Das schmale Klappbett steht da, als hätte sich der berühmte Reisende eben erst davon erhoben. Gut, die Wolldecke ist ein wenig zerschlissen, das passiert wohl beim Übernachten im Dschungel. „Vier Monate schliefen wir in den Wäldern, nichts genießend als Reis, Ameisen und bisweilen Affen“, schrieb Alexander von Humboldt vor mehr als 200 Jahren.
 
Einheimische Träger schleppten seine Pritsche zusammen mit Sextanten, Mikroskopen und Fernrohren, während er begeistert Steine, Pflanzen und Tiere sammelte. Auf dieser Liege, ausgestellt im Museum in Quito, ruhte das Haupt des Universalgelehrten, in dem viele den wahren Entdecker Amerikas sehen.
 
Du kannst Humboldt quer durch Ecuador hinterherreisen: von der auf 2.850 Höhenmetern gelegenen Hauptstadt Quito bis in die Vier-Millionen-Metropole Guayaquil am Pazifik. Dort watete der unerschrockene Humboldt im September 1802 in den Fluten und maß die Temperaturen der antarktischen Meeresströmung, die heute seinen Namen trägt.

Falter flattern, Kolibris schwirren

Gut drei Jahrzehnte später sollte knapp 1000 Kilometer weiter draußen im Ozean ein anderer Forscher das Bild des Menschen von sich selbst revolutionieren: Auf den Galapagosinseln entwickelte Charles Darwin die Grundlagen der Evolutionstheorie. Humboldt und Darwin: In Ecuador wandelst du auf den Spuren großer Forscher.
 
Viele Urwälder Ecuadors sind seit Humboldts Zeiten den Motorsägen zum Opfer gefallen. Aber es gibt letzte grüne Inseln: Gut drei Autostunden von Quito findet sich die Mashpi-Lodge inmitten eines Reservats, das Privatleute den Holzbaronen abgetrotzt haben. Falter flattern, Kolibris schwirren, Spinnen und Schlangen krabbeln. Farne und Moose verleihen Bäumen geisterhafte Konturen. Der Regen stäubt, tröpfelt, prasselt.
 
Hinter wandhohen Glasfenstern schaust du hinaus in die Nebelwelt und wundert sich, wie Humboldt diese Nässe ausgehalten hat. Und nicht nur das: „Mehr als 3.000 bis dahin unbekannte Arten hat er in Südamerika bestimmt, hauptsächlich Pflanzen“, sagt der junge Biologe Carlos. Er vermittelt Besuchern die Bedeutung der Naturschätze. Carlos’ wichtigstes Projekt: Er will eine beinahe ausgerottete Affenart wieder ansiedeln.

Auf der Panamericana hinauf in die Berge

Von Quito führt die legendäre Panamericana hinauf auf die Straße der Vulkane. Natürlich war es Humboldt, der die spektakuläre Andenregion so taufte. Der Horizont wird gesäumt von Vulkanschloten, mehr als ein Dutzend sind noch aktiv. Die Vulkanasche bietet fruchtbaren Boden, deshalb gehen die Ecuadorianer das Risiko ein, neben den rülpsenden Riesen zu wohnen. Der Mensch könne sich daran gewöhnen, „ruhig am Rande eines jähen Verderbens zu schlafen“, schrieb Humboldt.
 
Immer höher hinauf führt die Panamericana. Mais-, Broccoli- und Baumtomatenfelder bleiben zurück, ebenso Gewächshäuser für Rosen. Lamas und Alpakas grasen am Straßenrand. Menschen mit wettergegerbten Gesichtern, gekleidet in bunten Ponchos, grüßen. Und dann geben die Wolken endlich den Blick auf den schneebedeckten Chimborasso frei. 6310 Meter ragt seine Kuppe über dem Meeresspiegel auf.
 
Alpakas und Lamas sind sehr widerstandsfähige Tiere. Die Höhenluft macht ihnen nichts aus.
Alpakas und Lamas sind zwei Tierarten, die auch in extremen Höhen wie in den ecuadorianischen Anden überleben können. Foto: pixabay.com/ hbieser

Für Bergsteiger ist der Chimborasso eine Herausforderung. Auf Basisstationen wie der von Fabian, knapp 4000 Meter hoch gelegen, können sie sich an die dünne Luft gewöhnen. Etwa acht Stunden dauert der Aufstieg. „Gut die Hälfte schafft es“, sagt Fabian. Viele werden Opfer der Höhenkrankheit und müssen umkehren.

Humboldt schaffte den Höhenweltrekord

Einer, der es beinahe geschafft hätte, war Humboldt: Im Gehrock machte er sich daran, den damals vermeintlich höchsten Berg der Erde zu erklimmen. Die einheimischen Begleiter gaben auf, Humboldt quälte sich weiter, oft auf allen vieren. Knapp unter dem Gipfel musste auch er kapitulieren – damals Höhenweltrekord. Doch als der Nebel sich lichtete, notierte er: „Es war ein ernster, großartiger Anblick.“
 
Und dann fliegst du von der Küstenstadt Guayaquil hinaus in den Pazifik auf den vom Humboldtstrom umspülten Galapagos-Archipel – und ist fasziniert von der „außerordentlichen Zahmheit“ der Tiere, von der Darwin sprach. Das gilt sogar für die Insel Santa Cruz, wo die meisten Insulaner im Städtchen Puerto Ayora leben und Restaurants und Souvenirshops die Hauptstraße säumen: Schon eine Bucht weiter tauchen verspielte Seelöwen unterm Kajak hindurch, Leguane schlängeln sich vorbei, Wasserschildkröten recken ihren Hals wie Teleskope empor.
 
Fischende Blaufußtölpel durchbrechen, Kanonenkugeln gleich, die Wasseroberfläche und ploppen wie Korken wieder nach oben. Zwischendurch lässt sich der ein oder andere Pelikan in den Pazifik plumpsen. Kein Wunder, dass Darwin bei so vielen auffälligen Protagonisten die später berühmten Finken zunächst übersah, die sich perfekt in ihren biologischen Nischen eingerichtet hatten.
 
Blaufußtölpel haben blau gefärbte Füße.
Blaufußtölpel bewohnen die Küste Ecuadors. Es ist offensichtlich, woher sie ihren Namen haben. Foto: pixabay.com/ peterstuartmill

Das Nebeneinander von Mensch und Tier ist überwältigend – und doch ist das Paradies gefährdet. Schon Darwin erkannte, dass jede vom Festland eingeschleppte Spezies ein „Gemetzel“ auslösen kann. Die gefährlichste Spezies war der Mensch: Piraten und Walfänger stapelten Riesenschildkröten als lebenden Proviant in ihren Schiffen. Verwilderte Ziegen, Hunde, Schweine vernichten bis heute Vogel- und Echsennester.

In der Darwin-Forschungsstation auf Santa Cruz werden seit einem halben Jahrhundert Schildkröten aufgezogen, um sie auf ihre jeweilige Insel zurückzubringen – es handele sich um „eingeborene Schöpfungen, die sich nirgendwo anders finden“, schrieb Darwin.

Ecuador: Äpfel sind verboten

Der bislang berühmteste Bewohner der Aufzuchtstation war Lonesome George. An die letzte Schildkröte von der nördlichen Insel Pinta erinnert eine Plakette: George starb vor drei Jahren – leider ohne Nachwuchs. Doch nun sind womöglich drei weitere Artgenossen aufgetaucht, die Menschen auf eine Nachbarinsel verschleppt hatten. Heute gelten strenge Regeln. Wer auf diese Inseln fliegt, darf nicht einmal einen Apfel mitbringen: Keinesfalls sollen weitere Pflanzen oder Tiere importiert werden.
 
Von kleineren Kreuzfahrtschiffen aus sind Landgänge nur an bestimmten Stränden und zu festgelegten Zeiten möglich. Aber du musst auch gar nicht den Fuß auf die kargen Lavafelsen setzen: Beim Schnorcheln tauchst du ein in eine einzigartige Fauna und Flora. Wer Glück hat, findet sich Auge in Auge mit einem riesigen Walhai wieder.
 
Als wir uns in San Cristóbal ein letztes Mal vom Schlauchboot an Land bringen lassen wollen, hat ein Seelöwe das Gefährt okkupiert. Nur mit Mühe lässt er sich davon überzeugen, das Boot wieder freizugeben. So ist das eben mit den wilden zahmen Tieren auf den Galapagosinseln.