Nur von der Inselspitze lässt sich ein vager Blick auf die Küste erhaschen. Weiß leuchtet dort ein Gebäudeklotz vor wolkenverhangenem Horizont. Das muss „Le Bunker“ sein, wie die Cannois ihr Festivalpalais ein wenig despektierlich nennen.

Hier auf der Insel Saint-Honorat ist das berühmte Festival weit weg, hier rauschen die Wellen, irgendwo kräht ein Fasan, eine Möwe schreit im Wind. Das Pinienwäldchen verströmt einen würzigen Duft. Kaum zu glauben, dass auch dieses Plätzchen zu Cannes gehört.

Zum Picknick auf die Insel

In gut 20 Minuten hat uns die Fähre auf die gerade einmal eineinhalb Kilometer lange und einen halben Kilometer breite Insel gebracht. Im Sommer fliehen die Cannes-Bewohner vor der aufgeheizten Stadt mit Kind und Kegel hierher und packen im Schatten von karstigen Felsen ihre Picknickkörbe aus. Aber jetzt, an diesem grauen Regentag an der Côte d’Azur, ist man allein unterwegs. Beinahe jedenfalls. 21 Mönche leben auf der Insel zwischen Weinfeldern, Olivenbäumen und Lavendelbüschen. Den Zisterziensern gehört die nach Sainte-Marguerite zweitgrößte Leriner Insel in der Bucht von Cannes. Die Mönche sind die einzigen Bewohner, der jüngste ist noch keine 30 Jahre alt, der älteste über 80. Sie bitten sich Ruhe aus auf ihrem Eiland.

Zu Gast im Kloster

Ungastlich sind die Mönche aber nicht. Jeder darf sie besuchen, um die schlichte Klosterkirche oder den imposanten Festungsturm – der sie einst vor Sarazenen und Piraten schützte – zu besichtigen. Mit der letzten Fähre am frühen Abend aber müssen die Besucher wieder verschwinden. Die Mönche wollen sich konzentrieren – auf Gott, aber auch auf ihre Arbeit auf dem Feld.

Die Mönche schweigen, antworten aber per Mail

„Mehr als 40.000 Flaschen Wein produzieren die Mönche pro Jahr“, sagt Samuel Bouton. Im einzigen Inselrestaurant La Tonnelle lädt er zur Weinprobe ein. Zu Recht ist er voll des Lobes für die nicht ganz billigen Tropfen namens „Saint Pierre“ oder „Saint Sauveur“, die bis ins Kloster Altötting nach Bayern exportiert werden. Dank Mittelmeersonne, Wind und salzhaltiger Luft würden die Trauben in Bioqualität gedeihen. Bouton ist gewissermaßen die Verbindung der Mönche zur Außenwelt. Die Zisterzienser haben sich zum Schweigen verpflichtet. Die Kommunikation lässt sich dennoch unproblematisch erledigen: „Ich melde mich per E-Mail bei ihnen, die Mönche antworten, wann immer es ihnen möglich ist“, sagt Bouton.
Ganz aus der Welt ist die so entrückte Insel Saint-Honorat also nicht. Besonders Ruhebedürftige dürfen sich im Gästetrakt des Klosters einmieten. Zuvor müssen sie einen Antrag stellen, die Plätze sind knapp.

Der Wein der Mönche von Saint-Honorat wird bis nach Bayern exportiert.
Die Mönche auf Saint-Honorat produzieren im Jahr bis zu 40.000 Flaschen Wein. Foto: pixabay.com/ leohau

Haft mit Meerblick

Nicht minder reizvoll ist Sainte-Marguerite, die größte Insel vor der Küste Cannes. Touristen erreichen Sainte-Marguerite, mit ihrem von Kardinal Richelieu angelegten Fort, dem Vogelschutzgebiet und den kleinen Stränden bequem per Fähre in nur 15 Minuten. Auf der Insel thronte einst sogar ein Staatsgefängnis mit Meeresblick. Der berühmteste Gefangene war der „Mann mit der Eisernen Maske“. Ein gutes Jahrzehnt war er im 17. Jahrhundert in einer erstaunlich geräumigen Zelle mit Kamin und Diener eingesperrt, die sich besichtigen lässt. Die Identität des Inhaftierten ist bis heute nicht gelüftet worden. Handelte es sich tatsächlich um einen Zwillingsbruder von Ludwig XIV., der sich den Rivalen um den Thron Frankreichs vom Leibe halten wollte?

Lauter Hunde im Taschenformat

Noch sind in Cannes keine Anzeichen vom Festival zu sehen. Noch hängen keine Kinoplakate am Edelhotel Carlton, noch fehlt die weiße Zeltstadt am – jedes Jahr wieder neu aufgeschütteten – Sandstrand, noch muss niemand Slalom zwischen Absperrgittern laufen.
 
So haben die wenigen Spaziergänger viel Auslauf auf der Croisette. Einheimische führen Hündchen aus, die offenbar nur so groß sein dürfen, dass sie in die Handtasche passen. Die Luxusmarken Dior, Chanel oder Prada putzen noch ihre Geschäfte heraus.
 
Schräg gegenüber vorm Casino spielen Rentner so entspannt Boule, als sei die Kongressstadt Cannes noch immer das Fischerdorf, das 1834 vom britischen Baron Brougham auf dem Weg nach Nizza zufällig entdeckt wurde. Wenig später folgte dem einflussreichen Baron der englische Adel ans französische Mittelmeer. Binnen Jahrzehnten entwickelte sich Cannes zum mondänen Badeort – und ist dies bis heute geblieben, auch wenn die Touristikabteilung sich müht, die Attraktivität der 70.000-Einwohner-Stadt für jüngere und weniger gut betuchte Gäste zu steigern.

Schon probiert? Seeigel gibt’s in der Markthalle

Die meisten Cannois leben jenseits der Schnellstraße, die das Zentrum durchschneidet. Fast alles hier ist schick, alles  teuer. Preiswerter wird es ein paar Schritte weiter. In der parallel dahinter verlaufenden Einkaufsstraße Rue d’Antibes reihen sich abseits der zahllosen Edeladessen kostengünstige Boutiquen aneinander. Beliebt auch bei den Einheimischen, die Markthalle in der Altstadt. Die lokalen Fischer verkaufen hier ihren Tagesfang. Muränen, Doraden, den ein oder anderen Thun- oder Schwertfisch haben sie im Angebot, gerade ist Seeigel-Saison.
 
Einheimische versorgen sich auf dem Marché Forville gern bei dem stets scherzenden Thomas Pietri mit frisch aus dem Backofen gezogenen Kichererbsen-Pfannkuchen, Socca genannt. Dann lassen sie sich in einem der umliegenden Cafés bei einem Gläschen Rosé nieder. Cannes ist Stress und Trubel? Ach, woher denn.