Den Weg, den wir gehen, haben einst die königlichen Schneeholer zurückgelegt. „Sie sind im Winter von Marbella aus in die Berge gelaufen, haben Schnee geholt, in spezielle Brunnen gepackt und gestampft. So hatte der Adel auch im Sommer ein Kühlmittel“, erzählt Reiseleiterin Heide Rutzke. Ein Knochenjob. Im Gegensatz zu ihnen sind wir freiwillig im Hinterland der andalusischen Costa del Sol. Der Küstenstreifen zwischen Málaga und Marbella ist vor allem als Hochburg der Sonnenanbeter bekannt. Als Wanderrevier dagegen wird das Gebiet erst seit relativ kurzer Zeit angeboten. Der Tourist soll Marbellas Hinterland entdecken; die Sierra Blanca und den Nationalpark Sierra de las Nieves, in dem die höchsten Erhebungen immerhin schon an der 2.000-Meter-Marke kratzen.

Vier Stunden bis zum Rio Verde

Wir sind mit dem Bus nach Istán gefahren, einem der berühmten weißen Dörfer Andalusiens, die malerisch in der Sonne gleißen, deren gekalkte Hausfassaden aber genau deren Strahlen abweisen sollen. In Istán gibt es 1500 Einwohner, ein mit Geldern der Europäischen Union finanziertes Rathaus, das für 20-mal so viele Menschen ausgelegt ist, ein paar kleine Lädchen und einen zentralen Waschplatz an einer gefassten Quelle – „er wird sogar noch von älteren Frauen genutzt“, berichtet Heide Rutzke. Wir füllen dort unsere Wasserflaschen auf. Dann geht es auf die vierstündige Wanderung zum Rio Verde.

Orangenduft in der Luft

Man muss sich nicht überanstrengen, es geht eher gemächlich auf und ab. In der Luft liegt süßlicher Orangenduft, manche Bäume tragen gleichzeitig Blüten und Früchte. Überhaupt zeigt die Flora hier, was sie kann: Schopflavendel, Orchideen, weiße und rote Zistrosen, Ginster, Iris, Sandkraut, Lupinen. An die sanften Hänge haben die Andalusier kleine Bauernkaten gestreut. Nachdem wir den Rio Verde an einer nur knöcheltiefen Stelle durchquert haben – kommt Unvermutetes: Zu Füßen eines Hanges stehen kleine Hütten, ein farbenfroh gestrichenes Haus mit großer Terrasse und einem Garten ringsherum.

Hier gibt es die beste Paella

Man darf die Casa Rural el Balatin ruhig als verwunschen bezeichnen. „Ich habe hier beim Wandern eine Hütte entdeckt. Als der Besitzer vor 20 Jahren gestorben ist, habe ich das Gelände gekauft“, sagt Juan. Seitdem baut er, beherbergt und bewirtet gemeinsam mit seiner Frau Eva Gäste. Während sie uns eine köstliche Tortilla auftischt, bereitet Juan in der Küche eine Paella mit Meeresfrüchten zu. „Es ist die beste, die man in der Gegend bekommen kann – ausgerechnet in den Bergen“, sagt Heide Rutzke. Die 63-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie ist 1991 eines Mannes wegen nach Andalusien gekommen. Die Liebe zu ihm zerbrach, die zum Land nicht. Sie wohnt in Ojén, einem weiteren weißen Dorf, das Ziel unserer zweiten Wanderung ist. Sie führt durch das Gebiet von Puerto Rico gleich oberhalb Marbellas. Die Szenerie ist eine andere als am Rio Verde. Es gibt viel mehr Pinien und Kiefern, auch Laubgewächse. Rosmarin scheint sich hier richtig wohl zu fühlen. Es geht steiler bergan, gut dass es heute etwas neblig ist. Trotzdem schimmern immer wieder die Hochhäuser Marbellas und das an diesen Tagen bleigraue Meer dahinter durch die Schwaden. Als wir oben am Aussichtsturm von Juanar sind, reißt der Himmel ein wenig weiter auf. „Bei klarem Wetter kann man Gribaltar und sogar die Küsten Nordafrikas sehen“, erzählt unsere Reiseleiterin.
 
Nach dem Abstieg von Juanar sitzen wir auf dem nun sonnenüberfluteten Marktplatz von Ojén vor der Bar El Calabazo und sehen dem Trubel dort zu. Es gibt Tapas und nach Wahl eisgekühltes Bier oder Weißwein. Kinder spielen am Brunnen, Jugendliche kicken, Senioren schwatzen, Frauen schlendern. Keiner wirkt hier gehetzt. „Ich will hier nicht wieder weg“, sagt Heide Rutzke. Wir haben eine Ahnung, warum das so ist.