Die Suche dauert Stunden. Es geht Kilometer um Kilometer am Ufer des Altafjords entlang, dorthin, wo laut Wetterbericht der Himmel noch in dieser Nacht aufreißen soll. Wir starren aus dem Autofenster auf nordnorwegische Wolken, dunkelgraue und schwarze. Dahinter soll sich verbergen was für uns Urlauber nicht Alltäglich ist: Nordlichter.

Das Licht tanzt über Alta

Man ahnt, wo der Mond ist. Manchmal schimmert er durch das Dunkelgrauschwarz hindurch wie eine Taschenlampe unter der Bettdecke. „Haltet Ausschau“, spornt uns Cathrine Åsheim an, die unseren Wagen steuert. „Ein Stern wäre gut, zwei Sterne wären besser.“ Bei drei Sternen, verspricht die 29-Jährige, stünden die Chancen nicht schlecht, dass wir das ersehnte Licht bald sehen. Cathrine, unser Guide, hatte Recht. Die Wolken verziehen sich hier oben, im Nordlichtland rund um die Stadt Alta, ziemlich schnell. Erst entdecken wir einen Stern, dann zwei, drei, vier, schließlich den Großen Bären, und schon bald ist es sternenklar. Wir stoppen, steigen aus, bestaunen den Mond – da beginnt der Himmel sanft zu leuchten. Das grüne Licht bewegt sich, die Helligkeit variiert, als würde sie mit einem Dimmer reguliert. Man bildet sich ein, dass das Licht tanzt, nicht hektisch, es ist kein Flackern, kein feuriger Flamenco, eher ein langsamer Walzer.
 
Früher, bevor Wissenschaftler das spektakuläre Phänomen erklären konnten, haben sich manche Menschen Horrorgeschichten erzählt. Sie sahen darin Geister von totgeborenen Kindern, die mit Walrossköpfen Ball spielen. Andere meinten, es prophezeie Unglück. Nicht wenige Japaner – und das ist Cathrines Lieblingsstory – sind der Ansicht, dass Kinder, die im Schein des Nordlichts gezeugt werden, besonders stark und widerstandsfähig werden.
 
Reisen ins Nordlichtland boomen. 2005, als Trygve Nygård (48) sein Outdoor-Unternehmen Glød Explorer in Alta gründete, hatte er 40 Kunden. Zuletzt waren es 6.000. Alta-Besucher erleben im Winter Abenteuer im Schnee: auf Skiern, mit dem Hundeschlitten oder dem Fatbike. Und die meisten sehen das Licht. Nygård gibt zwar keine Garantien, er wirbt aber mit seiner 90-prozentigen Erfolgsquote aus der vorigen Saison. Bei nur zehn Prozent seiner Touren blieb das Nordlicht wegen einer zu dichten Wolkendecke aus. „Wenn man keine Supererwartungen hat, dann ist man nicht superenttäuscht“, sagt Cathrine. „Man muss ein bisschen Geduld haben.“

Nordlichter verschwinden so schnell, wie sie erschienen sind

Manche von uns fotografieren das Licht. Mit Stativ und 20 Sekunden Belichtungszeit funktioniert das sehr gut. Der Jubel über die Aufnahmen ist laut. Andere dagegen sind ganz still. Sie lassen ihre Gedanken schweifen. Man wird hier leicht sentimental. So plötzlich, wie sie erscheinen, verschwinden die Lichter wieder. Man weiß nicht, wann und wo, aber wenn man sie sieht, befindet man sich definitiv zur rechten Zeit am rechten Ort.

Viele Thailänder pilgern jedes Jahr zum Nordkap

 

Nur 8.000 Menschen wohnen in der Nordkap-Region. Sie lieben die raue, offene See und den Wind. Viele leben vom Fischfang und von den 200. 000 Touristen, die pro Jahr herbeiströmen. Bäume gibt es nicht. „Wenn wir in den Wald gehen, sind wir verloren“, meint Hans Paul Hansen und lacht. Der 48-Jährige leitet die Nordkaphalle, das Besucherzentrum. Eine Straße führt erst seit 1956 an den fast nördlichsten Punkt Europas. Viele Touristen kommen mit dem Schiff und werden mit Bussen weitertransportiert. „Für uns ist es ein Big Business“, sagt Hansen. Früher, ohne die Straße, konnten sich nur Luxusabenteurer die Reise leisten. Einer von ihnen war Chulalongkorn, der König von Siam, dem heutigen Thailand. 1907 war er da. 2.000 Thailänder pilgern deswegen heute in jedem Jahr zum Nordkap, um in dem extra für sie eingerichteten Chulalongkorn-Museum zu beten. Und die vielen anderen? Was suchen die? Vermutlich reizt sie der Blick in das Nirgendwo des Nordmeeres. Man steht auf der Klippe, es ist kalt, windig und man weiß, Hunderte Kilometer entfernt kommt nur noch Spitzbergen. Und dann der Nordpol.

 
Tag drei verbringen wir in Lappland. Dort leben die Samen, auf vier Staaten verteilt: Norwegen, Finnland, Schweden und Russland. Wir fahren in die Rentier-Hauptstadt Kautokeino, wo wir Regine Juhls (76) und ihre Tochter Sunniva (44) treffen. Mit 18 kam Regine hierher. „Ich lebte wirklich noch im Zelt“, sagt sie. „Es war ein Experiment mit mir selbst.“
Regine traf Frank, einen Dänen und Aussteiger wie sie selbst. Die beiden Seelenverwandten ließen sich in Kautokeino nieder. Zunächst reparierten sie allerhand Dinge der Samen – auch deren Silberschmuck, das Kostbarste, was sie neben ihren Tieren besaßen. Schon bald entwarf Regine eigene Stücke. Heute ist ihre Silberschmiede mit drei Filialen, unter anderem in Oslo, eine Touristenattraktion – Big Business sozusagen.

Ein Lied als Geschenk

Sunniva führt inzwischen das Geschäft, und sie erzählt Besuchern von den Samen, als wäre sie deren PR-Frau. Sie schwärmt vom Frühling in Lappland, der „wie eine Explosion“ kommt, von der Mitternachtssonne, von der relativen Stressfreiheit des samischen Lebens, was für Menschen wie für Tiere gelte. Und sie liebt den traditionellen, schamanischen Gesang der Samen, das Joiken. Die Stücke, Joiks genannt, sind einem Tier, Gegenstand oder Menschen gewidmet und beschreiben dessen Wesen. Fast alle Samen haben einen persönlichen Joik, der ihnen häufig schon als Kind geschenkt wurde und im Laufe des Lebens erweitert werden, ja, wachsen kann. Sunniva hat noch keinen. Aber sie wünscht ihn sich sehr.
Auf der Rückfahrt nach Alta ist es still im Wagen. Alle scheinen an Menschen zu denken, denen sie selbst ein Lied schenken würden. Und auch die grüne Lightshow ist wieder da. Wer auch immer den Nordlicht-Dimmer bedient, er meint es wirklich gut mit uns.