Der Rat ist gut gemeint, in der Praxis aber leider nur schwer umzusetzen: Beim Laufen sollen die Augen offengehalten werden für die Schönheit Jerusalems, Rekorde seien ohnehin kaum drin beim dauernden Auf und Ab. So haben es die Veranstalter empfohlen. Doch gerade der hügelige Kurs macht die Sache ja so schwierig: Wie, bitte, soll ich eine von König Herodes erbaute Zitadelle bewundern, wenn ich schon genug damit zu tun hat, die Steigung am Jaffator emporzukeuchen?

In diesem Moment kommt einem glatt die Via Dolorosa in den Sinn: Der Leidensweg Christi verläuft nur ein paar Meter entfernt von hier. Oder sind das jetzt frevlerische Gedanken? Besser, ich freue mich einfach über die nächsten paar Meter bergab und schaue hoch: Glänzt da etwa die goldene Kuppel des Felsendoms auf dem Tempelberg?

Bei so vielen Attraktionen auf Schritt und Tritt haben einige Läufer von vornherein Prioritäten gesetzt: Sie treten beim Start unterhalb der Knesset, dem israelischen Parlament, mit Fotoapparat in der Hand an: „Ob ich jetzt bei knapp unter oder knapp über fünf Stunden ins Ziel komme, ist mir nicht wichtig“, sagt Ingo aus Düsseldorf. Der Fünfzigjährige hat die Teilnahme am Marathon über einen Spezialanbieter für Laufreisen gebucht, Stippvisiten ins quirlige Tel Aviv und zur national so bedeutsamen Felsenfestung Massada am Toten Meer inklusive. Die Begegnung mit Israels Kultur hat für Ingo Priorität. 

Bürgermeister Nir Barkat hat den Marathon 2011 ins Leben gerufen und schnürt bei dem Event selbst die Sportschuhe. Für den Mittfünfziger Barkat gehört ein Stadtlauf zum touristischen Markenzeichen einer weltoffenen, modernen Stadt. Und als solche sieht er Jerusalem, egal, welche Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten durch die internationalen Medien rauschen.

Jerusalem als farbenfrohe Metropole

Der atem(be)raubende Marathon bringt Jerusalem mal anders ins Gespräch: Er zeigt eine farbenfreudige Metropole, in der Nationalfahnen nur zum Spaß geschwenkt werden. Der Lauf hat Volksfestcharakter. Solange die Luft reicht, wird unterwegs gescherzt und gejohlt – zumindest im Feld der Freizeitläufer.

Auf der Strecke begegnen sich Bevölkerungsgruppen, die sich sonst wenig zu sagen haben: Orthodoxe Juden mit Kippa und Löckchen treffen auf Frauen von der Organisation „Women of the Wall“, die sich dafür engagieren, genau wie die Männer an der Klagemauer beten zu dürfen.

Frauen dürfen sich nicht beklagen: Es ist ihnen untersagt, sich der Klagemauer zu nähern.
Orthodoxe Juden beten an der Klagemauer in Jerusalem. Frauen ist es nicht erlaubt, sich der Mauer zu nähern. Foto: pixabay.com/ MoneyforCoffee

Für deutsche Besucher hält der Marathon besonders eindrucksvolle Begegnungen parat. In aller Herrgottsfrühe werde ich von einer orthodoxen Jüdin mit drei Kindern auf der Straße gestoppt und nach den Laufzielen für den Tag befragt. Und als es eher nebenbei um die Nationalität geht, da sprudelt sogleich die Familiengeschichte aus der Frau heraus: Ihre Mutter habe in Berlin gelebt, nach den Novemberpogromen 1938 sei sie über Shanghai nach Israel geflüchtet und so dem Holocaust entkommen. Und dann wünscht die Frau viel Glück fürs Rennen. Der Marathon bringt manches in Bewegung, auch die Erinnerung.

Jerusalem tut viel dafür, dass das Großereignis über den Tag hinaus ins Stadtleben ausstrahlt. Bester Beweis dafür ist die First Station, der älteste Bahnhof der Stadt von 1892, wo heute nur noch Museumszüge stehen. Hippe Restaurants, Ausstellungen und Bars locken Besucher unters Bahnhofsdach. Und wozu dient die mit Bohlen ausgelegte einstige Schienentrasse heute? Dort kannst du vier, fünf Kilometer weitgehend unbehelligt vom Verkehr mitten im Herzen der Stadt joggen.

40.000 laufen beim Marathon in Tel Aviv

Amir Halevy, Generaldirektor des Tourismusministeriums, hat große Pläne: „Wir wollen das Heilige Land zum Marathonland machen“, sagt er. In den Wintermonaten biete Israel ideale Laufbedingungen. Ob der Desert-Run, der vom Ufer des Roten Meeres in die Negevwüste führt, oder der Tiberias-Marathon am See Genezareth: Das Angebot wächst – und die Nachfrage auch.

Besucherstärkste Attraktion ist der Marathon in Tel Aviv, bei dem mehr als 40.000 Laufbegeisterte starten. Die liberale Küstenstadt versteht sich als Gegenpol zum konservativen Jerusalem: Dort wird beinahe das ganze Jahr über ausgiebig Körperkult am Strand betrieben. 

Der alte Hafen von Jaffa zieht Touristen an, die sich nicht nur für das hippe trubelige Tel Aviv interessiren.
Der Hafen von Jaffa gehört zu den ältesten Teilen der Stadt. Foto: pixabay.com/ marishel

Hunderte von Joggern sind täglich unterwegs auf der Promenade in Tel Aviv. Zwischen den Hotelhochhäusern und dem alten Hafen in Jaffa traben sie ihre Kilometer. Wer nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist, setzt sich aufs Elektro-Bike und düst im kühlenden Seewind am Mittelmeer entlang, selbstverständlich auf einer eigens angelegten Radspur.

Gewöhnlich sind die Menschen in Tel Aviv nicht so gut auf die Hauptstädter zu sprechen. In Jerusalem werde gebetet, bei uns gefeiert, lästern sie gern. Zumindest an einem Tag im März stimmt das nicht: Dann feiern alle Laufbegeisterte in Jerusalem den Marathon.