Wo ist bloß Daniel? Es vergeht kaum ein Satz, in dem Alan Stenberg, Direktor der Glenmere Mansion im Tal des Hudson Rivers, die Qualitäten seines Partners nicht mit glühenden Worten anpreist. Die Marmelade zum Frühstück, aus so ungewöhnlichen Kombinationen wie Zitrone und Rosmarin – handgekocht von Daniel.
 
Das gewaltige Stück Torte, das kaum von einer Gruppe Gäste geschafft wird – ein Geheimrezept von Daniel. Und die Einrichtung in dem toskanisch angehauchten Landhaus – alles ausgesucht von Daniel. Kaum etwas scheint ohne ihn zu funktionieren; doch er macht sich rar und wirkt eher aus dem Hintergrund. Das aber nachhaltig.
 
Damit passt Daniel auf seine Art perfekt in diese Gegend: Hier im Tal des Hudson Rivers scheint alles in gewisser Weise wie geschmiert zu laufen. Nur die, die alles schmieren, siehst du selten. Mehr als 240 Kilometer erstreckt sich das Tal des Hudson Rivers von der Millionenmetropole New York in Richtung Norden bis nach Albany, tiefste amerikanische Provinz. Und gerade deswegen ist es ein hübscher Kontrast zu den üblichen Reisezielen der USA.

Storm King –  ein Open-Air-Kunstmuseum

Weite grüne Flächen ergießen sich zu beiden Seiten des Hudson-Ufers, im Hintergrund sind flache Berge zu sehen, die Hudson Hills, dazwischen tauchen immer wieder kleine Ortschaften auf, geprägt von den für Nordamerika so typischen Holzhäusern. Insgesamt triffst du hier selbst an mehreren Tagen am Stück kaum halb so viele Menschen wie etwa bei einer einzigen Fahrt mit der New Yorker U-Bahn. Aber im Gegensatz dazu hast du hier die Chance, sie tatsächlich kennenzulernen.
 
Die Chance, David Collins über den Weg zu laufen, ist gar nicht mal so gering. Du musst nur einen Abstecher nach New Windsor machen. Hier leitet Collins das Storm King Art Center. Und der Kunstexperte ist gern zur Stelle, wenn es darum geht, dieses immense Projekt zu präsentieren: Storm King ist ein Open-Air-Kunstmuseum, und zwar nicht irgendeines. Es gilt als eine der größten Sammlungen moderner Außen-Skulpturen in den Vereinigten Staaten.
 
Auf 200 Hektar sind ein paar Dutzend Werke ausgestellt. Die sind prägnant – allein schon wegen ihrer meterhohen Größe, viele noch dazu von bekannten Künstlern, zum Beispiel von Roy Lichtenstein und Alexander Calder. Der eine oder andere Besucher kommt allein, um Maya Lins Wavefield zu bestaunen, eine Fläche mit wellenförmigen Rasenformationen. Zwei weitere gibt es in den USA, für Collins ist es schon so etwas wie eine Ehre dazuzugehören. „Eine herrliche Ergänzung für unseren Park”, schwärmt er. Zumal es im Grunde lediglich aus Material besteht, das es in New Windsor in Fülle gibt: Rasen und Mutterboden.

Amerikas ältestes Weingut

Windsor, Chester, Cornwall – überall im Hudson Valley begegnen Besucher Ortsnamen, die Europäer eher mit Großbritannien verbinden. Unter britischer Herrschaft wurde hier im 17. und 18. Jahrhundert so ziemlich jede Stadt und Region des Vereinigten Königreichs noch einmal neu geboren. Dass beispielsweise das hiesige Chester mit deutlich weniger Ausstrahlung glänzen kann als sein großes Vorbild in England und Cornwall/USA so rein gar nichts gemein hat mit Cornwall/UK, vergisst du schnell. Einmal angekommen, schaltest du fast automatisch in eine Art Mischung aus Urlaubsentspannung und amerikanischem Alltagsmodus.
 
Dazu passt eine Spezialität der Region, die von Natur aus Zeit zum Reifen benötigt: Die Brotherhood Winery bei Washingtonville gilt als Amerikas ältestes Weingut. Der Franzose Jean Jacques hat es 1810 gegründet, heute behauptet sich der Betrieb mit Verweis auf seine Tradition im Wettbewerb vor allem mit den Weingütern Kaliforniens.
 
25 Kilometer westlich stehen Ruhe und Entspannung eher weniger im Fokus: West Point lautet der Name eines Ortes am Westufer des Hudson Rivers, gegenüber von Cold Spring, und genau hier bildet die US-Armee ein Viertel ihres Offiziersnachwuchses aus.

220 Läden in einem künstlichen Dorf

Die United States Military Academy (USMA) ist im ganzen Land eher unter der Bezeichnung West Point bekannt, was in etwa ihren Stellenwert widerspiegelt. Sie gilt als eine der bedeutendsten Hochschulen der USA. Besucher müssen Sicherheitschecks hinter sich bringen, um sich zumindest dem Besucherzentrum zu nähern – doch auch die Gegend um den massiven Akademiekomplex direkt am Hudson River ist sehenswert.
 
Schon George Washington sah in West Point eine der wichtigsten militärischen Stellungen Nordamerikas. Der spätere erste Präsident der USA pflegte zum Hudson Valley ohnehin eine tiefe Bindung. Bei Newburgh nördlich von West Point hatte Washington während des amerikanischen Bürgerkrieges eine Zeit lang sein Hauptquartier aufgeschlagen. Und hier nahmen seine Pläne für die neu zu schaffenden Vereinigten Staaten von Amerika konkrete Ausmaße an. Washingtons Hauptquartier ist heute ein Museum – eines der historisch bedeutsamsten für Nordamerikaner.
 
Aus viel profaneren Gründen reisen vor allem New Yorker ins Hudson Valley, genau nach Central Valley, direkt am Highway 87. Woodbury Common ist eine jener Outlet Malls, für die der amerikanische Einzelhandel so berühmt ist. 220 Läden bieten in dem künstlich angelegten Dorf Markenware zu deutlich reduzierten Preisen an. Jede halbwegs populäre Marke ist mit einem Geschäft vertreten.

Bill Clinton und Justin Timberlake

Lange Zeit sind auch europäische Touristen in Horden gekommen. Doch inzwischen können sie trotz massiver Reduzierungen bei den Preisen wegen des immer stärkeren Dollarkurses immer weniger sparen. Für New Yorker indes lohnt die rund einstündige Fahrt in jedem Fall – verglichen mit den hohen Preisen der Großstadt ist es hier fast immer deutlich günstiger.
 
Selbst Gäste der Glenmere Mansion am Glenmere Lake zieht es regelmäßig dorthin, sagt Direktor Alan Stenberg. Dabei spielen Schnäppchen für die Bewohner des denkmalgerecht restaurierten Landhauses eher eine untergeordnete Rolle. Künstler und Politiker geben sich hier die Klinke in die Hand, erzählt Stenberg. Kaum einer von ihnen fragt vorher nach dem Preis einer Suite. Meist seien sie auf der Suche nach ein bisschen Entspannung, wie kürzlich die Clintons. Andere genießen die Vorzüge, in dem weitläufigen Areal sicher vor Paparazzi zu sein, unlängst Musiker Justin Timberlake.
 
Für das ehemals vom Verfall bedrohte Gebäude, einst Wohnsitz einer wohlhabenden Industriellenfamilie, war es so etwas wie die Rettung: Der deutsche Unternehmer und Kunstsammler Peter Klein erwarb das Anwesen 2007, um ihm zu neuem Leben und Glanz zu verhelfen. Drei Jahre nahm die Restaurierung in Anspruch, heute wähnst du dich wie in einer anderen Zeit. Nur einer lässt wohl weiter auf sich warten: Daniel. Nur gut, dass er Kuchen und Marmelade hinterlassen hat.