Ohne Micaël Reboul hätte ich die Schlucht nicht erklommen. Einen Höhenunterschied von 300 Metern mal so eben auf dem schmalen Trampelpfad durch die Gorges de Saint Pierre meistern, in dessen Tiefen ein Wildbach rauschend über Felsklippen springt, das erzeugt schon ein mulmiges Gefühl. Mit Reboul an meiner Seite aber wurde es eine lustvolle Wanderetappe mit atemberaubenden Blick auf die Gebirgswelt des Haut Verdon, die Alpen der Haute Provence.

Haut Verdon

 

 Provence, das sind erstmal Lavendelfelder. Aber eben nicht nur. Die Gipfel der Haute Provence reichen 3.000 Meter hoch; ebenso wie die Bergspitzen der sich östlich ausbreitenden See-Alpen, die Alpes Maritimes, ein weiteres Ziel unseres Trekkings zu den verschwundenen Dörfern. Aber erst geht’s mit Micaël die Schlucht Gorges de Saint-Pierre hoch. Micaël Reboul, Förster beim Office National des Forêts (ONF), der französischen Forstverwaltung, führt uns zur Gîte de Congerman, einer Ende des 19. Jahrhunderts für Forstleute erbauten Hütte. Der Serpentinenweg wurde damals mit Eseln zurückgelegt; auf dem Rücken der Tiere wurden Pflanzen und Werkzeug transportiert, zur Wiederaufforstung der felsigen Abhänge. Inzwischen nutzen Wanderer die geräumige Hütte. Bis zu 13 Personen können in der rustikalen Herberge übernachten – umgeben von dichtem Wald mit Lärchen und Kiefern. Und einer Eule, die sich regelmäßig mit ihrem unverkennbaren Ruf meldet.

Hüttenglück auf 1850 Metern Höhe

Micaël isst seine selbstgemachte Ratatouille aus dem Henkelmann, wir unseren Linsensalat mit Speck. Er erzählt von der Arbeit seiner Vorgänger. Wie sie die grauen erodierten Kalkfelsen aufzuforsten versuchten. Jahrhundertelang wurden die Wälder abgeholzt, sodass Wind und Wetter in diesen Höhenlagen kurz vor und über der Baumgrenze das Gestein immer stärker bricht. Noch vor 100 Jahren haben rund um die Gîte de Congerman viele Menschen gelebt, die Familien der 60 Waldarbeiter. „Weit und breit stand kein einziger Baum mehr“, erzählt Micaël und zeigt uns Fotos aus dieser Zeit. Und heute? Empfängt die Hütte bis zu 300 Wanderer im Jahr, allerdings öfter im Winter als im Sommer. Noch Anfang Juni bleibt man in dieser Region im Schnee stecken.
 
Die Dörfer in der Provence liegen einsam und sind schwer zu erreichen: Die junge Leute zieht es in die Städte
Die Bergdörfer der Provence sind vom Aussterben bedroht: Die jungen Leute ziehen weg, es gibt keine Nachkommen mehr. Foto: pixabay.com/doris62

 

Pionier des Ökotourismus

Kurz zurück zu unserem mittäglichen Picknick mit dem Linsensalat. Den hat David in einem Fünf-Liter-Plastikeimer im Rucksack mitgeschleppt. David stammt eigentlich aus Hagen, lebt aber seit acht Jahren in Südfrankreich. Er ist immer zur Stelle, wenn der Reiseveranstalter Wikinger seine Trekkingtouren zu den verschwundenen Dörfern im alpinen Hinterland der Côte d’Azur anbietet. Ermöglicht hat diese Touren von Hütte zu Hütte (mit Tagesrucksack, das Gepäck wird auf abenteuerlichen Pisten im klapprigen Bus transportiert) ein Kollege von Micaël: Jean-Luc Rouquet. Auch er ist Forstwirtschaftler bei der staatlichen Forstverwaltung und im ONF verantwortlich für den Ökotourismus. 1996 hatte der heute 60-Jährige die Idee, einzelne Häuser in den verlassenen Dörfern so wieder instand zu setzen, dass Naturliebhaber sich darin wohlfühlen. Schon zwei Jahre später war aus Jean-Lucs Traum Realität geworden, die Gîte de Rabioux konnte als erstes tourismustaugliches Haus eröffnet werden. „Das schafft einige Arbeitsplätze in dieser verlassenen Gegend“, erläutert Jean-Luc Rouquet. Es ist das letzte Haus, das vom einstigen Dörfchen Rabioux noch übrig ist. „Wir wollten nicht nur retten“, erklärt Rouquet, „wir wollen auch Traditionen wiederbeleben“.
Die Erkundung der verlassenen Bergdörfer ist interessant und bedrückend zugleich.
Viele Bergdörfer in der Provence sind bereits verlassen. Umso interessanter, sie zu erkunden. Foto: pixabay.com/ gillag

 

An die Menschen erinnern, die hier einst ihr karges Leben führten. Und da die „Gîtes“ (ländliche Unterkünfte) und „Cabanes“ (Hütten) teilweise recht abgelegen stehen, bietet das Office National des Forêts selbst Wanderungen von Hütte zu Hütte an, Unterkunft, Essen und Gepäckbeförderung inklusive. Das Projekt heißt „Retrouvance“, Wiederfinden.
Übernachtet haben wir auch in der Gîte d’Agnielles. Hier lässt sich die dörfliche Architektur noch gut erkennen. In der einstigen Schule könnte eine ganze Klassengemeinschaft unterkommen. Im 19. Jahrhundert lebten hier bis zu 283 Menschen. Bis 1920 unterrichtete eine Lehrerin noch die Kinder. Erst 1963 wurde Agnielles endgültig aufgegeben. Den Brunnen und das Backhaus hat die Forstverwaltung restaurieren lassen. Agnielles ist der Ausgangspunkt zu den „Verschwundenen Dörfern der Haute Provence“, die Gîte de Congerman gehört zu den Stationen der Wandertour „Verschwundene Dörfer im Nationalpark Mercantour“, einer landschaftlich überwältigenden Region der See-Alpen an der Grenze zu Italien.