Der Morgen dämmert. Montego Bay erwacht, mich treibt der Jetlag aus dem Bett. „How are you, where you’re comin’ from?“, fragt mich ein Frühaufsteher mit Rastalocken, als ich ziellos an der weitläufigen Bucht entlangschlendere, in die gerade ein Kreuzfahrtschiff einläuft. „From Germany“, entgegne ich.
 
Ein strahlendes Lächeln entblößt fehlende Zähne. Was ich heute so vorhabe, will er wissen. Zum Black River, sage ich. „That’s good, yeah man“, freut er sich. Auf meine Frage, wo er denn schon so zeitig hinwolle, erfolgt ein knappes „To the beach“. Welcome to Jamaica.
 
Blauer Himmel, weiße Passatwolken, grüne Palmen und türkisfarbenes Meer: Besonders an Jamaikas Nordküste zeigt sich die Karibik von ihrer schönsten Seite. Lange Strände und einsame Buchten wechseln sich ab. Und abseits der Touristenhochburgen siehst du immer wieder Fischer in ihren Booten aufs Meer hinausfahren.
 
Die meisten Touristen kommen wegen der feinsandigen Strände, sehnen sich nach Sonne und Reggae. Doch unsere kleine Reisegruppe will mehr von der seit 1962 von Großbritannien unabhängigen Insel sehen. Die schmale Straße windet sich in engen Kehren über die von tropischen Wäldern bedeckten Berge. Unzählige Schattierungen von Grün umgeben uns, dazwischen das Feuerrot von Flamboyant-Bäumen und kleine Dörfer. So könnte der Garten Eden ausgesehen haben.

Im Black River tummeln sich Krokodile

Der Black River an der Südküste ist berühmt wegen seiner Krokodile. Träge liegt eine der Riesenechsen auf der Mauer des Anlegers. Bei näherem Hinschauen zeigt sich, dass die Pupillen sich hin und wieder bewegen. Also Vorsicht!
 
Unser Boot legt ab. „Etwa 500 Krokodile gibt es noch in diesem Gebiet“, sagt Terrain, unser Schiffsführer. „Sie können fünf Meter lang werden.“ Zwei Exemplare tauchen plötzlich neben unserem Boot auf. Sie sind aber kaum mehr als drei Meter lang und werden die einzigen bleiben, die wir bei unserer kleinen Safari zu Gesicht bekommen.
 
Die Sumpflandschaft ist mit 80.000 Hektar eines der größten Feuchtgebiete der Karibik. Mangroven, Schilf und Riesenfarne wechseln sich ab, Reiher und Fischadler lauern auf Beute, hin und wieder schwirrt ein Kolibri durchs Dickicht. Als wir wieder im Hafen ankommen, ist das Krokodil von der Kaimauer verschwunden.

Tourismus-Hochburg Ocho Rios

Unser Kleinbus bringt uns nach Ocho Rios an der Nordküste. Das etwa 10.000 Einwohner zählende Städtchen ist in den Achtzigerjahren zur Tourismus-Hochburg ausgebaut worden. Der Ort selbst hat wenig Flair. Es gibt keine Straßencafés, das Zentrum mit seinen Märkten und der obligatorischen Turmuhr lädt nicht gerade zum Flanieren ein. Auf dem Bürgersteig werden riesige Boxen aufgetürmt. Dancehall-Bässe läuten das Wochenende ein.
 
Lärmbelästigung ist hier ein Fremdwort. Am Straßenrand gibt es überall Jerk-Grillstände. Über Pimentholz gart scharf gewürztes Schweine- und Hühnerfleisch. So schmeckt Jamaika.
 
Die meisten Touristen buchen all-inclusive, bleiben in den Wohlfühloasen wie dem Jamaica Inn oder dem Riu Ocho Rios und beschränken sich auf organisierte Ausflüge zu nahe gelegenen Attraktionen wie den berühmten Wasserfällen des Dunn’s Rivers. Sehr zum Leidwesen von Evita. Die Venezianerin mit italienischem Vater und deutscher Mutter betreibt seit vielen Jahren oberhalb von Ocho Rios ein Restaurant. Erst seit sie einen Gratis-Abholservice eingeführt hat, ist das Evita’s mit seiner exzellenten jamaikanisch-italienischen Küche wieder gut besucht und eine echte Topadresse.
 
Den Dunn’s River hinaufzufahren solltest du auf keinen Fall versäumen. Wir waren schon früh am Morgen da und hatten die Stromschnellen fast für uns allein. „Wenn die Tourbusse kommen oder gar Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen, herrscht Massenandrang“, berichtet unser Mann vom Jamaica Tourist Board. Man sollte also zeitig aufstehen, wenn das Abenteuer nicht im Stau enden soll.

Im „Golden Eye“ wurde James Bond erfunden

Der Ort verdankt seinen Namen übrigens einem Missverständnis. Die Spanier nannten die Gegend „Los Chorreos“, was schlicht Wasserfälle bedeutet. Für die Engländer, die die Insel 1670 von den Spaniern eroberten, klang das irgendwie wie Ocho Rios, was acht Flüsse heißt. Der Name existiert bis heute – und der Ort übt auf Engländer seit jeher eine große Anziehungskraft aus.
 
In den Bergen oberhalb von Ocho Rios besitzen die Rolling-Stones-Urgesteine Mick Jagger und Keith Richards luxuriöse Villen. Im nahen Oracabessa hat der englische Autor Ian Fleming gelebt. "Golden Eye" heißt das Anwesen, in dem er James Bond, den Geheimagenten Ihrer Majestät, erfunden hat. Heute ist die Fleming-Villa ein Hotspot für Reiche und gehört Chris Blackwell, dem Island-Record-Gründer und Produzenten von Reggae-Legende Bob Marley.
 
Rund 100 Kilometer entfernt, im äußersten Osten der Insel, liegt Port Antonio. Der Ort ist beschaulicher und pittoresker als Ocho Rios. Die kleinen Buchten in seiner Umgebung gehören zu den schönsten der Insel. Die Blaue Lagune und Strände wie San San oder Frenchmen’s Cove erfüllen alle Karibik-Klischees. Riesige Hotelanlagen sucht man vergebens, all-inclusive scheint hier noch ein Fremdwort. Kleine Resorts mit viel Flair wie Kanope Houses (die Baumhäuser kosten pro Nacht zwischen 290 und 580 Euro), edle Luxus-Hide-aways und elegante Ferienhäuser direkt am Meer sind die Regel.

Der Blick über die Blue Lagoon ist inklusive

Das alles hat seinen Preis. Ein Strandhaus für bis zu acht Personen kostet pro Woche locker 10.000 Euro. Doch es geht auch preiswerter. Für rund 1.200 Euro die Woche bietet Goblin Hill Appartements mit Wohnzimmer, Küche und zwei Schlafräumen an. Der grandiose Blick über die Blue Lagoon ist im Preis inbegriffen.
 
Und unser Führer Carey Dennis weiß noch einen weiteren Grund, der für Port Antonio spricht: „Da die Kreuzfahrtschiffe inzwischen zu groß sind, um den Hafen oder die Buchten von Port Antonio anzulaufen, sind plötzlich auftretende Menschenmassen hier nicht zu erwarten.“ Klingt gut.
 
Vor uns liegen die bis zu 2.000 Meter hohen Blue Mountains. Der rund 78.000 Hektar große Nationalpark ist im Sommer 2015 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen worden. Die Landschaft ist grandios. Rundherum Regenwald, unter uns ein Fluss, über uns dunkle Passatwolken, die sich an den Bergen stauen. Sie entladen sich plötzlich in einem gewaltigen Wolkenbruch. Kein Wunder, dass die Arawak-Indianer die Insel einst Xaymaca tauften – Land von Holz und Wasser.

Bob Marleys Wohnhaus ist heute ein Museum

Hier wird einer der teuersten Kaffees der Welt angebaut: 250 Gramm Blue-Mountain-Kaffee kosten in Deutschland bis zu 40 Euro. Auf Craighton Estate, einer herrlich gelegenen Plantage in Irish Town, kann man ihn probieren. Und erfährt alles über die jamaikanischen Bohnen. Dafür sorgt schon Alston Bedward. Er scheint den Ehrgeiz zu haben, jeden einzelnen Besucher zum Kaffee-Experten zu machen.
 
„Man zählt 20 Qualitätsstufen, Blue-Mountain-Kaffee erreicht Level 19“, berichtet er stolz. Als wir das Eits-Café erreichen, hat es aufgehört zu regnen. Dunstschwaden steigen die Hänge empor, beeinträchtigen die Sicht, aber nicht die magische Stimmung. Eits steht für Europe in the Summer, weil die Temperaturen hier oben eher dem europäischen Sommer ähneln und es weniger heiß ist als an der Küste. Es gibt einige Zimmer zu mieten, eine kleine Galerie. Und großartiges Essen. Spicy und raffiniert. Jamaica meets Europe.
 
Das trifft auch auf Matthias Reulecke aus Kerpen zu. Der 52-jährige Musiker mit der Rasta-Mähne, der schon mit der bekannten deutschen Reggae-Band Gentlemen gespielt hat, lebt seit drei Jahren auf der Insel. Er ist mit einer Jamaikanerin verheiratet und hält sich mit kleinen Jobs über Wasser. Auch im Eits hilft er manchmal aus. „Roots Reggae ist nicht tot“, sagt er und glaubt fest an ein Revival.
 
Doch das Haus von Bob Marley, des 1981 gestorbenen Reggae-Superstars, in der Hauptstadt Kingston ist längst ein Museum – für manche eine Pilgerstätte, für andere ein Ort der Verklärung. Einen Abstecher ist es aber allemal wert. Allein schon, um zu hören, wie die überdrehte junge Führerin einen Bob-Marley-Song nach dem anderen anstimmt. Spätestens am Schluss ist man endgültig überzeugt: „Every little thing gonna be all right.“ Yeah man!

Nationalgetränk: Hier erfährst du alles über Rum

Rum und Jamaika: Das gehört irgendwie zusammen. Wie das Nationalgetränk der Karibikinsel hergestellt wird, erfährt man bei Appleton, der mit 265 Jahren ältesten Zuckerrohrplantage und Rumdestille Jamaicas. Der Eintritt kostet 29 US-Dollar, von Montego Bay werden Touren für rund 88 Euro angeboten. Zur Begrüßung gibt es Rumpunsch.
 
Und nachdem erklärt wurde, wie der Saft des Zuckerrohrs ausgepresst wird, wie Zucker hergestellt und die übrig bleibende Melasse schließlich vergoren und destilliert und der Rum in Eichenfässern gelagert und veredelt wird, darf man alle sieben Produkte, die Appleton herstellt, probieren. Außer einen 50 Jahre alten Edelrum (Preis: 5.000 US-Dollar).
 
800 Flaschen davon hat Appleton zum 50. Unabhängigkeitstag 2012 hergestellt – und ausverkauft ist er noch längst nicht. Nach zwei Stunden ist der Spaß vorbei. Und so mancher verlässt Appleton-Estate mit wackligen Knien.