Leben unterm Dreitausender. Genau 3143 Meter misst er, der Fansipan, unweit der chinesischen Grenze im nordöstlichsten Zipfel Vietnams. Wir stehen auf einer Anhöhe bei Sapa, dem Ort, von dem aus die Trekkingtouristen zu Vietnams höchstem Berg aufbrechen. Ein Kleinbus hat uns zu dem Aussichtspunkt gebracht: Täler und Berghänge, so weit das Auge reicht, ein gigantisches Relief akkurat gezeichneter Terrassen mit Reisfeldern, dazwischen – wie getupft – Holzhütten. Ein Bild, das in der Erinnerung nie mehr gelöscht wird.

Manchmal bewegt sich etwas in diesem Landschaftspanorama: vereinzelt Menschen, hier und da ein Wasserbüffel. Während wir in den nächsten drei Stunden über Pfade und kleine Brücken durch diese fremdartige Gebirgswelt wandern, rennen uns Kinder entgegen, sprechen uns ihre Mütter an, die indigogefärbte, gebatikte Stoffbahnen anbieten, Tellerröcke, dicht in Falten gelegt und aufwendig bestickt, vielfarbiger Kopfputz, alles Kleidungsstücke, die die Frauen auch selbst tragen. Und die sie selbst gefärbt, genäht, bestickt haben. Noch hat Karl Lagerfeld diese Haute Couture nicht entdeckt.

Jede Volksgruppe hat eigenen Geisterglauben

Wir sind in einem Dorf der Hmong, dessen Bevölkerung kaum mehr als eine halbe Million Menschen umfasst und von denen ihr größerer Teil immer noch im Süden Chinas lebt. Es gibt Schwarze Hmong, Blumen-Hmong, Grüne Hmong, auch noch weitere Untergruppen dieser jahrtausendealten Ethnie.
Die Hmong haben unterschiedlichste Trachten innerhalb ihrer Bevölkerungsgruppe.
Die Hmong kleiden sich heute noch stets in ihren traditionellen Trachten. Besonders bei Festen kann man die verschiedenen Varianten beobachten. Foto: pixabay.com/ vietnampeoplelandscape
 
Jede trägt noch ihre eigene Tracht, jede lebt in ihren eigenen Dorfgemeinschaften, jede pflegt ihre eigenen, von wundersamen Gesängen bestimmten Rituale um Ahnenkult und Geisterglauben. Ein Altar mit Räucherstäbchen findet sich in jedem Haus, nicht nur in jenem, in dem wir uns auf unserem Weg durch Cat Cat Village umsehen durften.
 
Noch etwas lässt uns staunen, bevor wir mit unseren westeuropäischen Augen auf einen vergessenen Bergstamm (von mehr als 25 dort lebenden) blicken dürfen: Unsere Gruppe muss Eintritt bezahlen, bevor sie die Dörfer besuchen darf. Nicht viel, etwa 2 Dollar pro Person. Die Regierung habe dieses und weitere Dörfer als Touristenzentren deklariert und erhebe den Eintritt, erläutert unser vietnamesischer Guide beflissen; die Bevölkerung dürfe als Gegenleistung ihre Waren feilbieten.

Vietnam: landschaftlich & kulturell einzigartig

Am Abend, im Hotel U Sapa, macht uns Hoteldirektor Mark Heather, der aus dem englischen Nottingham stammt, mit einem jungen Landsmann bekannt: Phil Hoolihan, ein ehemaliger Lehrer, der mit Einheimischen ein kleines Reisebüro aufgebaut hat. „Hilfe zur Selbsthilfe“ muss es sein, fordert der 41-Jährige leidenschaftlich, „sonst werden die Menschen hier weiter unterdrückt.“
 
Viele Hmong gehörten dereinst zu den Vietnamesen, die mit den Amerikanern kollaborierten, deshalb mussten auch viele Hmong flüchten, nachdem 1975 der Abzug der US-Armee beschlossen war. Wer Lust verspürt, einmal bei einer Hmong-Familie zu nächtigen, kann sich bei Phil oder seiner Frau Hoa melden.
 
Das heutige Vietnam ist nicht nur landschaftlich wie kulturell eine Ausnahmeerscheinung, sondern auch touristisch. Erst seit den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kann dieser äußerste Rand Südostasiens überhaupt wieder besucht werden – seit sich das kriegsgebeutelte Vietnam 1987 für den Tourismus öffnete.

35 Millionen Touristen im Jahr

Schon 1995 wurden 1,35 Millionen Touristen gezählt. Nachdem 1994 das amerikanische Wirtschaftsembargo aufgehoben worden war und damit die Investoren ins Land geströmt waren, stiegen die Zahlen rasant an: 2010 wurden noch fünf Millionen, 2013 etwa 35 Millionen Touristen gezählt.
 
Aus einer Agrar- ist im Zeitraffer eine Dienstleistungsgesellschaft geworden. Kein mürrischer Grenzbeamter dieses – von einer kommunistischen Einheitspartei geprägten – Landes kann den Boom aufhalten. Der Turbokapitalismus floriert – mit allen Vor- und Nachteilen.
 
Zu diesem Boom gehört auch die Fünf-Sterne-Anlage Emeralda Resort Hotel, die mitten ins Van Long Naturreservat im Umkreis des Mekong-Deltas gebaut ist und von einem Franzosen geleitet wird. Der Urlauber wird in einer der 172 Villen im nordvietnamesischen Landhausstil umsorgt. Kosten für das luxuriöse Ambiente: ab 2.856.000 VND, das sind vietnamesische Dong. Die fast 3 Millionen Dong müssen Gäste nicht schrecken, es sind grob umgerechnet etwas mehr als 100 Euro.

Dschunkenfahrt in spektakulärer Landschaft

Neben wohlsituierten Hanoiern sind es deutsche Reisende, die einen gewichtigen Teil der Gäste in dem noblen Anwesen stellen, berichtet Luu Thi My Van, die aparte Marketingmanagerin der Emeralda-Gruppe. Der Schritt von einer Minderheit (innerhalb von 54 Ethnien, die in Vietnam leben) an der chinesischen Grenze bis zu diesem durchgestylten Ort in der Region Ninh Binh ist kaum größer denkbar.
 
Weiter geht es zu einer Dschunkenfahrt: Trang An umfasst eine spektakuläre Flusslandschaft mit 13 Höhlen, dazu das angrenzende Tam Coc mit drei Höhlen und die 1000 Jahre alte Kaiserstadt Hoa Lu. Hier entsteht ein völlig neues Tourismuszentrum. In den beiden Karstlandschaften Trang An und Tam Coc, an den Ufern der mäandernden Flüsse, erheben sich paradiesisch anmutende Tempel und Pagoden.

Places that would appear in dreams

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 Eine der beeindruckendsten ist Bich Dong. Sie besteht eigentlich aus drei Pagoden, die über drei Ebenen eines Berges errichtet und teilweise in den Berg gegraben sind. Im Jahr 1428 sollen zwei Mönche den ungewöhnlichen Standort gewählt haben. Um das landschaftliche Stillleben genießen zu können, sitzt man zu viert, maximal zu fünft in einer einfachen Dschunke, die eine zierliche Vietnamesin rudert.

Natur- und Kulturerbe der Unesco

Mit der freundlichen Frau am Ruder passieren wir einen löchrigen Kalksteinfelsen nach dem anderen. Der Fluss windet sich durch bizarr geformte Tropfsteinhöhlen. Manche sind mehrere Hundert Meter lang. Die mehr als 10.000 Hektar weite Flusslandschaft am Südufer des Deltas des Roten Flusses mit Trang An, Tam Coc und Hue ist erst im Sommer 2014 von der Unesco zum erhaltenswerten Natur- und Kulturerbe deklariert worden.
 
Schon liegen an der Anlegestelle mehr als 1000 Dschunken. Die Region ist für unendliche Touristenströme gewappnet. Mit einem vergleichbaren Ansturm an Menschen muss der Cuc-Phuong-Nationalpark, auch er liegt in der Provinz Ninh Binh, vermutlich auch künftig nicht rechnen. Schon 1962 ist das 225 Quadratkilometer große Schutzgebiet eingerichtet worden, damit ist es der älteste Nationalpark Vietnams. Seine traumhaft schöne Kalksteinszenerie inklusive Regenwäldern ist Heimat von mehr als 2000 Pflanzenarten, 64 Säugetier-, 307 Vogelarten und mindestens 280 verschiedenen Arten von Schmetterlingen.

 

Hier ist auch die endemische Spezie des Delacour-Langur zu Hause. Endemisch will sagen, dass diese Affenart nirgendwo anders (über)leben kann. Gerade mal 200 dieser Primaten soll es nur noch geben, erzählt uns Elke Schwierz, Cheftierpflegerin im Primatencenter von Cuc Phuong. Seit 1993 gibt es das Endangered Primate Rescue Center am Rande des Nationalparks, gegründet 1993 von der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt. Inzwischen hat der Leipziger Zoo die Trägerschaft übernommen.

Onkel Ho, Onkel Sam und Onkel Baguette

Bis weit in die Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hinein befanden sich auf dem Gelände des Nationalparks mehrere Hmong-Dörfer. Inzwischen sind sie verwaist. Die darin lebenden Familien, etwa 100, wurden umgesiedelt, in neue Häuser, außerhalb des Parks. Man könne sie allerdings weiter besuchen, erzählt Huong, die in Hanoi Ökotourismus studiert hat und im Park als Guide arbeitet. Dieses Mal werden wir sie nicht besuchen. Das Flugzeug am Flughafen in Hanoi geht am Abend zurück.
 
Der Norden Vietnams in sechs Tagen – ein Tempo, das nicht zum Nachahmen empfohlen werden soll. Wir haben mehr nicht gesehen als gesehen. Wir haben aber auch unendlich viel erzählt bekommen, von Onkel Ho (Ho Chi Minh erklärte 1945 die Unabhängigkeit), Onkel Sam (die Amerikaner bombardierten 1965 die Städte im Norden) und Onkel Baguette (1954 endet der Indochinakrieg; die Franzosen mussten das Land verlassen).
 
Ob Volksbefreier, Kriegs- oder Kolonialherren, die Vietnamesen nennen sie allesamt – und völlig ironiefrei – Onkel. Am besten lässt sich über diese poetische, märchenhafte Ausdrucksweise beim Essen sinnieren, in einer der einfachen Straßenküchen in der Altstadt Hanois. Mit eigenhändig in hauchdünnes Reispapier gewickelten Frühlingsröllchen und einem Baguette, als wäre es frisch aus Paris eingeflogen.