Erinnert sich noch jemand an Caleb Hodgekiss? Der Mann, schwarz gekleidet, Ex-Sträfling, kreuzte in den Siebzigern in einer Folge der TV-Serie „Unsere kleine Farm“ auf. Vielleicht haben damals auch andere Mütter ihren Kindern beim Zuschauen Folgendes erklärt: „Eigentlich heißt er Johnny Cash. Er ist ein Sänger und Säufer.“

Zum letzten Mal im Fernsehen sah man den Musiker als Greis. Er trug Schwarz, wie immer, und sang das Lied „Hurt“. Für das ergreifende Musikvideo bekam er einen Grammy. Die Trophäe glitzert heute im Johnny Cash Museum in Nashville.

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Für Pop-Pilger ist Nashville, Tennessee, ein Traumziel. Außer der Elvis- und Soulstadt Memphis gibt es wohl keinen anderen Ort auf der Welt, der musikbesessener ist. Nashville ist die Music City, auch wegen 150 Live-Clubs und einer Reihe hervorragender Museen, darunter die Cash-Ausstellung.

Bob Dylan adelte die Stadt mit einem Album

Johnny und seine Frau June Carter lebten lange in Hendersonville bei Nashville. Die Sehnsucht nach einem Ort des Gedenkens war groß, nachdem das Anwesen 2007 abgebrannt war. Nun kann man direkt in Nashville, in einem ehemaligen Lagerhaus, die Anzüge des Mannes in Schwarz besichtigen. Eine Zellentür aus dem Folsom Prison erinnert an die legendäre Knast-Show des Country-Outlaws. Dem Schauspieler Cash ist ein ganzer Raum gewidmet.
 
Bob Dylan, ein anderer Nashville-Fan, adelte die Stadt einst mit seinem neunten Album. Er nannte es „Nashville Skyline“. Als er es 1969 aufnahm, gab es das heute höchste Haus der Stadt noch nicht. Mit seinen 33 Stockwerken hat es mittleres New-York-Niveau. Es prägt die Silhouette. Wegen seiner beiden Antennen, die an Fledermausohren erinnern, und des dunklen Designs wird das Tennessee-Hauptquartier des Telekommunikationskonzerns AT&T „Batman Building“ genannt.

 

Immer wieder wird es in der TV-Serie „Nashville“ eingeblendet. Zurzeit läuft die vierte Staffel dieser Soap über Liebe und Intrigen in der Countrywelt. Der Quotenhit im amerikanischen Fernsehen steht stellvertretend für den Boom, den die Stadt am Cumberland River gerade erlebt.

 

Nashville ist ein Magnet. „Immer mehr Kreative ziehen von New York oder Los Angeles hierher“, sagt Tourismusmanagerin Heather Middleton. Nicht nur Musiker, auch andere Künstler, Designer oder Galeristen. Sie machen die Stadt zu einer weiteren US-Kreativ-Metropole. Das 2012 eröffnete Music City Center, ein Messe- und Tagungszentrum, zieht jede Menge Gäste an. Viele neue Hotels werden gebaut, 78 Restaurants eröffneten allein im vorigen Jahr, vor allem im Trendviertel East Nashville. Immer mehr Touristen strömen herbei.

 

Zum neuen Glitzern hat auch Taylor Swift beigetragen. Sie verwandelte sich in Nashville von der Country-Prinzessin in einen globalen Popstar. Country ist zwar das Kerngeschäft, aber auch viele Nicht-Country-Musiker wohnen und arbeiten in der Stadt: die Kings of Leon etwa, Sheryl Crow, The Black Keys, Keb’ Mo’ und Jack White.

Neil Young, The Byrds & Leonard Cohen

Der Erste, der kam, hieß Bob Dylan. Er nahm dort ab Mitte der Sechziger drei Alben auf. Seine Suche nach Inspiration hatte den Nebeneffekt, dass sich das provinzielle Image von Nashville zu ändern begann. Die Stadt galt von da an als offener, weniger konservativ, nicht mehr fortschrittsfeindlich, nicht mehr als ein abgekapseltes Countryhausen.
 
Andere Stars wie Neil Young, The Byrds, Leonard Cohen oder Simon and Garfunkel folgten und bedienten sich der Nashville Cats, der Top-Studiomusiker der Stadt. Eine Sonderausstellung in der Country Music Hall of Fame and Museum würdigt zurzeit deren Wirken. Man sollte sich einen ganzen Tag dafür Zeit nehmen.
 
Einer der Nashville Cats ist der Harmonika-Spezialist Charlie McCoy. Wir treffen ihn in der auch ihm gewidmeten Schau. Amerikanischer als er kann man sich kaum kleiden. Er trägt eine Kappe der Nashville Predators, des örtlichen Eishockeyteams, und ein mit US-Flaggen und Autos bedrucktes Hemd. McCoy und seine Kollegen zeichneten nicht nur ihre Kreativität und ihr handwerkliches Können aus, sie waren es auch gewohnt, schnell und damit kostengünstig aufzunehmen.

 

Dylans Doppelalbum „Blonde on Blonde“ einzuspielen soll nur 39,5 Stunden gedauert haben. „Der Schlüssel zur Stadt aber waren schon immer großartige Songs“, sagt der 74-Jährige, der an 13.000 Sessions mitgewirkt hat.
 
Wer dem Songwriter Gordon Kennedy zuhört, ahnt, wie Nashvilles Musikindustrie heute funktioniert. Er ist einer von Hunderten von Liedlieferanten in der Stadt. „In den alten Tagen wurden die Plattenfirmen von ehemaligen Musikern, Songschreibern oder Produzenten geführt, heute von Managern“, erzählt der 54-Jährige, der einen Grammy für seinen Song „Change the World“ gewann.
 
Der Erfolgsdruck in Nashville ist extrem – genauso wie die Leidenschaft vieler Menschen, die dort mit und von der Musik leben. John McBride, der 57-jährige Ehemann der Countryqueen Martina McBride, führt die Blackbird Studios. Er ist ein Beatles-Freak, hat 20.000 Langspielplatten der Liverpooler im Laufe der Jahre zusammengetragen – und 1400 Mikrofone. Er sagt Sätze wie „Die Plastikmikrofone von heute kannst du nicht gebrauchen“, „Gut ist der Feind von großartig“ und „Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, ich würde eine Band aufnehmen“.
 
Dann spielt er uns seinen besten Song aller Zeiten vor. Es ist „A Day in the Life“ von den Beatles. Er lächelt, wirkt beseelt, als atme er die Musik ein und aus. Musikbesessene wie er prägen den Nashville-Spirit, eine Mischung aus großer Hingabe und großem Geschäftssinn.

 

Attraktionen abseits des Broadways

In der Music Row, einer Art Country-Industriegebiet, wo viele Plattenfirmen ihren Sitz haben, gibt es für Touristen wenig zu sehen. Viele Zweckbauten bestimmen das Bild. Der Broadway mit seinen Honky Tonks ist dagegen die Country-Hauptstraße. Tagtäglich, von Mittag bis weit nach Mitternacht, gibt es in den Kneipen Livemusik. Die Bands spielen nur für Trinkgeld und die Chance, entdeckt zu werden. Abseits davon finden Musikbegeisterte viele weitere Attraktionen. Eine Auswahl:
 
George Jones Museum: In Deutschland ist der vor drei Jahren gestorbene George Jones so wenig bekannt wie Baseball. In den USA dagegen war er ein Superstar. Er hatte zwei Spitznamen: „The Possum” (Beutelratte) wegen der Form seiner Nase und „No Show Jones“, weil er sich jahrelang bis zur Besinnungslosigkeit besoff, sodass Konzerte ausfielen. Trotz allem: Frank Sinatra nannte ihn den „zweitbesten Sänger aller Zeiten“ – nach ihm selbst. Manche meinen, wegen seiner subtilen Stimme sei er sogar der beste. Jones landete 150 Hits, der bekannteste ist: „He Stopped Loving Her Today“. Das Museum zeigt seine Footballsammlung, Gewehre und grellen Bühnenoutfits. Und, na klar, im Shop kann man Plüsch-Possums kaufen.
 
Opryland: Die Grand Ole Opry ist die älteste Radioshow der Welt, erstmals ausgestrahlt 1925. Früher wurde sie aus einer ehemaligen Kirche gesendet. 1974 folgte der Umzug ins Opry House, eine 4400 Menschen fassende Konzerthalle auf der grünen Wiese. Angeschlossen sind ein 2881-Zimmer-Hotel und eine Shoppingmall. Der Komplex nennt sich Opryland. Die Reisebusse kommen aus dem ganzen Land. Man erlebt dort eine Art Country-„Musikantenstadl“.
 
Bluebird Cafe: Der winzige Musikclub am Hillsboro Pike ist einer der Hauptschauplätze der TV-Serie „Nashville“. Berühmt war er aber schon vorher. Die Songwriter der Stadt testen dort an Open-Mic-Abenden oder bei „In a Round“-Konzerten ihre Lieder oder hoffen auf einen Plattenvertrag. Bei Taylor Swift hat das geklappt. Die damals 15-Jährige wurde 2002 im Bluebird entdeckt. Das Café hat nur 90 Sitzplätze. Ohne Reservierung geht gar nichts.
 
Third Man Records: Jack White ist Vinyl-Enthusiast und Traditionsbewahrer. Der 40-Jährige ist als Sänger und Gitarrist der White Stripes bekannt geworden. Auch als Solokünstler hat er mit seinem rückwärtsgewandten Mix aus Bluesrock und Punk großen Erfolg. Seinen Retro-Tick lebt er mit eigenem Label, Tonstudio und Shop – Third Man Records an der 7th Avenue South – voll aus. Auch dort ist der Nashville-Boom zu besichtigen: War sein Plattenladen vor drei Jahren nur schlafzimmergroß, passen inzwischen vier Doppelbetten hinein.