Plötzlich bleibt Kevin Trippe stehen, breitet die Arme aus. Die Wanderung zum Gletscher ist unterbrochen, der 23-Jährige hält die kleine Gruppe auf. Erst auf den zweiten Blick wird klar, warum: Auf dem Wanderweg sitzt ein Braunbär, einfach so. Keine Absperrung, kein Graben wie im Zoo. Alaska, das ist noch echte Wildnis. Der Beweis lässt sich mit Krach vertreiben. Glück gehabt.

Es ist der Traum vom Aussteigen, von einem natürlicheren Leben, der viele Menschen nach Alaska treibt. Touristen, natürlich, aber auch Amerikaner, die der Großstadt entkommen wollen. Auch Trippe hat etwas gesucht, wobei er Sport und Natur verbinden kann. Täglich führt er Besucher auf den Gletscher nahe dem Örtchen Seward – mit Spikes unter den Schuhen und Wanderstöcken in den Händen.

„Füße stets weit auseinander, damit ihr nicht an euren Füßen hängen bleibt. Und immer mir hinterher – keine Experimente.“ Besser ist das – die Spalten, die sich durch den Gletscher ziehen, sind Dutzende Meter tief. Die Gefahr ist aber überschaubar, die Belohnung eine atemberaubende Aussicht.

Bergsee: Nur mit dem Wasserflugzeug erreichbar

„Viele kommen genau deswegen hierher“, sagt Scott Rockey. Von Anchorage aus fliegt er Besucher für „Rust’s Flying Service“ über den Denali-Nationalpark, zum höchsten Berg Nordamerikas, der jahrzehntelang Mount McKinley hieß und nun von Präsident Barack Obama wieder in Denali umbenannt wurde. Kein günstiges (300 Euro aufwärts), aber ein schwer beeindruckendes Vergnügen.
 
Auf den endlos scheinenden Grünflächen im Flachland lassen sich Elche beobachten, am Denali die kleinen Basislager sehen, von denen aus mutige Kletterer gen Gipfel ziehen. Bei gutem Wetter landet Rockey auch mal an einem Bergsee. Nur wenige Hütten stehen dort, das Wasserflugzeug ist die einzige Chance, dieses Fleckchen Erde zu erreichen.

Pilot Rockey lebt seit 1999 in Alaska: „Viele träumen davon, die Stadt hinter sich zu lassen, aber wenige schaffen es wirklich.“ Er beobachtet Jahr für Jahr, wie Leute hierher ziehen, und viele sind auch schnell wieder weg. „Ihnen fehlen dann doch die großen Städte, oder die Frauen langweilen sich.“

Die größte Stadt, Anchorage, hat 370.000 Einwohner. Downtown sind die Touristenshops, viele Restaurants und Bars, eine gut ausgestattete Mall, ein Hard Rock Café, Hotels, drum herum das übliche amerikanische Kleinstadtleben. Für die meisten bleibt Anchorage Dreh- und Angelpunkt des Alaska-Erlebnisses. Ein Mietwagen empfiehlt sich, alternativ fährt die „Alaska Railroad“ täglich von Fairbanks südlich über Anchorage nach Seward.

Alaskas einziges Skigebiet

Vorbei an Gletschern, an Seen und Bergen führt die Strecke mit beeindruckenden Aussichten. Im Speisewagen gibt es zum Frühstück auch Rentierwürstchen. Per Durchsage werden Bergziegen gemeldet, der Fahrer will sogar einen Bären gesehen haben. Der ist den vielen Hobbyfotografen zwar durchgerutscht, unmöglich ist es aber nicht. Hinterland eben, die Wahrscheinlichkeit, an großen Teilen der Strecke Wildtiere zu beobachten, ist höher als jene, Menschen zu sehen, außer gelegentlich Wanderer nahe den kleinen Ballungsgebieten – Girdwood etwa.
Zwei Braunbären, Muttertier und Jungtier, laufen auf einem Weg in Alaska.
Und plötzlich stehen Braunbären vor dir auf dem Wanderweg... Foto: imago/imagebroker

In Girdwood liegt auch Alaskas einziges Skigebiet, das Alyeska Resort. 56 Kilometer südöstlich von Anchorage ist es auch im Sommer beliebt. Im vornehmen, gleichnamigen Hotel wohnen Wanderer und Roadtripper. Die Restaurants im Ort sind oft etwas gehobener. Auch eine Deutsche hat es hierher verschlagen, Stefanie Flynn. Die 48-Jährige, die ursprünglich aus Karlsruhe stammt, lebt seit 18 Jahren in Girdwood und betreibt den Bake Shop, eine Bäckerei.

Elche und Bären als Nachbarn

Der Renner sind ihre Sauerteigprodukte, nur zu harte Rinde mögen die Amerikaner nicht. „Gutes Brot ist hier schwer zu finden“, sagt sie und lacht ein sehr amerikanisches Lachen. Zuerst hatte sie in San Francisco gearbeitet, dort ihren jetzigen Mann Michael kennengelernt, einen Koch, mit dem sie nun das kleine Geschäft betreibt. Kalifornien war ihr zu heiß, dann kam ein Jobangebot für ihren Mann aus Anchorage.
 
Ist es hier nicht einsam? „Ist doch herrlich! Die Lebensqualität ist fantastisch. Das hier ist eine gute Gemeinde!“ Viel näher seien sich die Nachbarn hier als in Deutschland. 2.000 sind es. „Wenn man weit draußen ist, muss man sich auf die Menschen verlassen können. Und ganz ehrlich: Elche und Bären sind mir lieber als seltsame Menschen in der Großstadt.“
 
Sauerteig ist der Renner: Stefanie und Michael Flynn betreiben in Girdwood eine Bäckerei. Seltsam mutet es auch einige Kilometer weiter in Whittier zuerst an. Fast alle der 300 Bewohner leben unter einem Dach – in einem Hochhaus, dem Buckner Building. Das hat eine Post, einen kleinen Einkaufsmarkt, medizinische Versorgung. Während des Kriegs war die Stadt unbekannt, weil unauffällig. In einer Bucht gelegen, hatte niemand das eine Haus auf dem Schirm. Für den Touristen eher eine Randnotiz, wahrscheinlicher ist, dass er von hier mit dem Boot Richtung Gletscher aufbricht.
 
Auf der „26 Glacier Tour“ gibt es – richtig – 26 davon zu sehen. Und: jede Menge Otter, die zwischen den von Gletschern brechenden Eisschollen treiben. In der Esther-Passage sind Fischerboote unterwegs. Mit Glück sichten die Gäste auch Wale und Delfine. Und – wieder einmal – atemberaubende Natur. Wasserfälle, die von saftig grün bewachsenen Bergen fließen, direkt ins eisige Wasser.

Ob im Wasser noch ein Klumpen Gold liegt?

„Das sieht aus wie Sumatra trifft Arktis“, sagt ein Mitreisender fasziniert. Dass wir immer noch in den USA ist, wird aber schnell klar: Wer mag, kann sich für die Familien-Weihnachtskarte mit „Merry Christmas“-Schild vorm Gletscher ablichten lassen, wahlweise auch mit dicken Brocken Gletschereis oder dieses in „Gletschereis-Magaritas“ praktisch weiterverwenden.
 
Auf ähnliche Begeisterung bei Touristen stößt in der Stadt Talkeetna vor allem der Bürgermeister – ein Kater namens Stubbs. Ausdruck eines Individualismus, der vielen Bewohnern wichtig ist. Die kleinen Hütten der Stadt, die teils zu Goldrausch-Zeiten Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden, sind ein historisches Denkmal der USA.
 
Zuerst wurde da Edelmetall im Susitna River gesucht. Heute wird er genutzt zum Rafting, zum Speedboot- und Kanufahren. Dass irgendwo im Wasser vielleicht noch ein Klumpen Gold liegt – am Ende nur ein weiterer Grund für Abenteurer, Alaska unbedingt zu erkunden.