Die längste Eisenbahnstrecke der Welt – 9288 Kilometer von Moskau bis nach Wladiwostok – ist ein Symbol für die Erschließung des scheinbar Unerschließbaren. Die Transsibirische Eisenbahn steht für die Eroberung dessen, was man nicht gleich sieht: unermessliche Bodenschätze, Handel mit fernöstlichen Ländern, militärische Ausdehnung.

 
Die Bahnhöfe entlang der Strecke sehen oft prächtig aus – wie hier in Irkutsk. Eine der Trassen der Transsib, die im Laufe der Jahrzehnte um immer mehr Parallelstrecken und Abzweige erweitert wurde, haben wir erkundet. Von Chabarowsk in Fernost bis Irkutsk, westlich vom Baikalsee. Einmal per Zug quer durch Ostsibirien. 3350 Kilometer durch unendliche Weiten.
 
Die Elektrolok zieht 19 Waggons. Wir fahren westwärts. Das Durchschnittstempo liegt bei 70 Kilometern pro Stunde. Was wir sehen, ist sibirischer Sommer. Lärchen, Kiefern, Birken, Wiesen. Wiesen, Birken, Kiefern, Lärchen. Die ständig auf- und niedergleitenden Telefon- und Stromleitungen erinnern daran, dass die Zivilisation ihre Kräfte an dieser Trasse gebündelt hat.

Straßen sind kaum frequentiert – Sibirien ist Eisenbahnland

Der Bau der Transsib war eine Großtat – und kostete viele Menschenleben.
Im Gegenverkehr donnern vor allem Güterzüge an uns vorbei, laut und lang. Die Transsib ist die wirtschaftliche Hauptschlagader für weite Teile des russischen Riesenreichs. Eine Schlagader mit Verästelungen in die nördlichen Permafrost-Regionen wie ins südlich gelegene China. Eine durchgehend asphaltierte Straße in Ost-West-Richtung gibt es erst seit 2010.
 
Wenn man vom Zugfenster aus ein Stück dieser Landstraße sieht, ist diese kaum frequentiert. Sibirien ist Eisenbahnland. Für Viktor Parschin, Direktor des Eisenbahnmuseums in Chabarowsk, ist die Sache ganz einfach: „Eine Stadt, die keine Zuganbindung hat, ist nicht entwickelt.“
 
Wahnsinnig aufregend sind die ostsibirischen Landschaften nicht – sieht man von der Bergwelt am Baikalsee ab. Die Taiga lockt bei den Reisenden keine verzückten Ahs und Ohs hervor, nur wohlwollendes Interesse. Taiga, das heißt: Erinnerungen an amerikanische Prärie, Vergleiche mit afrikanischer Serengeti, auch mal ein Hauch von Harz und Heide.

 

 

Mit Beschaulichkeit warten vielfarbige Blumenwiesen auf, mit abweisender Undurchdringlichkeit Macchia-Meere und sumpfige Auen. An manchem der mäandernden Flüsse möchten wir wohl aussteigen, einem der im Flachwasser stehenden Angler beim Fischen zuschauen. Aber wir sind Zugreisende. Angucken ja, anfassen nein.
 
Was wir nicht zu Gesicht bekommen, ist Landwirtschaft. Kein Ackerbau, kaum Viehzucht. In den meist schmucklosen, aus Holz gebauten Siedlungen mit ihren Selbstversorgergärten treiben sich gelegentlich ein paar magere Kühe herum. Was möglicherweise in den Ställen steht, entzieht sich unseren Blicken. Was sich den Blicken ebenso entzieht, ist die Unendlichkeit. Man muss sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, die Unfassbarkeit dieser Weiten, gestückelt in mehrere Zeitzonen.
 
Zug 1: der linientreue
Auf dem ersten, längeren Teil unseres Transsib-Trips sitzen wir im Linienzug, von Chabarowsk nach Ulan-Ude. Zwei Personen in einem Vier-Bett-Abteil – das sollte man sich schon gönnen, wenn man sein Gepäck ohne Verrenkungen ablegen möchte und der Wechsel zwischen Schauen und Schlafen nicht zum Umräumdrama ausarten soll. Ist die Liege gerichtet, läuft alles rund. Das Tatam-Tatam der Räder? Reine Gewöhnungssache, wir schlafen bestens.
 
Wer volksnah reisen will, wählt „Platzkartny“ in der dritten Klasse. In diesen Großraumwaggons sind 27 – recht kurze – Etagenbetten montiert. Trennende Wände fehlen, die Voraussetzungen zu intensiver Kontaktaufnahme mit Einheimischen sind bestens. Doch ohne Russischkenntnisse bleibt der Austausch Stückwerk, und die Völkerverständigung auf reiner Wodka-Basis ist auch nicht jedermanns Sache. Zudem werden die Platzkartny-Wagen gern als „Aroma-Waggons“ bezeichnet: Robust veranlagte Reisende sind hier klar im Vorteil.

 

 

Manches Detail im Linienzug mutet noch sehr sowjetisch an. Jeder Waggon wird von zwei Schaffnern betreut, und diese nehmen ihren Job überaus ernst. Das beginnt bei der intensiven Kontrolle der Papiere beim Einsteigen, setzt sich an den Haltepunkten fort: Die Gouvernante hat ihre Schäfchen immer im Blick. Streng achtet sie darauf, dass die Gardinchen der Gang-Fenster immer zugezogen sind.
 
Beim Bettenwechsel verwandelt sich die gestrenge Kontrolleurin in eine Reinigungskraft, okkupiert das Abteil mit Sauger und Staubtuch. Immerhin: Gegen das Fotografieren im Zug haben die Schaffner keine Einwände. Einem Polizisten bleibt es bei einem Zwischenhalt in Oblutschje vorbehalten, einem Touristen die Kamera aus der Hand zu nehmen und seine Aufnahmen von der fliegenden Händlerin zu löschen. Merke: Auf Bahnhöfen ist Fotografieren verboten. Zumindest offiziell.
 
Zug 2: der luxuriöse
Wer kein Freund des Spartanischen ist, wer die Heizungstemperatur im Abteil eigenständig regeln will und sich nicht um die wenigen Steckdosen im Gang rangeln möchte, um Kamera- und Handyakku aufzuladen – dem dürfte die Bolschoi-Klasse im Zarengold gefallen.
 
Die bei Touristen beliebteste Transsib-Route, erzählt Felix Willeke vom Berliner Reiseveranstalter Lernidee, führt von Peking via Mongolei nach Moskau. Der Sonderzug bietet Nostalgie pur, mit Plüsch und Pomp, mit TV im Abteil und ganz privatem Bad. Hübsch gefächert mit dunkelroten Stoffbezügen und fein geschnitzten Hölzern rollt der eine Speisewagen durch die Lande, violett bestuhlt mit beigefarbenen Rüschengardinen ein anderer. Guter Service und lächelndes Zugpersonal sorgen schnell für Wohlfühlatmosphäre – wir genießen sie von Ulan-Ude bis Port Baikal.

 

 

Die Panoramastrecke am Baikalsee wird exklusiv für Sonderzugfahrten freigehalten. Ein paar Stunden Kurvenspaß am tiefsten und ältesten Süßwassersee der Welt, ein kleines Teilstück entlang eines gewaltigen Gewässers, das so lang ist wie die Strecke von Hannover nach München. Wenn der Lokführer einen guten Tag hat, lässt er ein paar Reisende auf seine Lok steigen. Die dürfen die Menschenleere der Uferzonen hautnah erfahren, an der seitlichen Reling neben dröhnenden Dieseln stehend, gemächlich bei Tempo 30.
 
Aus noch ganz anderen Perspektiven erschließt Reiseführer Dmitri Tschuprikow abenteuerlustigen Touristen den Baikalsee. Ihnen offeriert er seit sieben Jahren Kajakfahrten, Mountainbiking und Schlittentouren – an diesem Minimeer hat jede Jahreszeit ihren Reiz.

Luxus in barockem Ambiente

Sibirien im Luxuswaggon: Die Diskrepanz zur oft ärmlichen Welt jenseits der Scheiben ist beträchtlich. Doch ist man im Zarengold gänzlich außen vor? Es gibt von Lernidee Reisen organisierte Ausflüge, die tiefere Einblicke gewähren, als es dem des Russischen unkundigen Individualreisenden vergönnt sein dürfte.
 
Den Mix aus prächtigen Renommierbauten und heruntergekommenen Hochhaussiedlungen – den kann jeder sehen. Doch bei weltoffenen Russen einkehren, die den Tisch daheim liebevoll gedeckt haben und mithilfe eines Dolmetschers alle Fragen wissbegieriger Westler beantworten: Das ist schon speziell. Und viel zu erzählen haben sie allemal, etwa Tatjana Timofeevna aus Irkutsk, die früher als Zahnärztin für die Eisenbahnverwaltung gearbeitet hat. „Wenn man in den Sechzigerjahren Transsib gefahren ist, war man am Ziel immer schwarz“, erinnert sie sich lachend – die Dampfloks forderten ihren Tribut.
 
Ob individuell oder per Gruppe im Linienzug, ob Standard- oder Bolschoi-Klasse im Sondermodell: Alles ist möglich. Die Preisdifferenz bis zur teuersten Zarengold-Variante beträgt schlussendlich ein paar Tausender – der Aufschlag für Luxus in barockem Ambiente und ein gehöriges Mehr an Informationen.