Skagen, Anfang Februar: Der Nordwestwind fegt mit sieben Windstärken über die Hafenanlagen. Schneeflocken wirbeln durch die Luft. Fünf Grad unter null. Maria Groes Eldh sieht aus dem Fenster des Touristenbüros in der Vestre Strandvej 10. Nichts los heute. So wie gestern. Und die Tage vorher.

Stahlgrau drückt der Himmel aufs Meer. Wo sich im Sommer die Touristen in den Kneipen und Restaurants an den Kais des Fischereihafens drängen, ist es jetzt leer. Die meisten Läden haben geschlossen. Auf den wenigen Trawlern im Hafen leuchten grell die Neonscheinwerfer. Die Schiffe werden für die nächste Fangfahrt ausgerüstet. Wer das einmal längere Zeit beobachtet, bekommt eine ungefähre Ahnung davon, wie hart es sein muss, jetzt in den Nordatlantik hinauszufahren – keine Spur von maritimer Folklore, nur eiskalte Wirklichkeit.

Maria Groes Eldh dreht sich zu uns um. „Ihr hättet letzte Woche hier sein sollen, zum Winterbadefestival“, sagt die junge Frau mit den kurzen blonden Haaren und dem offenen Blick. Winterbadefestival? „Da war hier richtig Leben.“ 200 Dänen, die sich mehr oder weniger nackt ins aufgewühlte Kattegat stürzten. Tja, das Spektakel haben wir verpasst.

Was uns nicht weiter betrübt. Denn uns war von vornherein klar, dass niemand, der Abwechslung sucht, im Winter in den Norden Dänemarks reist. Die Spitze Jütlands, zwischen Hirtshals im Westen und Frederikshavn im Osten, erstreckt sich rund 30 Kilometer nach Norden und markiert damit eine der größten Landzungen der Welt. 

Endlose Strände und kein Mensch in Sicht

Endlose Sandstrände und riesige Ferienhausanlagen direkt in den Dünen. Jetzt ist es dagegen einsam. Einen Koffer voller Bücher, genügend Brennholz für den Kamin und keine Angst vor zu viel Zeit sind wie ein Versprechen. Ein Versprechen auf Momente, in denen du jenseits aller Hektik vom Alltag auf wundersame Weise in den Tag eintauchen, mit der Welt verschmelzen kannst. Du bist wie ein Stück Treibholz im Strom der Zeit. Zumindest theoretisch.

Denn manchmal sind die Umstände stärker als die Momente. Als wir uns am ersten Morgen zu einem Spaziergang ans Meer aufmachen, das im Westen schimmert, geraten wir schnell an Grenzen. Schon nach wenigen Hundert Metern versinken wir bis zu den Hüften in den Schneewehen. Vorwärtskommen? Unmöglich. Der Weg zu unserem Ferienhaus war offenbar in der Nacht vor unserer Ankunft geräumt worden, doch dahinter herrscht die Wildnis eines Winters, den wir in dieser Form hier nicht erwartet hatten. 

Viel Schnee? Normal an Dänemarks Nordspitze.

Auf dem Weg zurück treffen wir Björn. Er steht vor einem Kastenwagen und raucht. Björn ist Zimmermann. Er baut hier ein neues Ferienhaus aus Holz. Das lässt sich auch bei Minusgraden problemlos verarbeiten. „Habt ihr hier immer so viel Schnee?“, wollen wir wissen. Björn lacht. „Das ist normal“, meint er. „Uns macht das nichts aus.“

Zusammen mit ihm sind wir hier die einzigen Menschen. Schon morgens, wenn wir aus dem Fenster schauen, und abends, wenn es dunkel geworden ist, sehen wir in der Ferne noch lange das Licht des Scheinwerfers, das er zum Arbeiten braucht. Es ist das einzige Licht weit und breit.

Nein, ganz stimmt das nicht. Denn wenn der Winterhimmel in der Nacht mal aufreißt, regnet es Sterne. Die Milchstraße, der Orion – eiskalt und klar im Universum. Unfassbar schön. Dann stehen wir warm eingepackt da und starren in den Himmel. Hier, ohne jedes Streulicht, scheinen die Sterne zum Greifen nah. 

Irgendwann packt uns dann doch die Unternehmungslust. Wenn einem Schneetreiben und Kälte nichts ausmachen, entfaltet die Gegend einen ganz eigenen Reiz. Zum Beispiel Grenen. Jener Punkt im Norden Skagens, wo Skagerrak und Kattegat aufeinandertreffen. Im Sommer bringt der Touristentransporter Sandormen die Urlauber gleich waggonweise an die auslaufende Landspitze. Einmal mit dem linken Fuß in der Nordsee und mit dem rechten in der Ostsee stehen – das muss wohl ein Erlebnis von transzendentaler Größe sein. Wir lassen das lieber. Es ist einfach zu kalt und zu stürmisch. 

Sakgens größte Kirche – im Winter ein Mahnmal

Dafür haben wir den Strand für uns allein. Auch an der versandeten St.-Laurentii- Kirche im Süden Skagens, deren Turm weiß aus den verschneiten Hügeln herausragt, sind wir allein. Die Kirche war mal die größte im Norden Jütlands, dem Schutzheiligen der Seefahrer gewidmet und vermutlich im 13. Jahrhundert aus Steinen erbaut, die aus Lübeck, Holland, vielleicht sogar Schottland hierher gebracht worden waren. Wir stehen buchstäblich auf Geschichten, die einige Meter unter unseren Füßen im Sand vergraben liegen. Im Sommer ist St. Laurentii eine der großen Touristenattraktionen mit Parkplätzen und Bewirtschaftung, im Winter mahnt die Kirche daran, wie ein Ort in der Zeit untergehen kann. 

Ein Muss auch, ein Besuch im Nordsee-Ozeanarium in Hirtshals, das größte Nordeuropas. Hauptattraktion ist das riesige, 4,5 Millionen Liter fassende, zentrale Becken, das mehr als vier Stockwerke hoch ist. Auch Haie ziehen hier ihre Kreise. Der absolute Knüller aber ist ein riesiger Mondfisch, der sich vorzugsweise im Herbst tatsächlich bis in die Nordsee verirrt. Unvergesslich ist auch ein Abstecher an die Strände der Nordseeküste. Wo im Sommer gebuddelt und gebadet wird, sind kilometerlange Spaziergänge möglich, auf denen du keiner Menschenseele begegnest. Hier ist die Welt so still geworden, dass sie auszuatmen scheint. Wo sonst gibt es noch Orte wie diesen?