Fast alle Plätze sind belegt, der Flug ist unruhig. Dann eine Ansage, die im Krächzen der Lautsprecher kaum verständlich ist. In den vollen Reihen werden Kameras gezückt. Rechter Hand ragt eine Bergspitze aus einer Wolkeninsel, die von 1.000 Postkarten nur allzu vertraut ist: der Kilimandscharo. Blendend weiß strahlt er in der klaren Luft, scheint von hier oben zum Greifen nah.
 
Kurz darauf schweben wir im Landeanflug über Sansibar-Stadt. Von oben sind die grauen Plattenbauten gut zu erkennen, die sich in der Neustadt erheben. In den 80er-Jahren beglückte die DDR das sozialistische Bruderland Tansania mit dieser Errungenschaft ostdeutscher Baukunst. Selbst aus der Luft ist den verrottenden Kästen anzusehen, wie sehr das tropische Klima ihnen zu schaffen macht.
 
Die Bergspitze des Kilimanjaro ragt aus einer Wolkeninsel empor.
Die Bergspitze des Kilimanjaro ragt aus einer Wolkeninsel empor. Foto: pixabay.com/Mariamichelle

Der kleine Flughafen ist auf beiden Seiten von Dickicht umgeben. Schon bei den ersten Schritten auf dem Rollfeld schlägt uns der schwere Duft von Dschungel und Gewürzen entgegen, die drückende Schwüle verstärkt den Eindruck noch. Sansibar verführt die Sinne wie ein Traum aus 1001 Nacht. Hier vermengen sich Afrika, Orient und Europa wie sonst wohl nirgends auf der Welt.

Die Vergangenheit der Insel vor der Küste Tansanias ist allgegenwärtig – vor allem in Stone Town, der „Steinernen Stadt“. Das historische Zentrum, Weltkulturerbe der UNESCO, ist ein Irrgarten aus verwinkelten Gassen und exotischen Gerüchen. Araber, Inder, Europäer und Afrikaner haben Stone Town in den letzten Jahrhunderten ihren Stempel aufgedrückt. Maurischer, englischer und indischer Baustil prägen auf engstem Raum die Altstadt, die einst berüchtigt war als Handelsplatz für Sklaven und Elfenbein.

Die Schwüle zwingt in Sansibar zur Langsamkeit

Zwei Tage lassen wir uns in diesem Labyrinth einfach treiben. Durch kleine, verschlungene Gasse, die manchmal an Paris erinnern, vorbei an bröckelnden Sultans-Palästen, reich verzierten Holztüren, geschnörkelten Teakholz-Balkonen, Moscheen und Badehäusern aus Korallenstein. Wie Mehltau liegt die tropische Schwüle ab dem späten Vormittag über der Stadt. „Pole, pole“ heißt das Motto hier – immer schön langsam. Wir nehmen uns die Zeit, entdecken Cafés in schattigen Innenhöfen, Restaurants hinter orientalischen Mosaikfenstern oder Teakholz-Bars auf Dachterrassen.

 

„Good price. Come look!“ ist die Standard-Begrüßung der zahlreichen Händler im Gassengewirr der Altstadt. Ein näherer Blick lohnt sich meist tatsächlich – Sansibar hat exzellente Souvenirläden mit traditionellen Handwerks- und Kunstgegenständen. Hier kann man alles kaufen, was die Schatzkiste der kleinen Insel mit dem großen Namen hergibt: Schnitzereien aus Ebenholz, vor allem die berühmten Sansibartruhen in jeder Größe und Form, Duftöle und Silberschmuck.

Sansibar ist ein großer Gewürzgarten

Auf dem Marktplatz spürt man es besonders intensiv: Sansibar ist ein großer Geruchsgarten – voller Aromen nach Nelken, Zimt, Vanille, Muskatnuss, Kardamom, Pfeffer und den vielen anderen Gewürzen, die einst die Sultane von Oman eingeführt haben. Geschlachtetes Ziegenfleisch, lange Tische, die sich unter dem Gewicht fangfrischer Fische biegen, die Farbvielfalt exotischer Früchte; alles reizt und überreizt hier die Sinne.
 
Beliebtester Treffpunkt für Inseltouristen ist am späten Nachmittag das „Africa House“ . Die Terrasse des legendären Kolonialhotels ist der perfekte Ort, um in tiefen Kissen einen Cocktail zu trinken und Sansibars größtes Schauspiel zu genießen: die Minuten, in denen die Sonne wie eine blutrote Papaya-Scheibe im Meer versinkt und Stone Town dabei in ein unwirkliches Licht taucht.

Nirgends schmeckt Fisch so gut wie auf Sansibar

Am nächsten Morgen geht es mit dem Taxi an die Küste im Norden der Insel. Wir haben für 40 Dollar die Nacht einen kleinen Bungalow direkt am Strand gemietet. Sanft weht eine Brise über kilometerlange, von Kokospalmen gesäumte Strände. Mittags, wenn die Ebbe auf dem Tiefststand ist, zieht sich die Brandung mehrere Hundert Meter zurück und gibt den Blick auf schneeweißen Sand frei. Das Licht ist so grell, dass es zum Blinzeln zwingt.
 
In der Ferne schaukeln flimmernd die Silhouetten der Daus in der smaragdgrünen Dünung: Solche hölzernen Segelboote mit spitzen Dreieckssegeln kreuzten hier schon zu Sindbads Zeiten. Wenn die Flut steigt, kehren die Fischer zurück und ziehen ihren Fang hinter sich über den Strand. Abends kommen im offenen Strandrestaurant frische Langusten und Barracudas auf den Grill, nie wieder hat eine „Seafood Platter“ (Fisch- und Meeresfrüchteplatte) so gut geschmeckt wie in der „Red Monkey Lodge“ mit den nackten Füßen im Sand.

 

Nach drei Tagen Entspannung und Ruhe pur buchen wir eine „Spice Tour“ im dicht bewaldeten Inselinneren. Wer weiß schon, wie Zimt, Vanille oder Pfeffer aussehen und vor allem schmecken, bevor sie geerntet und getrocknet bei uns im Supermarktregal landen? Stolz betont der Kräuterfarmer Yussuf, sein Großvater habe das Anwesen vom letzten Sultan von Sansibar gekauft. „Wir haben hier mehr als 120 Kräuter und Heilpflanzen auf der Farm“, sagt er, „Menschen aus aller Welt machen unsere Führungen mit.“
 
Doch Pauschaltouristen sucht man auf Sansibar ebenso vergeblich wie Bettenburgen. Die meisten Urlauber hier verbinden den Aufenthalt mit einer Safari in Tansania oder Kenia. Trotz ihrer berühmt-berüchtigten Vergangenheit als Drehscheibe zwischen Orient und Afrika ist Sansibar immer noch ein touristischer Geheimtipp. Sicher, spektakuläre Sandstrände haben auch andere Inseln im Indischen Ozean zu bieten, die Seychellen, Mauritius oder La Reunion. Auch dort gibt es atemberaubende Korallenriffs zum Tauchen, prestigeträchtige Reviere für Hochseeangler oder die Möglichkeit, mit Delfinen im warmen Meer zu schwimmen. Aber nirgendwo sonst liegt eine Märcheninsel, auf der man immer wieder, wie im Traum, das Gefühl hat: Hier ist die Zeit stehen geblieben.