Aber warum ist New York City, 1.214 Quadratkilometer, 8.550.405 Einwohner, auch die Welthauptstadt der Herzen – oder zumindest von Autor Daniel Killy? Ein Erklärungsversuch.
 
New York lässt keinen kalt. Wer das erste Mal Teil des Getümmels von Midtown Manhattan ist, liebt es oder hasst es. Grauzonen oder indifferente Gefühle? Gibt’s nicht. Love it or leave it. Die dörfliche Idylle des Village, die ländliche Ruhe von Riverdale, das neue Hipsterleben von Long Island City, das kleine Russland unter der Hochbahnbrücke in Brighton Beach und die letzten Schtetl, Viertel des osteuropäischen Judentums, in denen noch Jiddisch die Hauptsprache ist – Williamsburg, Crown Heights und Borough Park: New York vereint Vergangenheit und Zukunft unseres globalen Zusammenlebens in nur einer Stadt.

Zufluchtsort für die Familie meiner Mutter 

Das kann nervös machen, und aggressiv. Und das kann man lieben. Inbrünstig. Aber egal sein, wie Bielefeld oder Lemgo – das kann New York niemals. Meine Liebe zu New York hat auch einen ganz intimen, familiären Grund – und einen sehr öffentlich-historischen zugleich: Die Stadt war Zufluchtsort für die Familie meiner Mutter während der Nazizeit. 15 Jahre lang war es die neue Heimat meiner Mutter.
 
Ohne New York gäbe es mich nicht. Und viele andere Nachfahren deutscher Exilanten auch nicht. New York hat große Teile der deutschen Intelligenz und ihres Widerstandes gegen die Nazis vor dem Tod durch Hitlers Schergen bewahrt. Und so auch einiges zum Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands beigetragen.
 
Und so ganz nebenbei hat New York mir so auch eine zweite Heimat beschert. Obwohl ich erst sehr spät das erste Mal da war – die Geschichten der Mutter, die sich als 17-Jährige als Kellnerin in Queens durchbrachte, ihre Storys vom „guten“ und „bösen“ Amerika, die Einreise über Ellis Island Tristesse der Emigranten-Ghettos, in denen es an Geld, Perspektive und vor allem Englischkenntnissen mangelte, die Tatsache, dass das allen Einwanderern zuvor, ob deutsch, polnisch, italienisch, jüdisch, russisch oder chinesisch durch die Jahrhunderte auch so gegangen war – und wie strahlend deren Gegenwart und Zukunft heute teilweise aussieht … Die Ambivalenz all dieser Erzählungen machte New York zu einem magischen Märchenland des „Alles ist möglich“. Film und Fernsehen taten ihr übriges. New York zog mich an wie ein Magnet.

Untertauchen im Getümmel Manhattans 

Und dann, 1994, war ich das erste Mal da. Auf einer Pressereise, die Iceland Air veranstaltete, um für einen Zwischenstopp auf der Insel zu werben. Kaum hatten wir amerikanischen Boden betreten, verabschiedete ich mich sofort von der reizenden Reiseleiterin, mit dem koketten Hinweis, ich als US-Muttersprachler bräuchte ja den Gruppenanschluss nicht … Dass ich das erste Mal in New York war, erwähnte ich selbstredend nicht – und tauchte weltmännisch unter im Getümmel Manhattans. 

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Und dann geschah das, was für mich das Wunder New Yorks bis heute ausmachst: Du springst in ein tiefes Schwimmbecken, alle denken, du säufst ab – doch das Wasser trägt dich, du machst erste Schwimmbewegungen, fühlst dich erhaben, weil du so leicht und elegant voran kommst …

New York trug mich, spülte mich sanft durch seine Straßenschluchten, schwappte mich hier und da für eine Pause ans Ufer, trug mich weiter, und spülte mich dann in Queens an die Häuserzeile, in der meine Mutter zuletzt gewohnt hatte. Die Hausnummer fand ich nicht, aber ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit, des Geborgenseins in der schier unendlichen Topographie der Megastadt.

Mein Tipp: South Bronx!

Ich weiß noch, dass ich die ersten Eindrücke in eine Kladde eintrug, in einem Café im Village sitzend, und dass mir schlagartig klar wurde: das ist deine Stadt. Seitdem sind gut zwei Jahrzehnte vergangen, im Schnitt war ich seitdem sicher drei Mal pro Jahr in New York.
 
Mittlerweile kenne ich nicht jeden Winkel, dazu reicht ein Menschenleben nicht aus, aber doch sehr viele Ecken – und staune und freue mich jedes Mal wieder auf diese unvergleichliche Mischung aus Neuem und Altvertrauten. 2016 sitzen die Hipster in Long Island City – ab 2017 lohnt es sich dann, dort vorbei zu gucken. Die atemlose Zeitgeist-Karawane hat bis dahin schon längst wieder was Neues entdeckt. Mein Tipp: South Bronx und Staten Island – also schon mal vormerken für 2018 …
 
Und bis dahin: das Alte entdecken, das in New York immer neu ist –
Bam, bam, badabam, bam, bam, badabam...