„Dieses hier ist nicht zu empfehlen“, rät Rachel Cole-Wilkin, und die muss es wissen. „Das Personal ist ein bisschen grimmig und der Ort gesichtslos, ich zeige euch gleich viel interessantere Toiletten.“

Gewiss, es gibt schönere Treffpunkte als das öffentliche WC der Waterloo Station. Doch gewöhnen wir uns schon mal daran, denn vor uns liegen über zwei Stunden geballtes Insiderwissen über ein etwas anderes Untergrund-System der britischen Hauptstadt: Londons Toilettenlandschaft.

Dass sich hier der Eingang zur Toilette im Jubiloo London befindet, ist nicht zu übersehen.
Dass sich hier der Eingang zur Toilette im Jubiloo London befindet, ist nicht zu übersehen. Foto: Dörte Nohrden

Die 28-jährige Fremdenführerin spricht so selbstverständlich von „loo, wee und poo“ wie andere von Äpfeln, Birnen und Bananen. Die „Loo Lady“ trägt Schal und Stulpen in Regenbogenfarben, ein breites Lachen im Gesicht und hält – statt eines Regenschirms – den weißen Stil eines Gummipümpel in die Höhe, damit die Teilnehmer sie auf der Tour bis Covent Garden nicht aus den Augen verlieren.

In London ist man bekanntermaßen viel Kurioses gewohnt, doch mit diesem skurrilen Markenzeichen ist Rachel ein ungewöhnlicher Hingucker und hat allerorten das Staunen auf ihrer Seite.

Die höchste Toilette Londons

Wir sind vollständig und damit eine Handvoll neugieriger Touristen, Neu- und sogar Altlondoner, die Rachel nun zum Südufer der Themse folgen. Kaum verlassen wir die Waterloo Station, weist die Toilettenexpertin schon auf den im Osten emporragenden Giganten aus Glas und Stahl, „The Shard“, und damit auf Londons (respektive Westeuropas) höchstes und gleichermaßen teuerstes Klo.

Die höchste und gleichzeitig wohl teuerste Toilette Londons befindet sich im Wolkenkratzer „The Shard“.
Die höchste und gleichzeitig wohl teuerste Toilette Londons befindet sich im Wolkenkratzer „The Shard“. Foto: unsplash.com/Fred Mouniguet

Das „loo with a view“ verspreche einen grandiosen Ausblick aus 230 Metern Höhe, allerdings müsse, wer diesen genießen will, 30 Pfund für den Eintritt auf die Aussichtsplattform auf den Tisch legen.

„Und übrigens“, erklärt die Loo-Lady, „fällt ‚poo‘ in einem Hochhaus niemals direkt senkrecht nach unten, sondern wird durch die Abflussrohre über Kurven zum Grund geleitet. Nach dem Gesetz der Schwerkraft würde es sonst viel zu viel Fahrt aufnehmen und könnte Schaden anrichten.“ Aha! Es sind nicht gerade typische Alltagsfakten, die uns die junge Frau näherbringt.

Die Expertin für kostenlose Toiletten

Nur: Wie kommt eine waschechte, sonnenverwöhnte Kalifornierin dazu, Toilettentouren durch London zu veranstalten? „Ich kam hierher, um Schauspiel zu studieren, und habe als begeisterte Neulondonerin selbst verschiedenste Führungen mitgemacht“, erzählt Rachel, die parallel Schauspielunterricht gibt.

„Mein Plan war ursprünglich allerdings ein anderer. Ich wollte eine Shakespeare-Tour konzipieren, doch dann ist mein Interesse an Toiletten ein wenig außer Kontrolle geraten“, lacht sie.

Passend gestylt bis ins letzte Detail: Die Kette mit dem Klopapier ist ein Geschenk von Cole-Wilkins Schwester.
Passend gestylt bis ins letzte Detail: Die Kette mit dem Klopapier ist ein Geschenk von Cole-Wilkins Schwester. Foto: Dörthe Nohrden

Um die gängigen 50 Pence für einen Toilettengang zu sparen, sei sie als Studentin Expertin im Aufspüren kostenloser Toiletten geworden. So sei ihr Wissen und das Interesse nach und nach gewachsen, weit über „free toilets“ hinaus.

„Ihr glaubt ja gar nicht, wie viel Literatur es dazu gibt, mein Bücherregal ist voll davon. Ganze Doktorarbeiten ranken sich um öffentliche Toiletten.“ Und auch darum, dass über zwei Milliarden Menschen weltweit immer noch keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben.

Klodeckel sind beliebtes Diebesgut

„Jetzt kommen wir zu meinem Lieblingsklo“, sagt Rachel und lacht, „herrlich patriotisch, immer schön sauber und gespült wird nachhaltig mit Regenwasser.“ Vorbei am London Eye geht es entlang der Themse zum „Jubiloo“. Erbaut wurde es erst vor gut fünf Jahren zum diamantenen Thronjubiläum der Queen.

Die bunten Klodeckel im Union-Jack-Style waren allerdings so beliebt, dass sie regelmäßig gestohlen wurden. Und das Aug in Aug mit der Queen, die streng von großen Bildnissen herabblickt. „Keine Ahnung, wie die Leute es geschafft haben, die hinauszuschmuggeln, aber nun gibt es nur noch eine einzige Vorzeigetoilette mit diesem Dekor“, erzählt sie. Der Rest wurde prophylaktisch mit gewöhnlichen Deckeln bestückt.

Selbst auf den Toilettendeckeln sind die Farben Londons wiederzufinden.
Selbst auf den Toilettendeckeln sind die Farben Londons wiederzufinden. Foto: Dörthe Nohrden

Wieder ragt der Pümpel in die Luft, wir folgen Rachel die Treppen hinauf zur Jubilee Bridge, um die Themse zu überqueren, mittlerweile ist es dunkel geworden. „Und dieses“, sagt sie und zeigt mit ausladender Geste hinaus auf das Flusspanorama, „war einst Londons größte Toilette.“

Der Sommer des großen Gestanks

Schon im 19. Jahrhundert lebten drei Millionen Menschen in der damals größten Metropole der Welt; wo sonst sollten die Londoner ihre Notdurft verrichten als in heimischen Sickergruben und in diesem Fluss, dessen Kloake langsam, aber stetig Richtung Nordsee trieb. Als wären verheerende Choleraausbrüche nicht genug gewesen, gipfelte zu viel „poo“ gepaart mit hohen Temperaturen 1858 schließlich in den legendären „Summer of Great Stink“, erzählt Rachel weiter.

Die Londoner verließen Hals über Kopf ihre Stadt, selbst im Parlament habe man vor beißendem Gestank nicht mehr arbeiten können; so rief man Sir Joseph Bazalgette auf den Plan. Dieser avancierte zum Nationalhelden, wurde gar zum Ritter geschlagen für seine Konstruktion: Tiefbauingenieur Bazalgette verpasste London nämlich ein neues Abwasserkanalsystem, das im Übrigen bis heute seinen Dienst tut.

Die Londoner Themse galt im 19. Jahrhundert als größte Toilette der Stadt.
Die Londoner Themse galt im 19. Jahrhundert als größte Toilette der Stadt. Foto: pixabay.com/skeeze

Allerdings reicht es für die mittlerweile fast neun Millionen Menschen des Großraums London längst nicht mehr aus, erklärt Rachel und zeigt auf das nördliche Themseufer. „Deswegen entsteht hier gerade der 32 Kilometer lange Themse Tideway Tunnel, ein Milliardenprojekt.“

2023 soll er fertiggestellt sein. Das sei gut so, denn schon lange liefe bei – in London nicht ganz unüblichem – Dauerregen das Dreckwasser der überquellenden Kanalisation direkt in den Fluss. Und es fange nicht selten an zu stinken wie schon vor 160 Jahren.

Ein Klo, das aus dem Boden fährt

Rachel führt die kleine Truppe weiter zum Eingang der Embankment Gardens und bleibt abrupt auf einer Art Gullydeckel stehen. „Tja, hier haben wir ein kleines Gender-Problem, es ist schon ziemlich ungerecht gegenüber uns Frauen“, erklärt sie und löst die fragenden Blicke sogleich auf:

„Ich stehe auf dem Dach eines Pop-up-Urinals, das nachts für die Herren wortwörtlich mannshoch herausgefahren wird, damit sie nicht ständig in die Ecken pinkeln“, fährt sie fort. Gott sei Dank sei es für die Damen jedoch nicht allzu weit zu den „super nice and clean“ und obendrein kostenlosen Kirchentoiletten von St Martin-in-the-Fields. „Stattliche 30.000 Pfund kostet es im Jahr allein, um sie sauber zu halten“, merkt Londons Loo-Lady dazu an.

Der Urilift an den Embankment Gardens ist ein Pop-up-Urinal für die Londoner Nächte – allerdings nur für Männer.
Der Urilift an den Embankment Gardens ist ein Pop-up-Urinal für die Londoner Nächte – allerdings nur für Männer. Foto: Dörte Nohrden

Auch auf dem Weg durch Covent Garden, in dessen „besonders hübsch dekorierten Toiletten“ es sogar freies WLAN und nebenher Musik vom Streichquartett gebe, versorgt uns Rachel mit weiteren Anekdoten, Geschichtshappen und Fun-Facts rund um die Londoner Toilettenkultur. Und natürlich war auch die szenige „CellarDoor“-Bar, in die wir treppabwärts schließlich für einen gemeinsamen Drink einkehren, einst: ein ganz stilles Örtchen.