Viele schwärmen von New York im Winter. Wie viel Amerikas Hauptstadt Washington D. C. mit seinen Museen, Monumenten, Mythen und als Zentrale der Macht zu bieten hat, ist dagegen leider noch nicht so bekannt.

Roy Palme würde alles tun, um das zu ändern. Der 45-Jährige arbeitet im Café du Parc. „Hier im Service tätig zu sein, macht richtig Spaß“, sagt der ehemalige Restaurantleiter aus Berlin. Nachdem sich seine Gäste am üppigen Büfett bedient haben (chinesische Dim Sum sind ebenso enthalten wie norwegischer Lachs und jede Menge Eierspeisen), zückt Palme einen Stadtplan und gibt Ausflugstipps: „Wie wäre es mit einem Abstecher ins Spy Museum?“ Sicherlich spektakulär. Mal undercover gehen, Codes und Chiffren entziffern, feindliche Spione enttarnen. Aber die Zeit reicht nicht für diese Kür nach dem Museumspflichtprogramm.
 
Das könnte an einem kalten Wintertag mit Schlittschuhlaufen vor der National Gallery of Art beginnen. In deren Sculpture Garden lassen sich zwischen dem „Roten Pferd“ Alexander Calders und Roy Lichtensteins „Haus 1“ Pirouetten unter freiem Himmel drehen. Durch die National Gallery führt Hedwig, gebürtige Deutsche, verheiratet mit einem Italiener und seit 40 Jahren mehr Amerikanerin als alles andere. Die unvergessenen Wurzeln ihrer Jugend lassen sie von den großen europäischen Künstlern schwärmen, besonders den Italienern. So sehr, dass die Zeit zu knapp wird für das neuere Ostgebäude mit den zeitgenössischen Werken.

Schülerbriefe an „Dear Mr. President“

Tagelang könntest du dich in Washingtons Museen aufhalten – bei freiem Eintritt meistens, den auch die 19 Smithsonians gewähren. Das National Air and Space Museum ist ein Muss für Fans von Raum- und Luftfahrt, und im National Museum for Natural History funkelt der 45,5 Karat große und rund 200 Millionen Euro geschätzte tiefblaue Hope-Diamant. Angeblich, so der Mythos, hat er all seinen Besitzern Unglück gebracht. Nur gut, dass er hinter Sicherheitsglas ruht. An den Smithsonians vorbei spannt sich die National Mall. Nein, keine Shoppingmall.
 
Der vier Kilometer lange Weg mit großen Rasenflächen reicht vom Lincoln Memorial bis zum Kapitol. Mittendrauf erhebt sich das Washington Monument, der 169,3 Meter hohe weiße Marmorturm in Form eines Obelisken. Einst das höchste Bauwerk, heute noch das höchste Steinbauwerk der Welt und seit Mai 2014 nach millionenteurer Erdbebenschadensanierung wieder zugänglich. Die Aufzugfahrt zur Besucherebene garantiert spektakuläre Blicke – über den Fluss Potomac zum Arlington-Friedhof mit der Grabstätte von John F. Kennedy, auf der anderen Seite zum Kapitol, dazwischen zum Weißen Haus.
 
Wie das von innen aussieht, lässt sich nach einem Besuch im nahe gelegenen Visitor Center erahnen. Besser noch als der Kurzfilm und die vielen Modelle sind eine Auswahl von Schülerbriefen an „Dear Mr. President“. Oder die Schauteller, die sich drehen lassen und preisgeben, dass Richard Nixon die süßen Jelly Beans liebte.

Barack Obama hat geflunkert

Barack Obama hat vor einer Gruppe von Kindern mal behauptet, Brokkoli sei sein Lieblingsgericht. Das war jedoch geflunkert. In Wirklichkeit mag er Muscheln, von Michelle gekochte Nudeln mit Garnelen (Shrimps linguine) oder einen deftigen Burger. Den hat er eines Abends auch im Ben’s Chili Bowl an der U-Street verspeist.
 
In dem 1958 gegründeten Fast-Food-Restaurant kehren Künstler, Sportler, aber auch Touristen ein. Die Chili Half Smokes (gebratene Hotdog-Würstchen mit Chili con Carne im Brötchen, dazu frittierte Chips) sind legendär. Und vielleicht so inspirierend, dass Obama die ihm 2014 geschenkten Truthähne „Mac“ and „Cheese“ taufte, bevor er sie begnadigte. 

Mit den Artgenossen von 2013, „Popcorn“ und „Caramel“, genießen sie den Rest ihres Lebens im Morven Park von Westmoreland Davis, Gouverneur von Virginia 1918 bis 1922. Von Obamas Besuch in Ben’s Chili Bowl zeugt ein Foto an der Wand. Jeder, der mag, kann sich auf den Platz setzen, auf dem er einst in seinen Burger biss.

Wie man sich fühlt, wenn der US-Präsident mit seiner Frau und einer Entourage an Sicherheitskräften plötzlich in einem Restaurant steht, kann Todd Thrasher erzählen. Aus dem Besitzer des Restaurants Eve in der von Washington zehn Kilometer entfernten Northern-Virginia-Kleinstadt Alexandria sprudelt es bei der richtigen Frage nur so heraus.
 
Eines Abends sei eine sehr elegante blonde Lady ins Eve gekommen, habe nach dem Besitzer verlangt und ihm angekündigt: „Sie bekommen einen VIP-Besuch.“ Thrasher erwiderte: „Na klar. Bei mir sind alle Gäste VIPs.“ Die Lady sagte nur knapp: „In wenigen Minuten wird der Präsident vorfahren.“ Thrasher trocken: „Ja, hat der einen Tisch reserviert?“ Hatte Barack Obama. Drei Tische unter verschiedenen Namen.
 
„Als er reinkam und Platz nahm, schien es, als würde die Luft aus dem Raum gesaugt. Alles erstarrte“, staunt der Eve-Besitzer noch heute. „Esst einfach weiter und ignoriert mich, Leute“, sagte der Präsident. „Ich will hier mit meiner Frau ganz privat Geburtstag feiern.“ Und am Ende des Abends habe er auch wirklich mit seiner privaten Kreditkarte bezahlt.

Für das Eve war die Episode besser als hierzulande ein Michelin-Stern. Dabei braucht es den nicht für eine Exkursion in die Stadt nah am Meer. Sie bietet ein besonderes Flair: viele Boutiquen in alten kleinen Häusern, einen Hafen, Kopfsteinpflaster, eine ehemalige Torpedofabrik, inzwischen Treffpunkt und Designschmiede für die Künstlerszene – und ein touristisches Konzept, das die Sinne betört.

Die Culinary Walking Tour führt von einem Restaurant zum nächsten. In denen gibt es jeweils einen Gang, angefangen mit Melonensuppe über die am Holzofen gebrutzelten und in Honig getränkten Spareribs bis zu Crabcakes, einer Art Frikadelle aus Krabbenfleisch. Dazu Bier (das dank neuer Brauereien einen Boom erlebt) oder auch Wein.
 
Irgendwann, so hofft im 80 Kilometer entfernten Purcellville ein Deutscher namens Gerhard Bauer, wird der Präsident auch mal seinen Wein trinken. Der Job hat seinen Vater aus Franken nach Virginia gebracht. Inzwischen gehören ihnen die Tranquility Vineyards, wo die Bauers Dornfelder, Lemberger und Grauburgunder erzeugen und die Seniorchefin Hannoveraner züchtet.
 
Noch ist Barack Obama nicht vorbeigekommen zu diesen sanft geschwungenen Rebhügeln in der Nähe von Leesburg. Aber Gerhard Bauer ist ja auch erst 35. Ihm bleibt also noch Zeit, bis sich sein ureigener amerikanischer Traum erfüllt.  

Hier lebte George Washington

Geschichte zum Anfassen: Das garantiert ein Ausflug nach Mount Vernon. Für viele Amerikaner ist es ein Muss, das frühere Anwesen des ersten Präsidenten der USA, George Washington, zu sehen. Die riesige Plantage, von Washington D. C. mit Bus, U-Bahn oder Mietwagen zu erreichen, erstreckt sich bis zum Fluss Potomac.
 
Wie einst George Washington oder dessen Frau Martha können sich Besucher auf die Veranda des im Kolonialstil errichteten Gebäudes setzen und den Ausblick genießen. „Kein Anwesen in den USA ist schöner gelegen als dieses”, hatte der USA-Mitgründervater geschwärmt. Auf dem Landgut liegen das Grab der Washingtons, ein Museum und ein Denkmal für die Sklaven.