir auch nicht zu sein, da wir viele missmutige Blicke abbekamen. Und zur Krönung war das Hotelzimmer so gerade an der Grenze zu ekelig – das Klo war auf jeden Fall das dreckigste, das ich seit langem gesehen hatte, und ich hatte 'ne Menge dreckige Klos gesehen! Duschen konnte man nur mit Badelatschen, weil auf dem Boden im Bad schon der Grünspan wucherte, und unsere Untermieter waren Riesenkakerlaken. Verständlich, dass wir am nächsten Morgen so früh wie möglich weiterfuhren.

Die Gegend, durch die ihr gefahren seid, ist ja nicht gerade flach …

Mein erster Berganstieg kam ein ganzes Stück hinter Alleppey und war sch... anstrengend! Mir taten die Beine weh, die Muskeln brannten und teilweise habe ich das Rad geschoben, damit die Muskeln ein wenig anders belastet wurden und der Schmerz sich gleichmäßig verteilen konnte. Deshalb sind wir auch in Mundakkayam gelandet, obwohl wir bis Kumily fahren wollten.

Die schönste Aussicht?

Auf der Tour nach Munnar. Da gab es einen 2000-Meter-Pass mit gemeinen Steigungen. Als wir endlich oben waren, tat sich vor uns eine Weitsicht auf, die den Anstieg wieder einmal lohnte. Im Süden lag die Berglandschaft, durch die wir bereits geradelt waren und ich dachte bei diesem Anblick: „Nicht schlecht!“ Als wir den Pass überquert hatten, sahen wir, wo wir hinmussten, und ich dachte mir: „Nicht schlecht.“ Denn außer traumhaften Ausblicken auf eine Gebirgslandschaft mit Teeplantagen und kleinen Seen, sahen wir die Straße, die sich vor uns ins Tal hinunterschlängelte und in Munnar endete. Das bedeutete großen Spaß beim Radeln mit hohen Geschwindigkeiten bei null Aufwand – außer beim Bremsen. Leider war die Abfahrt viel zu schnell vorbei.

Und wie waren die Straßen sonst?

Hinter Kumily war die Straße der reinste Horror für Radfahrer. Sie war zum Teil nicht geteert oder hatte mehr Schlaglöcher als Straßenbelag. Jedes Mal, wenn ein Auto vorbeifuhr, staubte es minutenlang, so dass man kaum atmen konnte – ganz zu schweigen von Lkws und Bussen, die auch noch Unmengen von Ruß in die Luft bliesen! Erst nach etwa fünfzig Kilometern wurde die Straße besser, dafür ging es nun ständig bergauf. Was uns entschädigt hat, waren die schönsten Ausblicke auf urige Wälder und Teeplantagen. Ansonsten sind die Highways, um die man leider nicht immer herumkommt, sehr gefährlich, denn in der Praxis hat in Indien eben der Stärkste Vorfahrt.

Habt ihr auch klassische Besichtigungen gemacht? Tempel, Museen?

In Madurai haben wir ein paar Tage Station gemacht und uns den großen Sri-Meenakshi-Tempel angesehen. Allein die fünf großen Gopurams, die Türme des Tempels, mit ihren Tausenden bunt bemalten Figuren sind einen Besuch wert. Aber auch das Innere mit seinen teils düsteren, teils lichtdurchfluteten Säulengängen, die vielen Devotionalienstände, die Tempelelefanten und natürlich die vielen Mönche und Pilger sollte man sich ansehen. Teile des Tempels, der übrigens auch ein Museum enthält, sind für Touristen zugänglich. Allerdings nur barfuß.
Ansonsten kann man dort ganz wunderbar über die Märkte schlendern oder an den lauten, geschäftigen Straßen sitzen und dem Treiben einfach stundenlang zusehen.

Wie war das eigentlich mit Ersatzteilen und Reparaturen?

Eigentlich hatten wir dabei, was wir brauchten. Es gab mal einen platten Reifen oder neue Bremsklötze waren nötig. Aber auf dem Weg nach Kanyakumari, dem südlichsten Zipfel Indiens, verabschiedete sich mein rechtes Pedal. Da mir der örtliche Fahrradladen nicht helfen konnte, ging ich in eine Metall-Werkstatt, wo man das Pedal kurzerhand wieder anschweißte.

Habt ihr eigentlich auch mal das gemacht, was andere Leute unter Urlaub verstehen? Am Strand liegen, schwimmen, abhängen?

Doch, auf den letzten Metern unserer Reise sozusagen, in Kovallam Beach. Der Ort wirkte fast wie ausgestorben. All die vielen Hotels und Bungalowanlagen, Lodges und Herbergen waren fast leer – die Saison war mittlerweile vorbei. Erst als wir an den Strand kamen, sahen wir zumindest einige Touristen im Sand liegen oder die Flaniermeile entlangschlendern. Es gibt hier eine richtige Strandpromenade mit Luxushotels, teuren Boutiquen, richtig touristischen Restaurants, wo vor dem Laden ein Tresen mit Fischen steht. Überhaupt war der Ort auf die Sorte Touristen zugeschnitten, die gern all ihre Annehmlichkeiten von daheim auch hier nicht missen möchten.

Baden war hier allerdings ein großes Problem. Es gab die herrlichsten Wellen, bis zu zehn Meter hoch, aber genau deshalb und wegen der großen Unterströmungen hier, pfiff die Strandwache sofort jeden zurück, dessen Badehose nass wurde. Nach ein paar Tagen Erholung sind wir nach Trivandrum zurückgefahren. Die Tour war ein Klacks – ganze zwanzig Kilometer auf meist gerader Strecke, ein bisschen durch die Stadt und ab ins alte Hotel. Ich bekam sogar dasselbe Zimmer – vier Wochen später und um so manche Erfahrung reicher.