Kalt. Das Wasser ist einfach nur k-a-l-t. In den Zehen pickt es, als würden sich tausend Nadeln durch die Haut bohren; das Gehirn lauert in Abseitsstellung. Und Alexander Bisan lacht. Er kennt die Reaktionen seiner Wohlstandsflüchtlinge zur Genüge. Tauchen die Füße zum ersten Mal in den so klaren wie bitterkalten Brandenberger Bach, beginnt das große Bibbern. „Das ist gar nicht so schlimm, wie es sich anfühlt. Halte noch ein bisschen durch“, spricht der sonnengegerbte Südtiroler seinem Versuchsobjekt Mut zu.

 

Tatsächlich dauert es nicht lange, bis sich der Kaltwasserschreck legt. Einige Schritte nach vorn, im plätschernden Bach umdrehen, dann wieder zurück – und der Selbstversuch endet mit einem Grinsen, sobald die Füße bis zu den Waden in wohlig warmen Handtüchern stecken. „Kneippen ist eine Wohltat. Für Körper und Geist“, erklärt Alexander Bisan. Er muss es wissen. Der 42-Jährige ist ein Aussteiger, er hat den Job als Elektrotechniker gekündigt, um inmitten der Berge leben und arbeiten zu dürfen. Als Wanderführer, als Almwirt, und eben auch als Kneipp-Missionar.

Heilsamer Schock für das Immunsystem

Wer bei Kneippen nur an den Kaltwasserschreck denkt, liegt falsch. Der Pfarrer Sebastian Kneipp sah den Menschen und seine Gesundheit als großes Ganzes: Ernährung, Bewegung, Lebensführung und Heilpflanzenmedizin ergänzen einander. Schließlich war der gute Mann selbst ein Leidgeprüfter. Schwer an Tuberkulose erkrankt, war er von den Ärzten bereits aufgegeben worden. Beispielhaft, dass Kneipp an sich selbst glaubte. Als er eines Morgens – Mitte des 19. Jahrhunderts – zur Donau hinunterstieg, um bei feuchtkalten fünf Grad bis zum Nabel in den Fluten zu waten, übte der starke Reiz des eiskalten Wassers und die darauf folgende Erwärmung am Ufer einen heilsamen Schock auf das Immunsystem aus.

Mit Tautreten, weiteren Wasseranwendungen und Umstellung der Ernährung auf primär pflanzliche Kost konnte sich Kneipp selbst heilen – und revolutionierte damit die Naturheilkunde. Kneippsches Wissen ist zeitlos und aktueller denn je, meint der Südtiroler Fachmann, der im Eggental, eine halbe Autostunde oberhalb von Bozen gelegen, in die Geheimnisse dieses Gesundheitsapostels einführt.

Das Eggental ist ein Geheimtipp

Denn der gemeine Mitteleuropäer braucht nichts dringender als frische Luft, klares Wasser, Bewegung und natürliche Lebensmittel, wie sie beispielsweise der kneippende Alexander Bisan auf seiner Almütte aus Brennnesseln oder Kräutern herstellt.

Hier zu urlauben, verbindet gleichermaßen Rückbesinnung und Erlebnisorientierung. So ist das Südtiroler Eggental zwar für seine hervorragenden Skipisten – unter anderem in Obereggen, an Latemar und Zanggen – bekannt.

Doch in der schneefreien Zeit gilt das Eggental noch als Geheimtipp. Außer mittelgroße Hotels, die inzwischen bis in den oberen Sternebereich vorgedrungen sind, bieten (Familien-)Pensionen und Höfe insbesondere das naturnahe Erlebnis – ohne dabei die Ursprünglichkeit der Region zu zerstören. Die Maxime für den Tourismus, auch für Familienangebote, lautet stets: Den Mittelpunkt bildet die Natur, in die sich alles einfügen muss.

Stefan Köhl, der Käsemeister, ist einer dieser Menschen, der die Maxime der Ursprünglichkeit von kleinauf verinnerlicht hat. In einer Zeit, in der sich überall nahezu jedes Produkt kaufen lässt, besinnt sich der Mittdreißiger vom Learner Hof auf das Regionale – auf Produkte, die nur in einer ganz bestimmten Gegend zu haben sind.

Er bricht jeden Laib eigenhändig, verwendet Berg- statt Meersalz und die Milch der Kühe, die nicht einmal hundert Meter entfernt vom Hofladen weiden. Die Warteliste der Geschäfte und Restaurants, die seinen Käse anbieten möchten, wächst stetig. Zum Erfolg gehört in dieser Region aber auch Demut: „Wir haben die Natur nur geborgt, müssen sie hegen und pflegen, um sie genießen zu können.“