Es ist dieses amerikanische Lachen. Laut und auffällig und jedes Mal, als hätte jemand den besten Witz überhaupt erzählt. Bill Luckett beherrscht es perfekt. Muss er auch: Er ist Restaurant-Besitzer, Anwalt und Bürgermeister von Clarksdale. 20.000 Menschen leben in dem Städtchen im Mississippi-Delta, im tiefen Süden der Vereinigten Staaten. Einer der Bewohner ist Schauspieler Morgan Freemann. „Erst vorgestern war er hier“, sagt Luckett, und lacht wieder, „sie haben ihn knapp verpasst.“

 
Der Bürgermeister und der Schauspieler betreiben zusammen das Restaurant Ground Zero. Tagsüber gibt es hier klassisches Südstaaten-Essen. Fried Chicken, also frittiertes Hühnchen, zum Beispiel. Aber auch Burger. Kleine Portionen? Vielleicht in Gesundheitshochburgen wie New York oder Kalifornien. Ein spärlich beladener Teller ist hier, im gastfreundlichen Süden, eher ein regelrechter Affront. Abends wird aus dem Lokal, dessen Wände und Tische übersät sind mit handgeschriebenen Grußworten der Gäste, ein Blues-Club. Musik ist die Energiequelle des Bundesstaates.

Elvis, Johnny Cash und Martin Luther King

Die Gastfreundlichkeit des Südens zeigt sich dann auch, wenn der Bürgermeister die Visitenkarte zieht, sie Besuchern des Ground Zero in die Hand drückt: „Hier. Damit kommen Sie jederzeit aus dem Gefängnis raus.“ Dann lacht er wieder. War ja ein Witz. Vielleicht. Zeit im Knast wäre auf jeden Fall verschwendete Zeit.
 
In Clarksdale soll Robert Johnson dem Teufel seine Seele verkauft haben, um den wahren Blues spielen zu können. Wer den erleben möchte, kann dies auch ohne solch fragwürdige Deals tun.
 
Der Süden ist ein beschwingter Teil der USA, vielseitig, musikalisch, religiös, aber auch geschichtsträchtig. Die Reise von Tennessee zur Küste führt den Besucher tief in die Seele der Vereinigten Staaten. Musik ist davon ein elementarer Bestandteil. In Memphis, Tennessee, ziehen bis heute die großen Namen die Besucher an – Elvis Presleys’ Graceland als Einblick in ein Rock- ’n’-Roll-Leben, die legendären Sun Studios als Treffpunkt von Musikern wie Johnny Cash und Jerry Lee Lewis.
 
Der Soul vergangener Dekaden wird im Stax-Museum lebendig. Im Verlauf der Reise lassen die weniger Chartsträchtigen, dafür tief berührenden Songs vor allem über das Leben als Schwarzer im Süden die Geschichte des Mississippi-Deltas wahrhaftig werden. Es ist nicht immer eine schöne.

 

 

In Memphis steht das ehemalige Lorraine Motel. Es ist Sinnbild des Kampfes um Gleichberechtigung für Schwarze, deren Versklavung vor allem im Süden viele Weiße enorm reich gemacht hat. In dem damaligen Motel wurde 1968 Martin Luther King erschossen.
 
Inzwischen ist es zum National Civil Rights Museum umgebaut. Und eine der eindrucksvollsten Museumserfahrungen in der Gegend. Wer zum Beispiel den Bus besteigt, in dem die Menschenrechtlerin Rosa Parks sich nicht – wie von ihr als Farbige verlangt wurde – nach hinten setzte, durchlebt eine in dieser massiven Ausprägung heute schwer vorstellbare Diskriminierung, die gerade einmal 60 Jahre her ist. Der Besuch des Museums ist für Touristen kein lockerer Ausflug. Aber: unverzichtbar, um die Spannungsfelder des Südens – und damit auch seiner Musik – umfassend begreifen zu können.

Hier wurde der Delta Blues erfunden

Es sind immer wieder Puzzleteile, die sich bei der Fahrt durch Mississippi zu einem großen Bild des Südens zusammensetzen. Oxford etwa, eine Studentenstadt im Lafayette County, wirkt rund um den lebendigen Town Square wie ein Bilderbuchstädtchen. Restaurants, Bars, überall junge Menschen. Wer will, besteigt einen roten Doppeldeckerbus, fährt zwischen kleinen, niedlichen Wohnhäuschen zum großen Campus, endet dann vielleicht an dem Haus, in dem Schriftsteller William Faulkner lebte.
 
Das Telefon, über das ihm der Gewinn des Pulitzer-Preises mitgeteilt wurde, steht hier genauso wie der Schreibtisch, an dem er seine Werke verfasste. Gleichzeitig ist Oxford aber auch die Stadt, in der 1962 die Nationalgarde einen schwarzen Studenten beschützen musste vor dem rassistischen Mob. Zu vielen war die Gleichberechtigung nicht geheuer.
 
Etwa eine Stunde von Oxford entfernt bei Cleveland bekommt man auf der Dockery Farm einen guten Eindruck davon, wieso der Umbruch viele zuerst überforderte. Über die Straße wehen nach wie vor Baumwollfetzen, das Land um die ehemalige Baumwoll-Plantage ist weit, die Sonne brennt auf die Erde. „Hier wurde der Delta Blues erfunden“, sagt Bill Lester, heute Betreiber der Touristenattraktion.
 
An Wochenenden gaben die schwarzen Arbeiter Teile ihres hart verdienten Lohnes, um der Musik zu lauschen, die ihr Leid so eindringlich zum Ausdruck brachte. Sie von der Ferne, von Freiheit träumen ließ.

 

 

Eine Freiheit, die in Natchez, drei Autostunden südlich, am sich hier weit öffnenden Mississippi spürbar wird. Die älteste Stadt an dem weltberühmten Fluss wird „Little Easy“ genannt. Eine Anspielung auf New Orleans als The Big Easy. Genau wie dort soll hier alles ganz entspannt zugehen.
 
Wer die gepflegten, heimeligen Straßen in Downtown entlangläuft, an Bars und Restaurants vorbeikommt, glaubt das schnell. Nahe der Brücke über den Fluss nach Louisiana gibt es eine urige Pinte, in der die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben scheint. Weiter die Straße hinunter eine waschechte Hipsterbar. In der Vergangenheit residierten die Weißen hier in stattlichen Villen. 600 stehen noch aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Und es gibt an jeder Ecke diese Gastfreundschaft, die ganz eigene Art des Südens.