Kreuzfahrt: Ich liebe es, aber ich schäm’ mich auch

Kreuzfahrt: Ich liebe es, aber ich schäm’ mich auch

Darf man eigentlich auf Kreuzfahrt gehen? Eigentlich nicht, findet reisereporterin Isabell. Aber es ist soooooo schön! Eine Liebeserklärung an eine umstrittene Reiseart – und ein paar Forderungen.

reisereporterin Isabell schipperte zwei Wochen auf der „Aidaluna“ durch die Karibik.
reisereporterin Isabell schipperte zwei Wochen auf der „Aidaluna“ durch die Karibik.

Foto: Isabell Prophet (Fotomontage)

Blau bis zum Horizont, weiße Gischt, grüner Dschungel auf den Inseln, vanillefarbene Strände, alle Obstsorten des Regenbogens und jeden Tag Wasser, Wasser, Wasser und dieses weite, sanfte Schaukeln, das mich am Abend nach einem aufregenden Tag in den Schlaf wiegt. Verdammt, warum sind Kreuzfahrten so schön?

Alle vernünftigen Menschen sagen: „Eine Kreuzfahrt darf man nicht machen!“

Freunde von mir hatten geschwärmt: „Die beste Reiseart“, schrieb eine. „Ohne Kreuzfahrtschiff in die Karibik macht gar keinen Sinn“, sagte ein anderer und, nun ja, das klingt verdammt logisch. Gedacht, gebucht, ich ging aufs Schiff. Und machte mir in den Wochen vor der Abreise die Hölle heiß.

Ich? Auf einem Schiff? Wie soll das nur werden? Menschen? Umweltverschmutzung? Verschwendung? Puh. Dieser Artikel ist nicht das Ergebnis meiner „Es ist alles super“-Überlegungen. Es ist nicht alles super.

All die vernünftigen Menschen sagen, so was dürfe man nicht machen. Und ein wenig haben sie recht. Wir sollten Kreuzfahrten kritisch sehen.

Und daher rührt der Rechtfertigunsgdrang. Weil all die vernünftigen Menschen sagen, so was dürfe man nicht machen.

Und ein wenig haben sie recht. Wir sollten Kreuzfahrten kritisch sehen. Reden wir uns den Preis unserer Erfahrung schön, dann verpassen wir die Chance, sie besser zu machen.

Aber der Reihe nach. Ich war im vergangenen Winter zwei Wochen auf der „Aidaluna“ unterwegs, unsere Route führte durch die Karibik. Wie ich es mir ausgemalt hatte:

  • nur unsympathische Menschen
  • viel zu laut
  • viel zu eng
  • Armageddon am Buffet
  • Hektik bei Landgängen
  • S-T-R-E-S-S

Was davon eingetreten ist?

  • NICHTS! Nicht mal die verdammte Kabine hat gestunken!

Diese Aida-Kreuzfahrt war der erholsamste Urlaub meines Lebens

Möglicherweise war es der erholsamste Urlaub meines Lebens. Eine Kreuzfahrt ist nicht für jeden Ort sinnvoll, für Inselhüpfer aber total. Man hetzt auch nicht übers Land, um an nur einem Tag alles zu sehen. Das geht gar nicht. Und niemand versucht es. Man wählt.

Nichts ist entspannender als die totale Beschränkung. Man verpasst sowieso alles bis auf die eine Sache, für die man sich entschieden hat. Wer ein Land erleben will, der darf so aber nicht reisen, kannst du einwenden. Das ist natürlich wahr. Doch nehmen wir das Beispiel Thailand, die Einstiegsdroge aller Backpacker und Entdecker.

Da kann jeder hin, es gibt eine perfekte Infrastruktur, für jeden Geldbeutel gute Hotels, und verloren gehst du auch nur selten. Wer keine Reiseerfahrung hat und nicht mehr den Mut der Jugend, der kann auf Kreuzfahrt dennoch die Welt erkunden.

Wir gehen so gern davon aus, dass unsere Reisen jeder machen könnte. Stimmt auch! Aber nicht jeder möchte das.

Bevor sich Großonkel Herbert gar nicht traut, soll er doch das Schiff nehmen

Unerfahrene Reisende können vom Schiff aus auch gut exotischere Länder entdecken, die sie sonst verunsichern würden. Thailand, Indonesien, Madagaskar? Warum nicht. Bevor sich Großonkel Herbert gar nicht traut, soll er doch das Schiff nehmen, auf dem er jeden Morgen sein Rührei mit Speck bekommt und abends kakerlakenfrei einschlummert.

Wenn schon Karibik, dann auf einem Segelschiff, könntet ihr auch sagen. Das sei jedem selbst überlassen. Aber bei Segelschiffen gibt’s eigentlich nur die Extreme „Zeltlager-Komfort“ oder „Zwei Jahresgehälter pro Person und Woche“. Für Ersteres bin ich zu alt, für Letzteres zu jung.

Ähnlich lässt sich mit den meisten Kreuzfahrtkritiken begegnen. Zu eng? Stimmt ja gar nicht. Die Leute sind doof? Liegt an dir. Gedrängel am Buffet? Timing. Party zu laut? Das Schiff ist groß. Und so weiter. Das sind alles keine vernünftigen Kritikpunkte, weil sie in der persönlichen Wahrnehmung liegen.

Kreuzfahrtschiffe machen absurd viel Dreck

Bleiben wir also bei den Fakten. Kreuzfahrtschiffe machen Dreck. Und zwar absurd viel. Bei Aida geht das sogar noch, die lassen die Abgase nicht voll in den Häfen raus und bemühen sich um kreativere Antriebe, die die Umwelt schonen. Tuis „Mein Schiff 3“ bis „Mein Schiff 6“ haben immerhin moderne Katalysatoren für Stickoxide, ebenso die „Europa 2“ von Hapag-Lloyd, lobte der Naturschutzbund „Nabu“.

MSC, Costa und Royal Caribbean tun laut „Nabu“ gar nichts, und Aidas ältere Schiffe halten ihre Versprechen noch nicht. Man mag gar nicht daran denken, wenn man auf dem Schiff ist. Aber du wirst immer wieder daran erinnert.

Abends im Heck des Schiffes unterhalb des Schornsteins, wenn die Abgase doch deutlich zu riechen sind. Und in Cozumel lag neben uns die „Carnival Triumph“ und verpestete die Luft – sichtbar. Kein guter Tag fürs weiße Karibikkleidchen. Kein guter Tag für Cozumel, seine Wälder, das Ökosystem Wasser und die Menschen, die auf der Insel leben.

Je mehr Kreuzfahrtpassagiere, desto besser die Abgasbilanz pro Kopf

Dennoch: Man bemüht sich. Landstrom soll die Häfen vom Rauch befreien. Ein neuer Anstrich soll den Widerstand senken und damit den Kraftstoffverbrauch. Und das neueste Schiff, die „Aidanova“, soll mit Flüssigerdgas fahren. Blöderweise passen mehr als 6.000 Menschen auf das Schiff, und da krieg ich dann doch Platzangst. 

Ist zumindest mein Vorurteil. Es gilt aber: Je mehr Menschen auf dem Schiff, desto besser die Abgasbilanz pro Kopf. Bleiben andere Sorgen: Lebensmittelverschwendung ist schwer einzudämmen. Buffets sind schon einmal das klügere Konzept gegenüber Essen am Tisch. Da haben die Gäste wenigstens die Möglichkeit, passende Mengen zu nehmen. 

Ich weiß: Das Klischee sagt, dass alle (!) immer (!) zu viel (!) nehmen. Ist aber wirklich ein Klischee. Costa will künftig Reste spenden, Tui Cruises misst den Verbrauch minutiös, um die Mengen der Tischgerichte zu optimieren. Mich überzeugten auf der Aida auch die kleinen Schalen auf dem Buffet. 

Unter fremden Flaggen haben Schonzeiten und Ruhepausen kaum Bedeutung

Die Mitarbeiter legen öfter nach, dafür bleibt der Überschuss unangetastet und kann bedenkenlos zu einem Salat für den nächsten Lunch umgearbeitet werden. Gar nicht blöd. Würden nur all die fleißigen Menschen unter deutschem Arbeitsrecht arbeiten – und nicht unter italienischer Flagge segeln, der Panamas oder Maltas, wo Schonzeiten und Ruhepausen kaum eine Bedeutung haben.

Touristen werden das Problem nicht lösen. Optimierungsbedarf sehen wir überall. Schweröl muss endlich der Vergangenheit angehören. Und zwar nicht nur auf neuen Schiffen. Auch die alten müssen entsprechend nachgerüstet werden. Gerade Menschen, denen es wichtig ist, mit weniger Menschen zu reisen, legen auch Wert auf Umweltschutz.

Bei der Zahlungsbereitschaft sehen wir in Zukunft wahrscheinlich eine Diversifizierung: Wer es sich leisten kann, geht auf die guten Schiffe und gibt dort auch mehr aus. Das ist attraktiv für die Reedereien. Für uns anderen gibt es den Massenmarkt. Da darf man zwar auf Besserung hoffen – doch wir Reisenden werden nichts ändern. 

Kreuzfahrthäfen müssen sich wehren

Wer sich nur eine Kreuzfahrt auf einer Dreckschleuder leisten kann, der wird deshalb nicht auf sein Erlebnis verzichten. Wäre schön, wenn doch. Wird aber nicht eintreten, weil Menschen so nicht ticken. Das kann man doof finden, aber auch das wird nichts ändern. Wer den Planeten retten will, braucht mehr Macht.

Ein Druck von der Konsumentenseite wird also in nächster Zeit nicht entstehen – obwohl wir uns bitte alle hinterfragen sollten, wenn wir um die Welt fliegen, fahren oder schippern. Wichtiger wäre der politische Druck. Viele Hafenstädte florieren mit dem Kreuzfahrttourismus. 

Im Hafen liegen die Ozeanriesen dicht an dicht.
Im Hafen liegen die Ozeanriesen dicht an dicht. Foto: Isabell Prophet

Doch während immer mehr und größere Schiffe gebaut werden können, bleiben die Liegeplätze und die Kapazitäten begrenzt. Santorini macht es bereits vor, auch Dubrovnik will bald nur noch Schiffe mit einer bestimmten Maximalkapazität in die Stadt lassen, Venedig hat umgeroutet. 

Das Schlimmste an Kreuzfahrten: Du kommst nie wieder davon los

So wehren sich die Orte gegen den sozialen Schaden, den Reisende an ihren Zielen anrichten. Reedereien werden künftig um die besten Häfen konkurrieren. Es muss (mindestens) europäische Pflicht sein, Umwelt- und Arbeitsbedingungen auf den Schiffen dabei zum Auswahlkriterium zu machen. 

Der Rest der Welt zieht nach, wenn er klug ist. Aber wisst ihr, was an Kreuzfahrten wirklich richtig scheiße ist? Man kommt nie wieder davon los. 

Zwei Wochen lang in einem sorgenfreien Kosmos schaukeln, viel sehen, viel Sonne abbekommen, fantastisch schlafen, abwechslungsreich essen und keine E-Mails lesen: Besser habe ich mich noch nie entspannt. Und einige Inseln für längere Erkundungen habe ich auch entdeckt. 

Kreuzfahrten können leider wirklich richtig toll sein. Und gerade deshalb fordere ich bessere Antriebe. Da kann die EU mal zeigen, was sie sich wert ist.

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