Es brodelt noch gemächlich, eine mächtige unterirdische Kraft scheint in dem Loch zu rühren. Dann wird der Sog immer stärker, bis eine Wassersäule hochschießt, es riecht schwefelig. „Hier sind wir der Hölle ganz nah“, sagt Arthúr Bollason, unser Reiseführer für einen Tag.  

Wir stehen am Geysir Strokkur, der übersetzt Butterfass heißt und aus tiefsten Erdschichten seine Kraft saugt. Alle drei bis fünf Minuten spuckt er 30 Meter hoch aus. Es stinkt gewaltig, aber mächtig imposant ist es allemal. Wie so vieles auf Island.

Isländer stricken Legenden. Und was für welche!

24 Stunden Island. Geht das überhaupt? Kaum gelandet, merken wir schnell, wie sich in den Weiten der Insel jedes Zeitgefühl verliert. Kein Zufall, dass Hollywood die Mondlandschaften für Endzeitfilme als Kulisse entdeckte. Gletscher, Vulkane, Geysire, Wasserfälle – so viel Futter für die Augen. 

Das ist auch der Stoff, aus dem die Isländer ihre Legenden strickten, die sie Sagas nennen. Halb Historie, halb Erzählung, aber immer rustikal wie die Landschaft. „Isländer lieben es, aus ihrem Leben Fabeln zu machen“, behauptet Bollason. Er moderierte ein TV-Kulturmagazin, übersetzte deutsche Philosophen und Schriftsteller wie Heine, Nietzsche, Schiller, Enzensberger und Precht. Am liebsten erzählt Bollason aber selbst – aus den schaurig-schönen Sagas, die er gesammelt und in Büchern veröffentlicht hat.

So erzählt er und erzählt bei unserer Rundfahrt zu den Hauptattraktionen im Süden der Insel, der Golden Circle Tour. Erfrischend Bollasons Selbstironie, unerschöpflich sein Sagafundus, und wir schauen dabei aus dem Fenster: auf das Häuschen, in dem sich 1986 Ronald Reagan und Michail Gorbatschow der deutschen Wiedervereinigung näherten.

Ein Tankwart als Außenminister

Zur isländischen Politik kennt Bollason viele lustige Episoden. Vom ehemaligen Tankwart, der Außenminister wurde. Vom Umweltminister, der als Tierarzt praktizierte. Vom Bürgermeister Reykjavíks, der ein Komiker war und ein handfestes Wahlprogramm hatte: Er versprach kostenlose Handtücher in den Schwimmbädern, dazu einen Eisbären für den Zoo.

Tierisch viele und spannende Geschichten und noch mehr faszinierende Landschaft. den Thingplatz, Treffpunkt der Wikinger, die hier Demokratie übten. Hier verläuft auch die Grenze zwischen Europa und Amerika, ein Graben zwischen der eurasischen und der nordamerikanischen Kontinentalplatte. 

Der Gullfoss-Wasserfall, wo der Fluss Hvita stufenweise in eine 70 Meter tiefe Schlucht rauscht. Das Heißwassertal Haukadalur. Auf der Fahrt dorthin kommen wir am Haus vom Halldór Laxness vorbei, der 1955 den Literaturnobelpreis erhielt. Bollason weiß, „dies war die erste asphaltierte Straße Islands, weil alle Staatsoberhäupter den berühmten Dichter besuchen wollten“.

Wir liegen auch in der herrlichen „Blauen Lagune“, einem Thermalbad, das aus einem 5.000 Quadratmeter großen Salzsee entstand. Aus heißen Quellen gespeist – nicht nur die Haut wird weich in dem 37 bis 42 Grad heißen Anti-Stress-Becken der isländischen Art, nur wenige Minuten vom Flughafen Keflavík entfernt.

Das Nordlicht an Amerikaner verkauft

Entspannt erreichen wir Reykjavík. Die nördlichste Hauptstadt der Welt hat sich zur Partymetropole gemausert. Eine letzte Geschichte gibt uns Bollason dann noch mit auf den Weg – wie der Dichter und Unternehmer Einar Benediktsson einem amerikanischen Geschäftsmann das Nordlicht verkaufte. Der Amerikaner sei irgendwann auf der Behörde erschienen, um sein Nordlicht abzuholen. Der Beamte antwortete laut Bollason nur: „Wenn du eine Leiter findest, die lang genug ist, kannst du es gern mitnehmen.“

Auch dies ist zumindest eine gut erfundene Geschichte aus dem Land zwischen Himmel und Hölle, Europa und Amerika, heißen Quellen und eisigen Gletschern – an einem Tag reingeschaut und reingehört beim besten Reiseführer, den man sich denken kann. Beim nächsten Mal, so haben wir ihm beim Abschied versprochen, bleiben wir länger.