Abenteuer Arztbesuch in Südamerika | reisereporter.de

Krank in Chile: Abenteuer Arztbesuch in Südamerika

Einer meiner großen Vorsätze für meine Reise durch Südamerika war: Auf gar keinen Fall so krank werden, dass ich einen Arzt brauche! Und was soll ich sagen… Das klappt natürlich nicht. Dafür kann ich jetzt aber sagen: So schlimm ist es gar nicht. Es war sogar fast unterhaltsam.

Eine Rotkreuz-Station in Indien.
Coming soon: Ärztliche Hilfe zu finden kann im Ausland ganz schön kompliziert sein. (Symbolbild)

Foto: imago/Gerhard Leber

Zum Arzt geht niemand gern, besonders nicht im Ausland. Denn dort spricht der Arzt eine Sprache, die du eventuell nicht verstehst, die Praxis ist womöglich nicht besonders hygienisch, und wer weiß, welche ansteckenden Krankheiten die anderen Patienten im Wartezimmer haben. Mit diesen Vorurteilen flog ich nach Chile in Südamerika.

Bei null Prozent Luftfeuchtigkeit und auf ungewohnter Höhe streiken die Selbstheilungskräfte

Für mich war klar: Ich gehe erst wieder zum Arzt, wenn ich zurück in Deutschland bin. Eine Einstellung, mit der ich natürlich nicht weit kam. Denn: Nachtbusfahrten, ständig wechselndes Klima und große Höhen sind anstrengend für den Körper. Nach meiner ersten Nacht in einem klimatisierten Fernbus kratzte auch schon der Hals.

„Aber was ist schon so ein bisschen Halsweh? Das geht doch von allein wieder weg“ – diese Rechnung hatte ich aber ohne die Wüste gemacht. Unsere Busfahrt hatte nämlich das Ziel San Pedro, ein kleiner Ort mitten in der Atacama-Wüste. Bei einer Luftfeuchtigkeit von annähernd null Prozent und auf einer ungewohnten Höhe von 2.400 Meter streikten die Selbstheilungskräfte.

Eine Straße in San Pedro de Atacama in Chile.
Viel Sand und Staub, wenig Feuchtigkeit – die Atacama-Wüste ist wunderschön, aber kein guter Ort, um eine Erkältung auszukurieren. Foto: Marcia Moritz

Nach fünf Tagen Halsschmerzen und Husten, sah ich es letztendlich ein: Ein Arzt musste her. Das war leichter entschieden als getan. Denn wo findet man denn nun mitten in der Wüste einen Arzt?

In San Pedro gibt es zwar unzählige Touristenbüros, die dir jeden Wunsch von der Thermalquellentour bis zum nächtlichen Sternegucken erfüllen. Aber eine Arztpraxis zu finden? Mehr als schwierig. Eine Apothekerin konnte mir glücklicherweise weiterhelfen.

Kein Arzt weit und breit: Was jetzt?

Doch die Tür des kleinen Medical Centers, zu dem uns die Apothekerin schickte, war verschlossen. Das durfte nicht wahr sein! Nachdem ich mich dazu durchgerungen hatte, zum Arzt zu gehen, wollte ich so gar nicht einsehen, dass ich vor verschlossenen Türen stand.

Also klopfte ich wie bescheuert an die Tür, bis tatsächlich ein Mann öffnete, der einen Fleece-Pulli mit einem Rotkreuz-Logo trug. Mit meinem Wörterbuch in der Hand versuchte ich ihm zu erklären, was mir fehlte.

Der junge Mann machte ein betroffenes Gesicht und sagte, wir sollten um 17 Uhr wiederkommen. Okay, also zurück ins Hostelbett, warten, zweiter Anlauf. „Ihr seid zu früh“, sagte der Mitarbeiter, der uns schon am Nachmittag empfangen hatte, mit missbilligendem Blick auf seine Armbanduhr. Widerwillig ließ er uns trotzdem in die Praxis. 

Innen sah es aus wie in einem Versammlungsraum. Mehrere Stuhlreihen standen vor einem Schreibtisch. Doch alle Stühle waren leer. Gut, denn Ansteckungsgefahr bestand hier somit nicht. Mit gerunzelter Stirn machte sich der Mitarbeiter daran, meine Problemchen auf einem Blatt Papier zu notieren, betont langsam. So kam es mir zumindest vor.

„Kommt denn noch ein Arzt?“

Als er nach 15 Minuten damit fertig war, wählte er eine Nummer auf seinem Telefon und lauschte gespannt in den Telefonhörer, bekam aber offenbar keine Antwort. Er legte auf und musterte uns kritisch. Wir schauten fragend zurück.

Er wirkte nervös, räumte die Sachen von der einen Seite des Tisches an das andere Ende. Doch plötzlich schien er eine Idee zu haben: Er sprang von seinem Stuhl auf, lief den Flur hinunter und kam freudestrahlend mit einem Blutdruckmessgerät zurück. Er müsse meinen Blutdruck messen.

Nachdem das erledigt war, ging das Spiel wieder von vorn los: erfolgloser Telefonanruf, aufräumen, dann ab auf die Waage. Und in der nächsten Runde wollte er meine Größe messen. 

So langsam dämmerte mir, dass der gute Mann genauso wenig wusste, wann ein Arzt hier auftauchen würde wie ich, und dabei war, Zeit zu schinden. „Kommt denn noch ein Arzt?“, wollte ich wissen. „Ja, ja, ja, er kommt jeden Abend! Aber ich erreiche ihn nicht“, versicherte mir der Mitarbeiter. Wir sollten doch bitte in einer Stunde wiederkommen. Inzwischen war es 18 Uhr. 

Fast wie beim europäischen Arzt

Also raus in die kalte Wüstennacht, in ein Restaurant ohne Heizung und bei einem Tee warten. Eine Stunde später in der Praxis: noch immer kein Arzt. Offenbar hatte der Mitarbeiter ihn aber erreicht. „Setzt euch, setzt euch! Er kommt!“, rief er uns freudig entgegen und deutete dabei abwechselnd auf sein Telefon und streckte uns dann den emporgerichteten Daumen entgegen.

Nächstes Mal kommen Sie früher!

Und tatsächlich: Nach einer weiteren halben Stunde kam ein Arzt und ich durfte ihn auch direkt ins Behandlungszimmer begleiten. Entgegen meiner Vorurteile sah es aus wie ein richtiges Arztzimmer.

Glücklicherweise schien der Arzt an Touristen gewöhnt zu sein. Er konnte zwar kein Englisch, sprach aber sehr langsam und deutlich. Selbst mit meinen eher schlechten Spanischkenntnissen verstand ich ihn.

Perfekt vorbereitet (dem Wörterbuch sei Dank!) erzählte ich ihm noch einmal, was mir fehlte, wurde abgehört und erhielt am Ende ein Rezept – und eine Rüge: „Nächstes Mal kommen Sie früher“, sagte der Arzt, so wie es wohl ein europäischer Kollege von ihm auch getan hätte.

Etwas beschämt über meine Vorurteile, aber sehr erleichtert verließ ich die Praxis. Südamerikanische Wartezeiten hin oder her, eine bessere Behandlung hätte ich auch beim Notfalldienst in Deutschland nicht bekommen.

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