Das Wiener Rathaus, Schloss Schönbrunn, Schloss Belvedere und der Stephansdom: Viele Gebäude und Parks in Wien rauben dir schier den Atem. Die Stadt ist einfach schön.

Fast schon zu schön, findet Eugene Quinn. „Schönheit kann langweilig sein, Hässlichkeit niemals.“

Der gebürtige Londoner lebt seit fast neun Jahren in der österreichischen Hauptstadt und hat sich ein Ziel gesetzt: Die wahre Seele Wiens entdecken. Schon Autoren wie Stefan Zweig und Elfriede Jelinek sowie Sigmund Freud seien fasziniert von der Melancholie Wiens gewesen, so Quinn. 

Gemeinsam mit dem Verein Space and Place zeigt er deshalb Touristen, aber auch Einheimischen, die verschiedenen Seiten der Stadt. Neben einer Tour, welche Gerüchen folgt, die es so nur in Wien zu schnuppern gibt, bietet Eugene Quinn seit 2015 auch eine „Vienna Ugly“-Tour an. 

Wir wollen die Sisi-und-Schnitzel-Industrie bekämpfen, indem wir die Besucher auf die dunkle Seite führen.

Eugene Quinn

Bei dieser besonderen Führung zeigt er die hässlichen Seiten der Stadt. „Wir wollen die Sisi-und-Schnitzel-Industrie bekämpfen, indem wir die Besucher auf die dunkle Seite führen.“

Für die Teilnehmer – seit dem Start der Tour 2015 sind es mehrere Tausend – geht’s durch den Augarten, über den Karmelitermarkt, entlang des Donaukanals und durch den Stadtpark. Insgesamt zeigt Quinn 19 Gebäude, die „600 Jahre an Hässlichkeit“ repräsentieren.

Darunter ist etwa der Flakturm, ein Hochbunker im Augarten. Oder ein modernes Apartment, das auf ein historisches Gebäude aufgebaut wurde.

Der Flakturm im Augarten ist ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Er ist ein Stopp auf der „Vienna Ugly“-Tour durch Wien.
Der Flakturm im Augarten ist ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Er ist ein Stopp auf der „Vienna Ugly“-Tour durch Wien. Foto: imago/imagebroker

Ob die Teilnehmer selbst die Gebäude hässlich finden, dürfen sie selbst entscheiden. Bei jedem Stopp wird abgestimmt. „Wir wollen auch eine Debatte darüber starten, was hübsch und was hässlich ist und warum“, so Quinn. 

Vienna Ugly: Teilnehmer der Tour oft selbst aus Wien

Die meisten Teilnehmer seiner „Hässliches Wien“-Tour seien übrigens keine Touristen, sondern Wiener selbst. „Viele Einheimische finden die Schönheit banal und würden nie einen Rundgang durch barocke Gärten und Paläste machen. Aber lade sie ein, das Schlimmste der Stadt zu feiern, und sie genießen die Gelegenheit“, so Quinn. Außerdem mit dabei: viele Architekten. „Sie genießen das Gefühl der Schadenfreude.“

Selbst der leitende Architekt der Stadt habe sich bei ihm gemeldet und elf Gebäude vorgeschlagen – vier von ihnen hat der Verein in die Tour aufgenommen.

Klar, manche Besitzer der Gebäude seien nicht unbedingt erfreut darüber, dass Eugene Quinn mit einer Truppe Menschen davor steht und über die Hässlichkeit ebenjenes Hauses diskutiere. Klar wolle er auch provozieren, sagt der Londoner. Aber er wolle vor allem „eine neue Geschichte über Wien erzählen“.

Jede „Ugly“-Tour führt selbstverständlich auch an Schönheit vorbei (die gibt’s in Wien nun mal an jeder Ecke). „Aber wir bitten die Teilnehmer, die Eleganz zu ignorieren und sich stattdessen auf die architektonischen Fehler zu konzentrieren“, so Eugene. An dem Rest können sich die Urlauber auch nach der Stadtführung noch satt sehen.

Vienna Ugly Tour | Treffpunkt: Eingang des Augartens, Obere Augartenstraße 1, 1020 Wien | Nächste Termine 2018: 10. März, 7. April, 5. Mai, 30. Juni | Kosten: 10 Euro