Rrrrummms! Die Bö hat uns voll erwischt. Nun liegen unsere Stühle auf dem Deck verteilt. Und der Gartentisch hat ein Bein weniger. Dumm gelaufen. Dabei wäre es so einfach gewesen, den Tisch einfach mit der Platte auf den Boden zu legen und die Beine an der Reling mit einer Leine zu befestigen. Anfängerfehler halt. Die ursprünglich an Deck geplanten Mahlzeiten müssen nun drinnen stattfinden.

Zum Glück passiert sowas bei einer Hausboottour selten. In der Regel geht es gemächlich zu. Vor allem, wenn die Fahrt durch die niederländische Provinz Friesland führt. Die Gegend zwischen Sneek und Leeuwarden ist platt wie ein Pfannkuchen. Die Kanäle und Grachten, die großen Seen, die hier „Meer“ genannt werden, ein ideales Revier für Hausbootneulinge. Freizeitskipper benötigen für diese Gewässer keinen Bootsführerschein. Es gibt auch keinen Stress an Schleusen - auf dieser Strecke gibt es keine!
„Matisse“ heißt unsere schwimmende Unterkunft für eine Woche. Das Schiff vom Typ Kormoran, ist ausgestattet wie ein Ferienhaus. Zwei große Kabinen, ein geräumiger Salon, zwei kleine Badezimmer und eine Kombüse inklusive Backofen. Das Highlight aber ist die große Badeplattform mit Außendusche.

Kostenlose Liegeplätze am Sneeker Meer für Hausboote

Meer Nach der notwendendigen Theorie und einer kurzen Einweisungsfahrt schippern wir mit der „Matisse“ Richtung Sneeker Meer, dem nächstgelegenen großen Binnensee. Durch kleine Kanäle geht es vorbei an schmucken Einfamilienhäusern, allesamt mit gepflegten Gärten und mehr oder weniger großen Boot davor. Der Kanal wird breiter, die Häuser am Ufer größer, die Boote auch. Industriegebäude säumen jetzt den Weg. Werften, Werkstätten, auch Läden für Bootsbedarf. Langsam werden die Lücken größer. Der Blick streift über endlose saftige Wiesen. Schafe grasen. Schilfrohr wiegt sich im Abendwind. Ruhe. Durchatmen.
Einen Platz für die Nacht zu finden, ist einfacher als gedacht: Fast überall am Ufer sind Stege im seichten Wasser verankert, an denen man kostenlos anlegen kann.

Brötchenservice in Marchjepolle

Heegermeer, Sneekermeer, Tjeukemeer – überall gibt es kuschelige Buchten für eine ausgiebige Badepause oder als Quartier für die Nacht. Auf Marchjepolle, einer gar nicht so kleinen Insel mit großem Sandstrand im Tjeukemeer, gibt es in der Saison sogar einen morgendlichen Brötchenservice – Anruf genügt.
Abstecher in Frieslands Städtchen sind Ausflüge in eine Bilderbuchlandschaft. Akkrum, Sloten, Woudsend oder Grou – die kleinen Orte mit ihren winzig anmutenden Häuschen und hübschen Gärten, den verwinkelten Straßen mit kleinen Cafés muten wie aus der Zeit an. Zu einem längeren Bummel lädt Lemmer am Rande des Ijsselmeeres ein. Und natürlich darf nach der Shoppingtour ein riesiger Teller mit „Kibbeling“ (frittierter Backfisch) in einem der zahlreichen Restaurants direkt am Kanal nicht fehlen.

Maut im Holzschuh

An Bord hat sich schnell Routine eingestellt. Das lässige Grüßen Richtung Gegenverkehr von Skipper zu Skipper ist in Fleisch und Blut übergegangen. Das Anlegen klappt dank Bugstrahlruder prima. Längst wissen wir, was es bedeutet, wenn vor einer kleinen Brücke der Wärter zur Angel greift und einen geschnitzten Holzschuh gezielt an Deck auswirft: Dieser will mit zwei Euro „Brugsgeld“ gefüllt werden – Maut kassieren auf Holländisch.
Bei größeren Brücken sollte man unbedingt die genauen Öffnungszeiten kennen und dann auch tunlichst pünktlich an Ort und Stelle zu sein. – es sei denn, man will eine weitere geschlagene Stunde vor dieser Brücke warten. Die Erfahrung lehrt auch, dass die besten Liegeplätze für die Nacht ab 19 Uhr vergeben sind. Und dass es klug ist, die Seekarte auf dem Außensteuerstand gut zu befestigen. Ein Windstoß und sie ist sonst schnell über Bord gefegt. Ach ja, informieren sollte man sich auch, ob die Brücken für die Durchfahrt hoch genug sind. Oder ob sie sich andernfalls überhaupt öffnen lassen.

Zeit spielt auf Hausbooten keine Rolle

 

 „Nehmen wir doch den kleinen Kanal, da gibt es mehr zu sehen“, hatte der Skipper empfohlen. Stimmt. Aber nach einer Stunde und fünf Kilometern Winken und Grüßen ist kommt eine massive Brücke aus Stein, somit nicht klappbar – und höchstens zwei Meter hoch. Es hilft nichts: Die „Matisse“ muss mühsam wenden und den Weg zurückfahren. Wieder winken und grüßen die Bewohner in den Vorgärten freundlich. Oder sind sie nur ein wenig schadenfroh? Egal. Erfahrungen wie diese sind eher amüsant statt ärgerlich – denn nichts spielt auf dieser Reise weniger eine Rolle als Zeit.