Zum Beispiel als Radtour, durch Regen, Matsch und über endlose Schotterpisten. Erster Stopp: „Mount Engadine Lodge“, Kananaskis Country, Bundesstaat Alberta, Kanada, mitten im Nirgendwo. Gut eineinhalb Stunden beträgt die Fahrzeit von Canmore, dem nächstgelegenen Ort, wo wegen der grandiosen Kulisse der hochgelobte Film „Brokeback Mountain“ gedreht wurde. Eineinhalb Stunden also. Mit dem Auto.
 
Die beiden Spanier haben länger gebraucht. Und sich lieber abgemüht. Sie wollten etwas anderes machen, einen Monat aussteigen, Mountainbiken. Von Calgary nach Denver, mitsamt Gepäck, quer durch die Wildnis. „Ein Traum, den wir uns endlich erfüllen“, sagt Iriondo, ein Physiotherapeut aus San Sebastián im Baskenland.
 
Eigentlich möchte er mit seinem Kumpel campen, aber zumindest in der ersten Nacht soll es noch ein ordentliches Bett sein, in dem sie schlafen. „Also hey, warum nicht diese Lodge?“ Obwohl die Beiden eher zufällig auf die Herberge gestoßen sind, sind Leute ihres Schlages dort keine Seltenheit: Es sind Individualurlauber, Ruhesuchende, Tages- oder Wochen-Aussteiger, die vorbeikommen und relaxen. 

Home for the next days ???????? #mountengadinelodge #rockymountains #canada

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Der Blick aus der Lodge: herrlich ungestört auf das Flüsschen namens Smuts Creek, das sich beschaulich durch die Postkartenlandschaft der kanadischen Rocky Mountains schlängelt. Fast schon unwirklich liegt eine Stille über dem Land, die nur manchmal vom Röhren der Elche unterbrochen wird, die sich vor der Lodge gerne im Moor suhlen.

Einfach mal runterkommen

Wer hier Luxus sucht, liegt falsch. Es gibt keine Whirlpools, keine Flatscreens im Zimmer, nicht mal ein Handynetz. Zu Chris Williams kommen jene Leute, die genau das nicht wollen – und einfach nur abschalten möchten „Hier kann man den Kopf frei kriegen“, sagt Williams. Statt der Fernsehgeräte hat der Lodge-Betreiber Ferngläser für seine Gäste parat. Denn abgesehen von den Elchen lassen sich rund um die einsame Herberge auch schon mal Pumas, Bären oder Rotwildfamilien blicken. Die Natur macht hier ihr eigenes Programm.
 
Es ist tatsächlich erstaunlich, welche Distanzen sich in Kanada auftun. Und welche Naturschauspiele. Etliche Kilometer führt der Highway 40, der „Kananaskis Trail“, mitten durchs Gebirge. Direkt am mehr als 2.000 Meter hohen „Highwood-Pass“ spaziert ein Rudel frei lebender Dickhornschafe über die Fahrbahn, große Angst vor den überdimensionalen nordamerikanischen SUVs und Pick-ups scheinen sie nicht zu haben. Aber auch die Fahrer haben sich an die Tiere gewöhnt, sie fahren hier bewusst langsam. Die Schafe bleiben für ein Foto, dann verschwinden sie wieder im Dickicht der Wildnis.

Kananaskis Trail – Mitten durchs Gebirge

 
 

Es sind gut 250 Kilometer Luftlinie von hier bis zum Waterton-Lakes-Nationalpark. Auf dem Weg sehen wir ein paar Farmen, ein paar Kühe, kaum eine Menschenseele. Und es sind auch nicht viele, die in Waterton leben, hier, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Im Winter sind es knapp 30, im Sommer werden es 1.000. Das Dorf lebt vom sanften Tourismus.

Eine, die schon seit Jahrzehnten im Idyll des Parks ihr Geld verdient, ist Deb Watson. „Alpine Stables“ nennt sich ihre Ranch, an die 50 Pferde hält sie im Stall, mit denen sie „Horseback- Riding“ anbietet. Reitausflüge quer durch das Biosphärenreservat. Die dauern eine Stunde oder länger, wer will, kann auch einen Pack-Trip mit Übernachtung im Freien und Lagerfeuer buchen. Watsons Familie hatte die Ranch schon früher einmal besessen, dann aber verkauft. „Und dann“, sagt die resolute Dame im karierten Flanellhemd und in ausgewaschenen Jeans knapp, „hab’ ich sie einfach zurückgekauft.“ Wer mit ihr auf Tour geht, merkt, warum sie sich dazu entschieden hat.

Waterton-Lakes-Nationalpark

Hat man auf den sanftmütigen Pferden die erste Anhöhe erklommen, schweift der Blick über die steilen Bergriesen an den Ufern der drei Waterton Lakes – und hinüber zu den schier endlosen Weiten der kanadischen Prärie. Wieder mal Naturkino für die Augen. Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Glacier-Nationalpark bildet die Region den grenzübergreifenden Waterton-Glacier International Peace Park. Seit 1995 ist er Unesco-Weltnaturerbe. Hier hat sich noch eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt gehalten.
 
Zurück im Sattel. Deb Watson berührt mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger den Mund: Ruhig sein heißt es jetzt – und nicht den Schwarzbären stören, der sich da im Gebüsch genüsslich an den Blaubeeren labt. Später, zurück in der Ranch, sagt sie: „Hier sehen die Leute eben noch etwas, was sie noch nie vorher erlebt haben.“
 
 

Bei Fort Macleod sind die Berge in Graslandschaften übergegangen. Nur noch schemenhaft sind die Gipfel der Rockies am Horizont zu sehen, eine gewaltige Steppe zieht sich von hier Tausende Kilometer gen Osten. Strammer Wind fegt über die Ebene. Und über den „Head Smashed in Buffalo Jump“, jenen Felsvorsprung, über den die Ureinwohner schon vor mehr als 6.000 Jahren die Büffel in ihren Tod haben springen lassen – um selbst zu überleben.

Heute ist diese Form der Nahrungsbeschaffung natürlich Geschichte. Aber genau darauf fokussiert sich das Museum, das dort seit 1986 Einblicke in die indianische Kultur und Lebensweise gewährt und den Jump als Unesco-Weltkulturerbe würdigt.  

Edwin Smallegs begrüßt die Besucher in der Sprache seines Volkes, der Blackfoot. Der „First Nation“, wie man Mitglieder indigener Völker in Kanada und den USA nennt, ist einer der Guides im Museum. Ein Mann mittleren Alters mit sonnengegerbtem Gesicht. „Das hier ist ein bedeutender Platz“, sagt er dröhnend und nimmt Besucher auf einen Rundgang durchs Museum mit.

Niedergang durch Krankheiten und Alkohol

Dabei erzählt er auch vom Niedergang der Indianer in Kanada. Von tödlichen Krankheiten, die die Europäer eingeschleppt hatten. Von Zwangschristianisierung. Von Diskriminierung. Von gegenwärtigen Problemen wie Alkohol und 80-prozentiger Arbeitslosigkeit in den Reservaten. Kurzum: Davon, wie weit sich die Ureinwohner von ihrer eigenen Kultur entfernt haben – und jetzt voll und ganz „westlich“ leben.
 
Was sicherlich auch nicht nur schlechte Seiten haben mag: „Jetzt denken Sie bloß nicht, ich würde vielleicht zu Hause nicht meinen 72-Inch-Flachbildschirm einschalten und eine Partie Baseball gucken. Manche Dinge nimmt man halt an“, sagt er schmunzelnd, aber dennoch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, die erahnen lässt: Diesem Mann geht es nicht nur um Unterhaltung.
 
Edwin Smallegswill die Tradition seines Volkes wieder aufleben lassen. Deswegen arbeitet er viel mit Schulklassen und leistet Überzeugungsarbeit bei seinen Leuten. „Wir versuchen, unsere Nachkommen von dieser Art des Lifestyles wegzubekommen, sie unsere alten Weisheiten zu lehren. So wollen wir ihnen wieder eine Identität geben.“