Es  hat etwas Hypnotisierendes: Wie die Maschinen fortwährend Verschlüsse in die Flaschen pressen, Etiketten aufkleben und die Flaschen sanft, aber zielgerichtet in die ihnen zugedachten Kartons fallen. Hunderte sind es jede Stunde, die Nachfrage ist groß nach Weinen aus dem Chateau Ste. Michelle.

 
Bei der Führung durch das kleine Schloss in Woodinville, keine halbe Stunde außerhalb Seattles, darf der produzierte Wein nicht nur verkostet werden. Man begleitet auch seine Reise von der Rebe ins Glas. Dutzende Auszeichnungen angesehener Magazine zieren die Wände. Man ist stolz auf die Weine, ebenso wie auf die Geschichte – das Schloss steht seit 1976, das Originalhaus bereits seit 1912 auf dem Grundstück.
 
Hypnose mal anders: Die Weinabfüllanlage im Chateau Ste. Michelle
Die Weinabfüllung im Chateau Ste. Michelle geschieht vollautmatisch. Dem Prozess zuzusehen ist fast hypnotisch. Foto: imago/Stefan M Prager

 

 
Der Staat Washington ist nach Kalifornien der zweitgrößte Weinlieferant der USA. Bill Collins verkauft im Hollywood District namentlich passende Tropfen unter dem Label LA – benannt nach seinen Kindern Lauren und Ashton. „Wir produzieren viel, aber erst seit einigen Jahren gehen wir damit selbstbewusster um, trauen uns mehr“, sagt er. Immer wieder hört man hier Produzenten auch von den europäischen Weinen sprechen, denen man nacheifert – auch im Chateau hebt man einen Wein hervor, der wie ein europäischer Riesling schmecke.
 
Besucher aus Europa sollten aber vor allem auf die interessanten Eigenkreationen achten. Der US-Amerikaner kommt allerdings nicht umhin, Experimente mit abenteuerlichen Kombinationen herzustellen – da schmeckt man auch mal Einflüsse von Cherry-Cola, Gurke oder Ananas. Passendes findet jeder, der gern ein Glas genießt: In den vier Wein-Districts Woodinvilles gibt es weit mehr als 100 Probierräume.

Mikro-Brauereien und hochwertige Weine

Die Reben wachsen meist westlicher im Staat, wo es trockener ist, werden aber hier verarbeitet. Das Ausweichen ins Herz Washingtons überrascht angesichts Seattles verregneten Rufes wenig, tatsächlich gibt es aber doch mehr trockene als feuchte Tage im Jahr. Was gut ist, denn die Stadt hat viel zu bieten. Unweit der kanadischen Grenze nördlich von Portland zeigen sich die USA von einer modernen Seite. Amazon, Starbucks und Microsoft haben hier ihre Firmensitze.
 
Die Firmen und ihre Angestellten bringen Geld. Fein essen gehen? Kein Problem. Und außer den Mikro- Brauereien, die lokale, außergewöhnliche Biere produzieren, ist damit eben auch ein Bedarf an hochwertigen Weinen, lokal produziert, zu verzeichnen. Seattle selbst definiert sich viel über Musik, aktuell hat Rapper Macklemore die heimische Szene in Richtung Weltruhm verlassen.

 

 

Kurt Cobain setzte hier seinem Leben ein Ende. Im Experience Music Project, einem Museum für populäre Musik, ist seiner Band Nirvana eine Ausstellung gewidmet, ebenso dem in der Stadt geborenen Jimi Hendrix. Ansonsten gibt es in dem von Architekt Frank Gehry entworfenen schillernden Gebäude Pop – in Reinkultur.
 
Längst schon haben die Individualisten der Stadt dem Markenkonsum abgeschworen. Das ist besonders erlebbar im angesagten Stadtteil Ballard, in dem sich Bars mit Livemusik an Austern-Lokale reihen. Der berühmte Pike Place Market dagegen ist Ausdruck einer ökologischen Lebensweise – lokal produzierte, frische Ware ist hier Erfolgsgarant.
 
Der Pike Place Market ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.
Der Pike Place Market mit seinem markanten Leucht-Reklame-Schild. Foto: pixabay.com/ tpsdave

 

 
Der Markt ist aber ein Paradies für Fischliebhaber. Frische Ware ist auch für John Patterson elementar, seine Weinreben kontrolliert er regelmäßig. Dafür ist eine mehrstündige Fahrt nötig, „aber das ist Ehrensache“. Seine Produktionen sind populär, nicht nur wegen der edlen Flaschen. Stolz ist er auf seinen Cabernet Sauvignon von 2012. Der schmeckt dunkel, erdig, beerig. Rund 129.000 Tonnen Weintrauben werden jährlich in Washington geerntet.
 
Für sein Premiumprodukt nimmt Patterson „nur die besten“. Seit 14 Jahren im Geschäft, will er mit einer Produktion von 5.000 Kisten im Jahr „zugängliche, aber spannende Weine im Stil der Neuen Welt machen“. Wer nach Seattle kommt, kann selbstständig oder bei Bustouren die Weinstadt Woodinville erkunden oder gleich in ein Hotel vor Ort ziehen.

Hier wurde die „Twilight“-Saga gedreht

Die meisten Weinkeller sind ohnehin in Laufweite der Unterkünfte. Nicht fußläufig zu erreichen ist der Olympic National Park. Die Halbinsel liegt eine einstündige Autofahrt entfernt von Downtown Seattle. Wer auf dem Weg dorthin mit der Fähre nach Bainbridge Island übersetzt, bekommt noch vor Betreten des Nationalparks einen ersten beeindruckenden Blick – auf die Stadt. Zur Rechten vermitteln die Hochhäuser ein New-York-light-Gefühl. Zur Linken bedecken viele einzelne Häuser die Hügel, erinnern an ein kleines San Francisco.
 
Die beiden Teile eint in der Mitte die berühmte Space Needle – ein hoher, nadelförmiger Turm. Aber auch der Blick aufs Wasser lohnt – es könnte ein Wal auftauchen. Der Weg zum Olympic National Park führt dann durch die Natur, aber auch durch Orte wie das kleine Port Gamble. Ein malerischer Fleck, dessen Bauverordnung auch vorsieht, dass jedes Haus mit einem weißen Zaun umrahmt wird.
 
Am Ziel angekommen, geht es dann von Lachstreppen zu Wäldern mit regelrecht tropischem Klima, zu faszinierenden Aussichten über schier endlose Täler – Wildsichtungen sind fast garantiert. Auch haben hier die Nachfahren der Ureinwohner Amerikas Reservate. Filmfans finden zudem Drehorte der „Twilight“-Saga. Ein lohnender Tagesausflug in die Wildnis. Der, nach so viel frischer Luft, dann am Abend auch wieder ein Glas Wein rechtfertigt – natürlich einen feinen Tropfen aus Washington.