Zwei Stahlpfeiler holen die Bilder zurück ins Hirn: Gleich im Eingangsbereich des 9/11 Museums in New York erinnern die beiden einer dicken Gabel ähnelnden Bauteile an jenen Tag, an dem Amerika angegriffen wurde. Bis zum 11. September 2001 ragten sie an einem der Türme des World Trade Center empor, dienten dazu, dass das ganze Gebäude überhaupt stand. Doch nachdem die Terrorgruppe Al-Kaida zwei Passagierflugzeuge in das Gebäude hineinsteuerte, konnten auch sie die komplizierte Konstruktion nicht mehr stützen.

9/11 lautet in den USA die allgemein übliche Abkürzung für den 11. September 2001 – bei Datumsangaben werden dort Monate vor die Tage gesetzt. Und – 9/11 steht für eine veränderte Sicherheitslage nicht nur in den USA, sondern in der ganzen Welt. Fast 3000 Menschen kamen an diesem Tag im Süden Manhattans ums Leben. Schon früh war deswegen klar, dass dieser Ort künftig für das Gedenken daran stehen soll. New York hat sich ein ganzes Gedenkareal geleistet: das 9/11 Memorial mit dem angrenzenden 9/11 Museum.

Es ist die dunkle, gespenstige Atmosphäre, die Besucher des Museums schon früh verstummen lässt: Das auf einem Masterplan von Architekt Daniel Libeskind basierende Gebäude ist sieben Stockwerke unter der Oberfläche entstanden – rund um die Fundamente der zerstörten Zwillingstürme. Stimmen von Feuerwehrleuten und Sanitätern, aufgenommen am 11. September 2001, ertönen fast ununterbrochen; zwar dezent, aber stets präsent.

Fundamente des World Trade Centers freigelegt

An vielen Stellen sind Teile des Fundaments freigelegt worden. Abgesägte Stahlpfeiler erinnern an das, was nicht mehr steht. 110 Stockwerke ragten die Türme von hier aus einst in den Himmel. Nun geht es tief hinab, hinein in die Erinnerung.
 
Ein demolierter Feuerwehrwagen ist eines der beeindruckenden Ausstellungsstücke. Seine Leiter wurde beim Zusammensturz der Türme komplett zerstört. Zu sehen sind auch noch die Überreste einer Rolltreppe, die ursprünglich außen am Gebäude täglich etliche Tausend Angestellte zur Arbeit beförderte. Nach dem 11. September war sie gezeichnet von den schweren Stahlteilen, die auf sie stürzten. Insgesamt gehören 12.500 Ausstellungsstücke zur Sammlung des Museums.
 

Die mit Abstand meisten Besucher kommen aus den USA, sagt Anthony Guido, Kommunikationschef des 9/11 Museum. „Nur 22 Prozent stammen von außerhalb, vor allem aus Großbritannien, Kanada, Australien und Deutschland.“ Dennoch verliert sich das Museum nicht in Patriotismus, sondern befasst sich auf sehr kunstvolle Weise mit dem Gesamtthema. Sonderausstellungen ergänzen die Sammlung, in zwei Kinos sind Filme über Hintergründe und Hinterbliebene zu sehen. Insgesamt lagern im Fundus 580 Stunden Dokumentationen, außerdem fast 2000 Stunden Tonaufnahmen mit Betroffenen.

„Familienangehörige von Opfern sind eine wichtige Interessengruppe für uns“, betont Guido. „Sie waren in die Planungen involviert und arbeiten immer wieder in Initiativen mit uns zusammen.“ Auch einige Mitglieder des Kuratoriums seien Angehörige von Opfern. Mehr als drei Millionen Besucher haben sich das Museum bereits in den ersten zwei Jahren seit dessen Eröffnung im Frühjahr 2014 angesehen. Noch weitaus mehr verharrten an der großen Gedenkstätte im Außenbereich.

Gedenktafeln listen die Namen der Opfer auf

Zwei große quadratische Wasserbassins bilden hier den Kern. Sie befinden sich an jenen Stellen, an denen ursprünglich die Zwillingstürme standen. Feine Wasserstrahlen bilden an den Innenseiten ein Linienmuster, das an die Außenfassade des World Trade Center erinnert – nur dass die Strahlen heute nicht mehr in die Höhe ragen – sie verschwinden im Boden, nur scheinbar in den Räumen des darunter liegenden Museums.
 
Auf Gedenktafeln sind die Namen der Opfer aufgelistet – nicht nur jener vom 11. September 2001, sondern auch die des längst in Vergessenheit geratenen ersten Anschlags auf die Türme. Am 26. Februar 1993 zündeten ebenfalls islamistische Terroristen eine Bombe in der Tiefgarage des Komplexes. Damals kamen sechs Menschen ums Leben, rund 1000 wurden verletzt.

Das höchste Gebäude der Vereinigten Staaten

Der offizielle Nachfolger der beiden Zwillingstürme heißt One World Center und befindet sich unmittelbar im Norden angrenzend an die große Gedenkstätte. Im Herbst 2014 wurde das Hochhaus eröffnet, mit 541,32 Metern ist es heute das höchste Gebäude der Vereinigten Staaten. Das ist eine symbolträchtige Höhe für Amerikaner: Umgerechnet sind es 1776 Fuß, was der Jahreszahl der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der USA entspricht.
 
Das in sich verdrehte Gebäude ist längst zum Blickfang geworden. Und die Aussichtsplattformen One World Observatory
in den oberen Etagen hat unter Besuchern bereits jetzt jenen Stellenwert eingenommen, den auch die Aussichtsetage der alten Zwillingstürme hatte. Sie ermöglicht bei guter Sicht den Blick weit über Manhattan.
 
Im 9/11 Museum plant man bereits weiter: In diesem Jahr soll es neue Ausstellungen geben, sagt Anthony Guido. Immer neue, meist künstlerische Aspekte widmen sich diesem geschichtsträchtigen Ort. So soll das ganze Areal nicht nur einfach ein Ort des Gedenkens bleiben. Besucher sollen sich intensiv mit immer neuen Aspekten der Geschichte auseinandersetzen.