Was wir über Indien gelernt haben | reisereporter.de

Was wir auf unserer Indien-Reise gelernt haben

Lena (25) und Oleg (27) aus Hannover sind auf  Weltreise. Beim reisereporter lassen sie dich am Abenteuer ihres Lebens teilhaben. Dieses Mal erzählen sie, was sie in Indien gelernt haben.

Lena und Oleg nutzten Züge, Busse und Rikschas um sich in Indien fortzubewegen.
Lena und Oleg nutzten Züge, Busse und Rikschas, um sich in Indien fortzubewegen.

Foto: Lena Pres

Indien ist anders. Was meinen die Menschen damit? Entweder du liebst Indien oder du hasst Indien? Was sind wir schon in der Lage zu hassen? Die verrücktesten Aussagen über dieses außergewöhnliche Reiseland schwirren in der Welt herum, vielleicht auch in deinem Kopf.

Wir haben keine Antworten auf all diese Fragen, wir können nur unsere Erfahrungswerte mit dir teilen und versuchen, eines zu tun – die Angst vor dem Land zu nehmen und dich dazu zu bewegen, es zu bereisen. Indien ist ein Land, das dich verändert und wachsen lässt, wenn du es zulässt.

Was kostet Indien?

Wir haben in Indien häufig sehr günstig gelebt und gewohnt. In einfachen Hostels kannst du in Indien in den meisten Städten richtig günstig wohnen. Ab 200 Rupien gibt es Betten im Dorm. Wir haben zu Beginn versucht, etwas „besserklassige“ Hotels zu wählen, weil wir uns über die Umstände unsicher waren.

Am Ende haben wir in Goa nur noch in Hostels geschlafen und uns immer sehr wohl gefühlt. Du bekommst in Indien viele frittierte Snacks und Chai an jeder Ecke, auch Obst wird häufig angeboten. Immer wieder waren wir überrascht, wie günstig ein Thali, eine Auswahl an verschiedenen Gerichten auf einem Tablett, sein kann – unser liebstes Gericht neben Masala Dosas, einer Art gefüllten Pfannkuchen.

Die meisten Ausgaben haben wir für Transport, Sehenswürdigkeiten und Attraktionen auf uns genommen. Der Taj Mahal und auch unsere Wüstensafari auf dem Kamel waren nicht billig, aber das Geld wert.

Wie bereist man Indien am besten?

Langsam, ganz langsam und mit wenig festen Zielen. Denn dann passieren dir die besten Dinge. Du triffst außergewöhnliche Menschen und erlebst Indien so natürlich wie möglich. Sobald wir begonnen haben, über Reiseziele Recherche zu betreiben, wurde unsere Reise kompliziert.

Es dauert lange, um von A nach B zu gelangen, sehr lange je nach Verkehrsmittel. Wir waren in Indien so ratlos, planlos und hilflos mit unserer Reiseplanung wie nie zuvor. Der Schlüssel liegt wie so häufig in der Ruhe und Gemeinschaft. Sind wir länger an einem Ort geblieben, haben wir Menschen kennengelernt und uns ausgetauscht.

So wurde auf einmal eine realistische Reiseroute sichtbar. Planung ist für Individualreisen nach Indien am Ende nicht der richtige Weg, nicht für uns. Von unseren zehn geplanten Reisezielen haben wir sechs letztlich übersprungen. Wir sind zweimal mit dem Zug gereist (einmal tagsüber, einmal nachts) und haben diesbezüglich gemischte Gefühle.

Die Sleeper-Class ist nicht für jeden Reisenden ein Paradies, aber stets die günstigste Variante. Du kannst deine Züge (ganz einfach) online buchen, wenn du dich auf „Cleartrip“ registrierst. Es wird immer dazu geraten, die Züge frühzeitig zu buchen.

Wir haben uns in Rajasthan sogar einmal einen privaten Fahrer gegönnt, um von Jaipur nach Pushkar zu gelangen. Ansonsten haben wir gute Erfahrungen mit den Bussen gemacht – sowohl mit Local-Tagesbussen als auch mit Nachtbussen. Man kann Glück haben, man kann Pech haben. Reisen in Indien ist wie eine Schachtel Pralinen.

Die Busse haben wir häufig über „Redbus“ online gebucht. Wer als Einstieg für Indien nach Goa reist, wird andere Erfahrungen machen als wir. Wir haben drei Wochen Rajasthan bereist (Delhi, Jaipur, Pushkar, Jodhpur, Jaisalmer) und einen deutlichen Unterschied zwischen Goa und Rajasthan gespürt.

Goa war wie Urlaub und Erholung nach drei Wochen Rajasthan plus Agra und Varanasi. Strand, Alkohol, Drogen und Bikinis. Kein Chai, kaum Kühe, viele Russen. Wir haben Goa geliebt und uns in unseren Strandhütten sehr wohl gefühlt, aber Goa ist nicht die Indien-Erfahrung, von der wir hier sprechen.

Wie reist es sich als Frau in Indien?

Ja, ich hatte Probleme in Indien. Es war niemals gefährlich, dafür manchmal einfach unangenehm. Wie du als Frau Indien erlebst, ist sehr abhängig von deiner Einstellung und deiner Fähigkeit, dich abzuschirmen, dich gegen die Gedankenspiele zu wehren, die manch eindringlicher Blick hervorrufen kann.

In Deutschland würde ich mich gegenüber Männern niemals schwach fühlen, deren Blicken, einer Geste oder etwa einem blöden Spruch. In Indien aber war ich einfach überwältigt von der Masse an Männern. Es waren so viele Männer und dazu proportional teilweise so wenig Frauen unterwegs.

Wir waren viel unterwegs und haben demnach viele Männer getroffen, die mich musterten, die mich anstarrten. Ich fühlte mich manchmal unwohl und wollte mich lieber so unauffällig wie möglich verhalten, fing an, lockere Kleidung, Mützen und lange Röcke zu tragen.

Es kann hilfreich sein, sich dementsprechend anzupassen und zu kleiden. Meine Sommerkleidung aus Südostasien war in Nordindien niemals angemessen und auch niemals genug gegen die Kälte. Glücklicherweise wurde ab Goa alles einfacher. Dort war es kein Problem, kurze Hosen oder ein engeres T-Shirt zu tragen, weil viele Touristen unterwegs sind und es für die Anwohner normal ist. 

Goa ist nicht vergleichbar mit dem weniger touristischen Indien.
Goa ist nicht vergleichbar mit dem weniger touristischen Indien. Foto: Lena Pres

Was hat es mit den Kühen auf sich?

Kühe sind in Indien heilig. Sie schaffen Nahrungs-, Heil- und Düngemittel. Und im nördlichen Indien haben wir sehr, sehr viele Kühe auf den Straßen getroffen, die uns entgegentrotteten, am Straßenrand standen oder lagen. Häufig fressen diese Tiere den Müll auf den Straßen, abends haben wir oft ganze Rinderherden bei Müllsammelstellen entdeckt.

Regelmäßig sorgten Kühe für Stau und hielten den Verkehr auf, da sie sich manchmal einfach nicht von dem Geräusch der Hupe vertreiben lassen. Am Ende ließen viele Kühe auch viel Mist auf dem Boden und einen Geruch, den wirklich niemand braucht.

Goa ist anders, hier gab es so gut wie keine Kühe auf der Straße. In Pushkar sind wir auf so viele Kühe getroffen wie sonst nirgends.

Kühen begegnest du in Indien an jeder Straßenecke.
Kühen begegnest du in Indien an jeder Straßenecke. Foto: Lena Pres

Versteht man mich in Indien?

Wir hatten in Indien keine außergewöhnlichen Kommunikationsprobleme. Dazu muss man sagen, dass wir nur Städte besucht haben, die Touristen gewohnt sind. Wir fanden immer einen Ort, an dem uns jemand verstanden hat, viele englische Menükarten, und auch mit den Rikschafahrern konnten wir uns immer verständigen.

Die Schwierigkeit liegt eher in einem dauerhaften Verhandlungsgespräch, egal wo. Es gibt kaum einen Ort, an dem der Preis nicht verhandelbar ist. Und es gibt kaum einen Moment, in dem der Preis, den du bezahlst, nicht zu hoch sein wird.

Mit Händen und Füßen kannst du dich auch mit den meisten Einheimischen in Indien verständigen.
Mit Händen und Füßen kannst du dich auch mit den meisten Einheimischen in Indien verständigen. Foto: Lena Pres

Die Frage ist, wie viel du bereit bist zu bezahlen. Es gibt im Kiosk und Co. durchaus Preisauszeichnungen auf der Verpackung, daran kann man sich manchmal halten. Doch die Rikschafahrer haben uns das Leben häufig schwer gemacht und sind mit dreifachen Preisvorstellungen in Verhandlungen gestartet.

Ist Indien gefährlich?

Wenn es in Indien etwas gab, vor dem wir Angst hatten, dann waren es vermutlich die Straßenhunde. Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir noch einiges mehr an Respekt und Sorge, wenn wir auf ein Rudel frei laufender Hunde trafen. Zwischenzeitlich haben wir an dieser aus Deutschland mitgebrachten Angst gearbeitet und legen sie Schritt für Schritt ab.

In Indien triffst du Hunde neben Kühen regelmäßig auf der Straße an. Die Hundeproblematik erlebten wir jedoch häufiger in Asien (zum Beispiel in Nepal, Indien, Sri Lanka, Indonesien). Von Menschen haben wir uns in unseren sechs Wochen Indien zu keinem Zeitpunkt wirklich bedroht gefühlt.

Oleg wurde in der Nacht von einer Katze in seinem Hostelbett überrascht. Ist das gefährlich? Wir wurden häufig von Rikschafahrern bedrängt und belagert: „Where are you going?“ Es gab Situationen, in denen uns die indische Mentalität verwirrt oder genervt hat, weil sie uns überforderte. Aber gefährlich ist es zu keinem Zeitpunkt geworden.

Gibt es wirklich so viele Menschen in Indien?

Ja. Das wirkt am Ende aber nicht anders als an einem touristischen Ort mitten in London. Es gibt ein anderes Verständnis von Privatsphäre und Nähe. Dies fällt euch spätestens auf, wenn ihr bereit seid, einen Local-Transport in einem Minivan oder Bus zu nutzen.

Es ist eine Erfahrung wert! Wenn du Indien bereisen willst, geht es doch auch darum, das Land und die Menschen verstehen zu wollen. Du wirst zwar in einen Bus gequetscht wie zwischen Ölsardinen, und auf jeden freien Schoß wird ein Kind gesetzt, aber du wirst auch viele Lächeln geschenkt bekommen, für dein Interesse an der Kultur, für die Nähe und für die Belustigung der Inder über dein anfangs geschocktes Gesicht bei rasanten Überholmanövern.

In Indien gibt es viele Menschen – mehr Trubel als in einer europäischen Großstadt wie London herrscht dort aber auch nicht.
In Indien gibt es viele Menschen – mehr Trubel als in einer europäischen Großstadt wie London herrscht dort aber auch nicht. Foto: Lena Pres

Ist Indien dreckig?

Indien bietet in manchen Ecken eine Kulisse, die all deine Sinne fordern und überfordern wird. Menschen werden im Bus neben dir Müll aus dem Fenster werfen. Müllhalden werden an den unmöglichsten Stellen zu finden sein und einige Tiere werden dort herumlungern.

Es gibt viele gute Gründe bei einem Fußmarsch durch Delhi die Augen auf den Boden gerichtet zu halten – aus Vorsicht vor Müll, Kuhfladen, totem Ungeziefer oder vielen anderen nicht identifizierbaren Dingen. Es gibt öffentliche Pissoirs für Männer – wenn du diese in deiner Reichweite siehst, könnte dies der Moment sein, die Luft anzuhalten.

In Indien liegen Kühe oft einfach auf der Straße herum, fressen Müll oder versperren Wege.
In Indien liegen Kühe oft einfach auf der Straße herum, fressen Müll oder versperren Wege. Foto: Lena Pres

Müll wird regelmäßig angezündet, wie auch in anderen asiatischen Ländern, und am Straßenrand verbrannt. Müll ist ein Problem auf der ganzen Welt, und Indien wird dir kaum eine Minute gegeben, dies nicht wahrzunehmen. Indien knallt dir das Weltproblem Abfall einfach vor die Nase.

Warum ist Indien anders?

Die Menschen in Indien denken anders, handeln anders, fühlen anders. Indien überflutet deine Reize, überfordert deinen moralischen und persönlichen Kompass, deine Sinne, deine Gedanken.

Für uns wurde Indien zu dem Reiseland, vor dem wir am meisten Respekt haben, das uns am meisten gestresst hat und welches wir trotzdem unbedingt wieder bereisen wollen. Je näher wir dem Ende unserer sechs Wochen in Indien kamen, desto trauriger wurden wir.

Wir realisierten, dass es noch so viel gibt, das wir erkunden und sehen wollen. Dass wir erst jetzt am Anfang unserer eigentlichen Erfahrung Indien stehen und erst nach unseren ersten sechs Wochen bereit sind, die Augen zu öffnen und zu lernen.

Die ersten sechs Wochen brauchten wir, um alltägliche Handlungen in Indien zu verstehen, zu lernen, wie wir uns fortbewegen, wie wir kommunizieren und konsumieren. Jetzt sind wir bereit für eine zweite Reise nach Indien. Wir haben eine Idee von dem, was uns erwartet, und so viele Orte, die wir noch bereisen wollen.

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