Cervejaria? Bier, klar. Ja, die Azorer brauen auch Bier. Doch was sind Amêijoas à Bulhão Pato? Herzmuscheln mit Zitronensaft. Eine deutsche Speisekarte sucht der Gast vergeblich. Nein, es spricht auch nicht jeder Taxifahrer Englisch, und ja, es regnet öfter mal. Und das manchmal auch länger als drei Minuten, obwohl unser Reiseführer Robert gerne etwas anderes behauptet.

Davon abgesehen hätten wir uns jedoch keinen kundigeren Guide über die Eigenheiten der neun vulkanischen Inseln inmitten des Atlantiks und seiner weitgehend von der Landwirtschaft geprägten Bevölkerung wünschen können. Roberts Frau, eine Azorerin, arbeitet im Krankenhaus, seine Schwiegermutter ist Historikerin, der Schwager Bauer, ein Freund Meteorologe. Jedes Thema war ihm, dem Elektroingenieur, der in seiner Wahlheimat Taxi fährt, recht, um uns ausführlich mit dem Leben im Atlantik vertraut zu machen.
 
Dass der Flughafen von São Miguel nach Papst Johannes Paul II. benannt ist, weil der die Azoren 1991 besucht hat, muss man nicht unbedingt wissen. Dass mindestens 95 Prozent der rund 250.000 Inselbewohner katholisch sind und mehrheitlich die Sonntagsmesse in den unzähligen Kirchen besuchen, nützt umso mehr, um die Mentalität des Landes zu verstehen. Ein bisschen mag die azorische Heiterkeit an die rheinländische Fröhlichkeit erinnern. Jedenfalls findet den Sommer über ein religiöses Fest nach dem anderen statt.
 
Wer sich für Architektur interessiert, der wundert sich möglicherweise über die vielen Kirchtürme, die als Terrassen enden, also mehr Aussichts- als Kirchtürme sind. Der Grund für die platten Türme: Der Insulaner benötigte in früheren Zeiten einen Hochstand, um etwaige Piraten von Weitem zu erkennen.

 

Die kleinste Insel der Azoren hat nur 500 Einwohner

Tatsächlich besiedelten erst vor etwa 500 Jahren Portugiesen auf ihren Wegen ins südliche Amerika die Azoren. São Miguel ist die größte, bedeutendste, bevölkerungsreichste (62 Kilometer lang, 746 Quadratkilometer groß, 60.000 Einwohner), Corvo die kleinste (6 Kilometer lang, 17 Quadratkilometer groß, etwa 500 Einwohner) der neun Inseln. Aber bleiben wir auf São Miguel mit seinem schmucken Zentrum Ponta Delgada, das am ehesten unseren Vorstellungen eines quirligen Provinzstädtchens ähnelt.
 
Für Einsteiger in die Inselwelt der Azoren bietet es sich ideal an: mit seinen weißen Häusern, deren repräsentative Variante mit dem schwarzen Basalt der Region paspeliert ist. Der koloniale, von Lissabon geprägte Stil spiegelt sich auch auf den Trottoirs und den Plätzen wider: Überall schlendern wir über schwarz-weiße, in den Boden eingelassene Mosaiken. Die meisten stammen noch aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Natur, viel Natur

Sagen wir es ruhig: Der Rest ist Natur, und zwar eine, die zur Ruhe kommen lässt, da ihr sattes Grün fast pausenlos die Augen nährt. Die Azoren sind nichts als die Spitze eines gigantischen Gebirges im Meer, dessen ausbrechende Vulkane vor Jahrmillionen Jahren die heutige Struktur entstehen ließen. Deshalb fallen die Küsten oft steil ab. Sandstrände sind selten. Wir genießen stattdessen, wie 50 Meter von unserem Schnellboot entfernt drei Pottwale ihre Runden ziehen.
 
In einem der imposantesten Kraterbecken von São Miguel liegt Furnas. Rund um das Dorf befinden sich die meisten topfrunden Calderas, wie die Azorer die suppenschüsselförmigen Dampfquellen nennen. Das mineralhaltige Wasser der Geysire wird zum nahen Kurhaus gepumpt. In dessen Thermalbadebecken kann man eine der herrlichen Wanderungen, die rund um Furnas markiert sind, ausklingen lassen. 

Volcanic thermal springs ????

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In unmittelbarer Nachbarschaft der geothermischen Quellen haben die Einheimischen Löcher gegraben, in denen ihr Lieblingsgericht, der Cozido, bis zu acht Stunden schmort. Dann heben Männer den Eintopf aus Gemüse und sehr viel Fleisch mit einer Vorrichtung aus Stricken aus dem Erdloch heraus und bringen ihn mit ihrem Lieferwagen zu den benachbarten Restaurants, wo er Azorern und Touristen serviert wird.

Wer unbedingt das Azorenhoch kennenlernen möchte, der sollte jedoch besser den Archipel meiden. Denn der Garant für unseren leuchtend blauen Himmel in Westeuropa entsteht eher einige Hundert Kilometer südlich von den Azoren, in subtropischen Warmluftzonen. Während die Azoren mit ihrer hohen Luftfeuchtigkeit mit einer immergrünen Landschaft samt dramatischen Wolkenbildern aufwarten. Und manches Mal auch mit aufsteigenden Nebelwänden, die Robert gern als „mystisch“ bezeichnet. Eben ein Paradies für den individualistischen Naturliebhaber.