Gregoria Chipakana ist so etwas wie ein Fotomodell. Die Indiofrau mit dem gelben Hut und der roten Strickjacke sitzt im Gras und beugt sich über ihren Webrahmen, um vor den Augen und Kameras der vorbeiflanierenden Touristen einen Teppich zu weben. Fragen zu ihrer Arbeit und Person beantwortet die Frau mit dem kupferfarbenen Gesicht allerdings nur einsilbig.

Nein, das Leben sei nicht leicht, sagt die Frau, die ihr Alter mit 35 angibt, aber älter wirkt. Der Verdienst sei unregelmäßig, reiche kaum, die Familie zu ernähren. Ja, zwei Kinder habe sie. Töchter, zwölf und zehn Jahre alt. Und der Mann? Die Frau zuckt die Achseln und lacht verschämt. „Mann? Gestorben.“ Es klingt, als sei das nicht die ganze Wahrheit.

Festung, Tempel oder Observatorium? Wozu Machu Picchu einst diente, ist bislang nicht geklärt. Heute ist die sagenumwobene Ruinenstadt in den Anden, die die Inkas von 1438 bis 1532 in 2400 Metern Höhe errichtet haben, ein touristischer Anziehungspunkt.

Machu Picchu gilt als „achtes Weltwunder“

Gregoria gehört zu den Nachfahren der Inkas, deren Bauwerke Scharen von Touristen aus aller Welt nach Peru locken und staunen lassen. Die Ruinenstadt Machu Picchu gilt als „achtes Weltwunder“. Die Indios stehen dagegen nach wie vor am Rand der Gesellschaft. Gleichwohl mühen sie sich, auch ein bisschen Kapital aus dem Zustrom der Fremden zu ziehen, indem sie etwa Textilien, Kunstgewerbliches oder Obst und Gemüse zum Kauf anbieten.
 
Gregoria hat es noch vergleichsweise gut getroffen. Sie arbeitet in der Kooperative Awana Kancha, der 500 Familien aus 15 Dörfern im heiligen Tal des Flusses Urubamba unweit der Andenstadt Cusco angeschlossen sind. Die Mitglieder züchten Lamas und Alpakas und verarbeiten die Wolle nach überlieferten Mustern zu Schals, Pullovern oder Teppichen. 60 Prozent der Erlöse bekommen Frauen wie Gregoria.
 
Ob es sie stolz macht, dass die Hinterlassenschaften ihrer Vorfahren plötzlich von aller Welt bewundert werden? „Ich war schon immer stolz“, sagt Gregoria beinahe gekränkt. Und natürlich habe sie ihren Kindern beigebracht, Quechua zu sprechen, die Sprache ihres Volkes.

Bis zu 7000 Menschen tummeln sich auf dem „Alten Berg"

Doch es ist keine Frage, dass dieses Selbstbewusstsein mit der touristischen Aufwertung der Inka-Kultur gewachsen ist. „Früher wurden wir gehänselt, wenn wir in der Schule nur Quechua sprachen, und manche haben sich sogar ihre Nasen operieren lassen, damit sie nicht mehr wie Indios aussehen“, sagt Richard, der im Laden der Kooperative als Verkäufer arbeitet. „Heute sind wir eine Art Fremdenverkehrsattraktion.“
 
Fütterung schief gelaufen: Für wen war die Flasche wohl bestimmt?
Die Nachfahren der alten Inkas erkennt man noch heute an ihren farbenfrohen Trachten. Foto: pixybay.com/ informes

 

 
In der Tat posieren manche Indios in ihren bunten Trachten mit Kindern und Lamas am Fuße der Inka-Kultstätten als lebende Fotomotive. Sie bringen damit Farbe ins Grau der Hochebene und der Steinbauten ihrer Vorfahren, deren Wert sich erst bei einer fachkundigen Führung erschließt. Auch die Experten rätseln noch immer darüber, wie es die Inkas einst geschafft haben, die tonnenschweren Steine ohne Wagen und Lasttiere bis zu 15 Kilometer durch das unwegsame Bergland zu bewegen und passgerecht zu einem monumentalen Puzzle zusammenzusetzen. 60 solcher Wohnsiedlungen, Kultstätten und Festungen mit den terrassenförmig angelegten Feldern finden sich heute noch im Hochland der Anden.
 
Zu einem Touristenmagnet der Extraklasse hat sich Machu Picchu entwickelt, jene sagenumwobene Ruinenstadt 75 Kilometer nordwestlich von Cusco gelegen. Bis zu 7000 Menschen tummeln sich in Spitzenzeiten auf dem „Alten Berg“, wie Machu Picchu übersetzt heißt – viel zu viel, wie die Unesco seit Jahren mahnt.

Von November bis März herrscht Regenzeit in den Anden

216 Steinbauten sind hier durch ein kunstvolles System von Treppen und 3000 Stufen miteinander verbunden – aufgeteilt in einen Handwerkerkomplex, in Opferstätten, in einen Wohnbereich und das Refugium des Kaisers, der auf einer Sänfte durchs Sonnentor getragen wurde. Zu welchem Zweck ist die Anlage einmal gebaut worden? Als Festung? Tempel? Observatorium? Die Frage ist bis heute ungeklärt.
 
Da die Inkas keine Schriftsprache besaßen, ist nichts überliefert – und die spanischen Eroberer zerstörten, was sie fanden. Fest steht, dass die Inkas in nur 94 Jahren (1438 bis 1532) schier Unvorstellbares geleistet haben.

 

Es donnert. Nieselregen setzt ein. Von November bis März herrscht Regenzeit im Hochland der Anden und im benachbarten Urwald. Nebelschwaden hängen aber fast das ganze Jahr über Machu Picchu. Sie verleihen der 2400 Meter hoch gelegenen Inka-Stadt, die von den schneebedeckten Gipfeln der Anden umschlossen ist und an den tropischen Regenwald grenzt, etwas Mythisches.

 
Schamanen nutzen die Kulisse, um ihren Kunden spirituelle Energiequellen zu erschließen. Dabei vermittelt sich der Zauber dieser Landschaft schon, wenn man den gut acht Kilometer langen Fußweg geht, anstatt den Bus zu nehmen.
 
Wer es sich zutraut, kann auch die gesamten 75 Kilometer von Cusco nach Machu Picchu wandern. Vier Tage müssen für den „Inka-Trail“ eingeplant werden. Bequemer ist es, den Weg von Cusco bis zur letzten Bahnstation Aguas Calientes in dem Luxuszug zurückzulegen, der nach Hiram Bingham benannt ist, jenem amerikanischen Archäologen, der Machu Picchu 1911 entdeckt hat. Der Zug fährt vom felsigen Hochland mitten in den Urwald – vorbei an Gebirgsbächen, Lehmhütten, Kleinbauern, angepflockten Kühen und Lamas.

700 Dollar für die Fahrt im Luxuszug

Unterwegs werden Getränke und erlesene Speisen gereicht, ein peruanisches Trio spielt mit Gitarre, Flöte und Handtrommel zum Tanz auf. Die Zugfahrt hat allerdings ihren Preis: 700 Dollar – Eintritt, Transfer und Führung für Machu Picchu inklusive. Der Zug wird von der britischen Belmond-Gruppe betrieben, die schon die Namensrechte für den legendären Orient-Express übernommen hat und neben zahlreichen Luxuszügen auch etliche Luxushotels besitzt – auf allen Kontinenten, fünf davon in Peru.
 
Reichtum und Armut treffen hier eng aufeinander. Der Luxuszug fährt mitten durch ein Elendsgebiet, und direkt neben den Hotels in Cusco bieten Indiofrauen ihre selbst produzierten Waren zum Verkauf an. Mit ihren Hüten und Zöpfen, den roten Strickjacken und Röcken sehen sie malerisch aus, die verhärmten, verschlossenen Gesichter aber zeugen vom Kampf ums tägliche Leben.
 
Gleichwohl profitieren vom Aufschwung des Tourismus auch die Armen. Überall an den Rändern der Städte wird gebaut. Und wenn auch nicht jedes Haus fertig wird, ist doch spürbar, dass der Gewinn an Arbeitsplätzen und Absatzmöglichkeiten die Energien der Menschen beflügelt. Auch Gregoria lebt davon, dass die Fremden, die auf dem Weg nach Machu Picchu sind, ihre Teppiche schön finden. Und kaufen.
 
Peru ist ein Land der Gegensätze: Auf der einen Seite steht die fruchtbare Küstenregion entlang der Pazifikküste, auf der anderen das karge Hochland der Anden mit bis zu 6700 Metern hohen Gipfeln. Während der Norden und Nordwesten von Regen- oder Nebelwald überzogen ist, breitet sich im Süden die Atacamawüste aus.

Extreme Kontraste – bei den Landschaften und in den Städten

Entsprechend unterschiedlich ist das Klima: An der Küste bewegen sich die Temperaturen zwischen 12 Grad im Winter und 36 Grad im Sommer, im Hochland liegt die mittlere Jahrestemperatur bei 11 Grad. Die milde Witterung führt dazu, dass die Baumgrenze bei etwa 4000 und die Schneegrenze bei 5000 Metern liegt.
 
So unterschiedlich wie die Landschaften sind auch die Städte. Während die Andenstadt Cusco auf den Fundamenten aus der Inka-Zeit errichtet wurde und auch heute noch von vielen Indios bewohnt wird, ist die Hauptstadt Lima das Werk der spanischen Eroberer und stark europäisch geprägt. Besonders chic ist der Stadtteil Miraflores. Entlang der Pazifikküste zieht sich eine Flaniermeile, die schönste Aussichten eröffnet. Dahinter schraubt sich ein Hochhaus neben dem andern in den Himmel. Unmittelbar daneben liegt das Künstlerviertel Barranco mit den originellsten Cafés und Kneipen der Stadt.
 
In Limas Altstadt – 1991 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt – kommen Kulturtouristen auf ihre Kosten. Prächtige Klöster und Kathedralen zeugen von der Macht des Katholizismus. Auf eher weltliche Weise haben sich die spanischen Kolonialherren in den stattlichen Bürgerhäusern verewigt.
 
Doch die Grenze zwischen Pracht und Elend ist in Lima schnell überschritten. Ehe man sich versieht, kann man aus den geschützten Bezirken in Gefahrenzonen spazieren, wo Touristen als Freiwild gelten. Die Armut in Perus Hauptstadt ist nämlich groß. Von den zehn Millionen Menschen, die sich in der Metropolregion angesiedelt haben, leben etwa fünf Millionen in Slums. Aber auch hier hoffen die Menschen, endlich einmal vom Tourismus zu profitieren.