Etwa Mitte der Neunzigerjahre hat Thomas Osterkorn, einst Chefredakteur des „Stern“, erstmals Hiddenseer Boden betreten und sich in „Dat söte Länneken“ verliebt. Inzwischen ist er auf der Insel westlich von Rügen sogar ein wenig sesshaft geworden: „Jetzt im Ruhestand habe ich einen Zweitwohnsitz auf Hiddensee erworben“, sagt er.

Und jetzt legt der 64-Jährige sogar den Reiseführer „Hiddensee neu entdecken“ vor. Warum? „Den habe ich mehr zum Spaß gemacht“, sagt er im Interview mit Chris-Marco Herold.

Was gefällt Ihnen an Hiddensee – haben Sie einen Lieblingsplatz?

Osterkorn: Ich liebe es, dass der Alltagsstress hier sofort abfällt. Mir gefallen die spektakulären Sonnenuntergänge jeden Abend. Lieblingsplätze habe ich zwei: Der Inselblick im Hochland von Kloster und der wilde schöne Strand am kleinen Gellen-Leuchtturm in Neuendorf.

Thomas Osterkorn unterwegs am Hochufer oberhalb des OrtesKloster.
Thomas Osterkorn unterwegs am Hochufer oberhalb des Ortes Kloster. Foto: privat

Wann und wie haben Sie die Insel für sich entdeckt ?

Osterkorn: Ich habe um 1994 herum erstmals einen Abstecher nach Hiddensee gemacht, als wir Rügen erkundet haben. Ich war sofort fasziniert von der Ruhe, der Abgeschiedenheit. Seither bin ich mit der Familie fast jedes Jahr hier. Für unsere inzwischen erwachsenen Kinder ist es das Bullerbü ihrer Jugend. Und jetzt, wo wir einen Zweitwohnsitz hier haben, kommen sie noch immer oft und gerne und bringen auch ihre Freunde mit.

Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an Hiddensee?

Osterkorn: Erstens: Dass die Insulaner nicht an einem Strang ziehen, um ihre Insel nach vorne zu bringen. Zweitens: Die Muffigkeit einiger Leute gegenüber Gästen, obwohl sie von ihnen leben.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die ich für ein Interview über ihre Urlaubsinsel Hiddensee gewinnen konnte, hat es in meinem Reiseführer schön gesagt: Die Menschen könnten manchmal mehr Sonnenstrahlen an ihr Herz lassen. Schließlich ist es die sonnenreichste Insel...

Erweitern Sie mit Ihrem Reiseführer nur die Reihe der bereits erschienenen? Oder was gibt es auf Hiddensee neu zu entdecken?

Thomas Osterkorn: Eigene Reiseführer für Hiddensee gibt es kaum. Meistens fallen für die Insel nur nebenbei ein paar Seiten ab in Heften über Rügen, Stralsund oder die Ostseeküste insgesamt.

Ich habe 92 Seiten nur über Hiddensee gemacht, wo vieles gerade im Umbruch ist: In der Gastronomie, bei den Ferienquartieren – überall bläst frischer Wind. Das beschreibe ich. Außerdem möchte ich zeigen, dass Hiddensee mehr ist als Gerhart Hauptmann, Elisabeth Büchsel und Sanddornsaft. Bei mir kommt das gesamte Angebot vor: Yoga, Reiten, Angeln, Kultur und Natur.

Der wilde Strand am Leuchtfeuer Gellen in Neuendorf ist einer der Lieblingsplätze von Thomas Osterkorn.
Der wilde Strand am Leuchtfeuer Gellen in Neuendorf ist einer der Lieblingsplätze von Thomas Osterkorn. Foto: Herold

Wenn Sie noch Chefredakteur des „Stern“ wären und Hiddensee bekäme die Titelgeschichte: Welches Titelbild, welche Titelzeile würden Sie dann wählen?

Osterkorn: Jeder verbindet mit Hiddensee das altbekannte Bild vom Leuchtturm mit dem Windflüchter davor. Genau deshalb habe ich es beim Reiseführer nicht als Titelbild genommen, weil es nichts Neues ist. Ich finde den Blick auf die Steilküste viel überraschender.

Als Zeile im „Stern“ würde ich vielleicht machen: Insel auf der Kippe, weil Hiddensee tatsächlich aufpassen muss, nicht den Anschluss zu verlieren. Für einen Reiseführer ist das zu kritisch. Ich will ja Lust machen, Hiddensee neu zu entdecken. Die Insel hat wahnsinnig viel Potenzial und auch wahnsinnig nette Menschen.

Seit Jahresbeginn sind Sie der Inhaber des Leuchtfeuer Verlags Hiddensee. Welches Programm wollen Sie verlegen?

Osterkorn: Ich schau mal, wie der Reiseführer geht. Wenn halbwegs gut, dann kommt er nächstes Jahr in aktualisierter Form als Reiseführer 2019/2020 erneut auf den Markt. Außerdem gibt es die Überlegung, dieses Konzept dann auf andere Regionen zu übertragen, die – wie Hiddensee – für große Reiseführer zu klein sind. Ich glaube ja, und das betrifft Zeitungen genauso: Die Zukunft liegt im Lokalen.