Eine riesige Menschentraube hat sich an der Kaimauer des kleinen Jachthafens gebildet. Alle wollen das Spektakel im offenen Meer verfolgen. Dort, ein paar Meter von der schmalen Hafeneinfahrt entfernt, hat sich ein ansehnlicher Pulk zusammengefunden: Ausflugsschiffe und Segeljachten, Motor-, Gummi- und Tretboote sowie einige Stand-up-Paddler auf ihren Surfbrettern tummeln sich kreisförmig um ein größeres Schiff, an dessen Reling ein Mann mit weißer Soutane und roter Kopfbedeckung zu erkennen ist.
Es ist der Bischof von Ravenna, dem die Aufmerksamkeit aller Schaulustigen gilt. Nach seinem Handeln wird sich entscheiden, ob es ein gutes Jahr für Cervia wird. Da hebt Hochwürden auch schon den Arm, streift seinen Ring ab und wirft ihn ins Wasser. Unter dem Jubel der Menge springt ein Dutzend junger Männer in Taucherkluft hinterher. Sekunden vergehen, dann taucht der erste von ihnen wieder an der Wasseroberfläche auf. Triumphierend schwenkt er den an einer Kette baumelnden Bischofsring. Applaus brandet auf – alle können aufatmen: Es wird ein weiteres Jahr voller Glück und Wohlstand für Cervia folgen. So sagt es die Legende, und die hat seit über 500 Jahren Recht behalten. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!
 

Diese Meereshochzeit ist ein Spektakel

 

 „Sposalizio del Mare“ – „Meereshochzeit“ – heißt das Spektakel, das Jahr für Jahr in dem beschaulichen Ort zwischen Ravenna und Rimini am Himmelfahrtswochenende begangen wird – genauer gesagt seit dem Jahr 1445. Damals geriet der Bischof von Cervia auf der Rückfahrt von Venedig mit dem Boot auf dem Meer in einen furchtbaren Sturm – das Schiff drohte zu kentern. In seiner Not warf er seinen Ring ins Wasser und segnete das Meer, das sich auf der Stelle in einen spiegelglatten Wasserteppich verwandelte. Unbeschadet erreichte der Bischof Cervia und legte das Gelübde ab, diese Zeremonie jedes Jahr zu wiederholen – und so wird auch heute noch alljährlich in Cervia die Meereshochzeit mit Theateraufführung, großem Festumzug und anschließenden Feierlichkeiten begangen. Klar, dass zu diesem Spektakel nicht nur der ganze Ort auf den Beinen ist, sondern auch Tausende Besucher aus nah und fern. Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf die Hauptsaison, wenn es an den Stränden der Adria richtig voll wird – heute wie in den Sechzigerjahren, dem Beginn der Blütezeit des Italientourismus. Und wie überall an der Adriaküste erinnert auch in Cervia trotz aller Neuerungen noch so manches an diese Zeit.

Dicht an dicht reihen sich die Hotels an der langen Strandpromenade. Fast alle haben vier Stockwerke oder mehr, sind gelb verklinkert oder weiß verputzt und heißen „Anita“ oder „Edelweiß“, „Schiller“ und „Astrid“. Namen, die für Hotels etwas aus der Mode gekommen sind. Am Abend, wenn die Kronleuchter die großen Speisesäle erleuchten, kann man durch die duftigen Wolkenstores schemenhaft die emsigen Kellner erkennen, die große Teller mit Pasta servieren. Wolkenstores: Auch diese Gardinenart ist nicht mehr so recht en vogue. Natürlich gibt es auch eine Reihe neuer Hotels – aber es sind die betagten, die diesen ganz besonderen Adria-Charme versprühen.

Salz ist nicht gleich Salz, jedenfalls in Cervia

Schnurgerade ausgerichtet reihen sich in den Strandbädern die Liegestühle – wie überall an Italiens Küsten. Auch hier hat sich nichts geändert. Doch in den meisten dieser Bagni kann man sich längst nicht nur für 20 Euro am Tag zwei Liegen samt Sonnenschirm mieten. Es gibt Spielgeräte für die Kinder, Bocciabahnen und Fitnessgeräte, Relaxzonen und gehobene Restaurantküche wie zum Beispiel im Bagno „Club Milano“. Er bietet außerdem die „Accademia della Piadina“: Unter Anleitung von Rosella (71) können die Gäste lernen, wie man aus Mehl und Schmalz, Wasser, Hefe und Salz den typisch romagnolischen Snack herstellt. Letztere Zutat kommt natürlich aus Cervia; die Salinen des 28.000-Einwohner-Ortes sind berühmt. Sie gehören zum Naturpark des Po-Deltas. Bekannt ist das „weiße Gold“ als „süßes Salz von Cervia“, und es schmeckt tatsächlich besonders mild und harmonisch.
Wer Aktivurlaub schätzt, findet in und um Cervia eine Reihe von Möglichkeiten: Golfen, Tennis, Segeln, Reiten, Mountainbiken, Fallschirmspringen oder im 260 Quadratmeter großen Pinienwald im mondänen Stadtteil Milano Marittima walken – das Angebot ist groß. Schönheits- und Wellnessbehandlungen, unter anderem mit dem heilkräftigen Fango aus der Saline von Cervia, bieten die großen Thermen, die direkt am Pinienwald liegen.
Dass das Thema Genuss nicht zu kurz kommt, versteht sich wie überall in Italien von selbst: Hausgemachte Pasta und Antipasti, fangfrischer Fisch, begleitet von einem heimischen roten Sangiovese oder weißen Trebbiano – wer kann dem schon widerstehen? Danach fällt die Walking-Runde im Pinienwald eben etwas länger aus.