Nicht bei jedem läuft es so wie bei Dorothy Fletcher. Die 67-Jährige erlitt 2004 auf einer Flugreise einen Herzinfarkt – und bei der Durchsage „Ist ein Arzt an Bord?“ sprangen gleich 15 Menschen auf, um ihr zu Hilfe zu eilen. Alles Mediziner, die auf dem Weg zu einem Ärztekongress waren, berichtete der „Telegraph“. Fletcher überlebte. Sie hatte Glück, im Gegensatz zu anderen. Denn: Ein Herzstillstand ist die häufigste Todesursache über den Wolken. 

Insgesamt steigt die Zahl der Notfälle an Bord seit Jahren – inzwischen ereignet sich im Durchschnitt auf jedem 604. Flug ein medizinischer Zwischenfall. Für die Zunahme gibt es mehrere Gründe.

Erstens: Die Zahl der Passagiere steigt stetig, nach aktuellen Daten fliegen etwa 2,75 Milliarden Menschen pro Jahr. Zweitens: Die Passagiere an Bord werden im Durchschnitt immer älter. Drittens: Die Zahl von Reisenden mit Erkrankungen nimmt zu. Viertens: Immer mehr Menschen fliegen Langstrecke, dadurch sind sie länger niedrigem Luftdruck, extrem trockener Luft und eingeschränkter Bewegungsfreiheit ausgesetzt.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Arbeit des „Canadian Medical Association Journal“.

Häufigste Todesursache im Flugzeug: Herzstillstand

Die häufigsten Gründe für Hilfseinsätze im Flieger seien Bewusstlosigkeit (37 Prozent), Atemprobleme (12 Prozent), Übelkeit und Erbrechen (10 Prozent), Herzprobleme (8 Prozent) und Krampfanfälle (6 Prozent), schreiben die kanadischen Mediziner, die in ihrer Übersichtsarbeit eine nordamerikanische Studie zitieren.

Diese untersuchte fast 12.000 Notfälle an Bord von fünf Fluggesellschaften zwischen Januar 2008 und Oktober 2010. Rund ein Viertel der während des Flugs behandelten Patienten wurde anschließend in einem Krankenhaus untersucht, knapp 9 Prozent wurden stationär aufgenommen. 36 Passagiere starben noch im Flugzeug, 31 von ihnen an Herzstillstand. Was mit einer Leiche an Bord passiert, hat ein Pilot dem reisereporter erklärt.

Ärzte an Bord sind im Notfall oft verunsichert

Den Ruf „Ist ein Arzt an Bord?“ während eines Fluges zu hören könne einen Mediziner beängstigen, schreiben die kanadischen Experten weiter. Sie müssten nämlich ein ihnen unbekanntes klinisches Szenario in einem fremden und begrenzten Umfeld bewältigen – ohne zu wissen, welche medizinische Ausrüstung verfügbar ist.

„Zu wissen, was von einem erwartet wird, könnte die Ärzte besser vorbereiten, wenn dieser Ruf in 11.000 Metern Höhe das nächste Mal kommt“, sagt der Notfallmediziner Alun Ackery von der Universität Toronto. Gemeinsam mit einem Kollegen gibt er in einem Youtube-Video Tipps zur Ausstattung an Bord von Air-Canada-Flugzeugen. 

Bei Air Canada seien etwa die Hälfte der medizinischen Notfälle von einem Arzt, einem Krankenpfleger oder einem Sanitäter behandelt worden, die andere Hälfte von Flugbegleitern.

Diese würden immer eine zentrale Rolle bei der medizinischen Versorgung an Bord einnehmen: „Sie sind nicht nur in Erster Hilfe, der Reanimation und der Verwendung eines Defibrillators geschult, sondern auch vertraut im Umgang mit dem Flugzeug und den Notfallmaßnahmen“, heißt es in der Untersuchung.

Bei vielen Airlines gehört ein Kurs über Herz- und Kreislauf-Erkrankungen sowie den Umgang mit Beatmungsgeräten und Defibrillatoren inzwischen zur Ausbildung.

Notfallkoffer für die medizinische Versorgung an Bord

An Bord der Flugzeuge gibt es immer Notfallkoffer. Wie die ausgestattet sind, hängt von den gesetzlichen Bestimmungen der jeweiligen Luftfahrtbehörde ab. In Deutschland ist es das Luftfahrt-Bundesamt, auf europäischer Ebene die Europäische Agentur für Flugsicherheit (European Aviation Safety Agency), berichtet die „Deutsche Medizinische Wochenschrift“.

Nach deren Vorgaben müssen im Emergency Medical Kit unter anderem Beatmungsbeutel, Intubationsset, Skalpell, Geburtshilfeset und Medikamente zur ärztlichen Soforthilfe (wie Adrenalin, Antihistaminika, Analgetika, Kortison und Glukose) enthalten sein.

An Bord jedes Flugzeuges gibt es einen Notfallkoffer. Hier die Ausstattung von Air Canada.
An Bord jedes Flugzeuges gibt es einen Notfallkoffer – hier zu sehen ist die Ausstattung von Air Canada. Foto: CMAJ

Anders als in den USA oder in Kanada sind in Deutschland mitreisende Ärzte sogar gesetzlich verpflichtet, in solchen Situationen zu helfen.

Lufthansa hat ein „Arzt an Bord“-Programm

2011 registrierte die Lufthansa einen Notfall pro 10.000 Reisende, 70 Prozent davon auf Interkontinentalflügen. Bei der größten deutschen Airline gibt es das „Arzt an Bord“-Programm, in dem sich Mediziner registrieren können. So wissen die Flugbegleiter immer Bescheid, ob ein Arzt mitfliegt.

Dann fällt auch die Durchsage „Ist ein Arzt an Bord?“ weg – so wird nicht nur dem Mediziner, sondern auch dem Patienten mehr Privatsphäre gegeben.