La Paz: Downhill-Biking auf der Todesstraße | reisereporter.de

So fühlt sich eine Fahrt auf der Todesstraße an

3.600 Höhenmeter Downhill über Schotterpiste, durch Matsch, unter Wasserfällen hindurch, immer am Abhang entlang – reisereporterin Marcia hat sich auf die Yungas-Straße bei La Paz in Bolivien gewagt.

Lastwagen auf der Yungas-Straße, auch Todesstraße genannt, bei La Paz in Bolivien.
Die Todesstraße ist kaum breit genug für einen Lastwagen. Bis 2007 wurde sie von Fahrzeugen in zwei Richtungen genutzt.

Foto: imago/imagebroker

„Mit meiner Unterschrift bestätige ich, dass mir bewusst ist, dass die ‚Death Road Tour‘ Gefahren beinhaltet, die Teil des Erlebnisses sind“ – so oder so ähnlich steht es auf dem Formular, das ich unterschreiben soll, bevor es losgeht von La Paz in Richtung „Todestraße“. Bevor ich mein Autogramm auf das Formular kritzele, trage ich noch die Adresse meiner Eltern im Feld „Notfallkontakt“ ein.

Dabei hoffe ich inständig, dass sie heute Abend nicht von einem Mitarbeiter der Reiseagentur angerufen werden, der ihnen in gebrochenem Englisch mitteilt, dass ihre Tochter mit einem Bike in einen Abgrund bei der Yungas-Straße gestürzt ist.

Die Yungas-Straße ist die „Todesstraße“ genannte Schotterpiste, die von La Paz nach Caranavi in Bolivien führt. Sie wurde in den 30er-Jahren gebaut und war bis 2007 ein offizieller Verkehrsweg für Autos und Lastwagen, und zwar in beide Richtungen.

Die Todesstraße ist Nervenkitzel pur

Dabei ist die Straße kaum breit genug für einen Lkw. Sie führt entlang von Berghängen. An einem Rand klaffen steile Abhänge. Leitplanken gibt es nicht.

Bis 2007 eine alternative Straße eröffnet wurde, kam es immer wieder zu tödlichen Unfällen. Schätzungen zufolge starben jedes Jahr 200 bis 300 Reisende, schreibt zum Beispiel die bolivianische Busgesellschaft „Bolivia Hop“.

Deshalb erhielt die Straße den Namen „Camino de la Muerte“ – die „Todesstraße“. Heute passieren die Straße hauptsächlich Reisende auf der Suche nach Nervenkitzel.

„Lass dir auf jeden Fall das Bike zeigen, mit dem du die Straße hinunterfahren wirst, und teste die Bremsen, bevor du die Tour bei einem der Anbieter in La Paz buchst“ – das liest du in vielen Blogs und Reiseführern, wenn du dich über die Tour auf der „Todesstraße“ informierst.

Ein gut gemeinter Rat. Er ist aber kaum umsetzbar. Die meisten Anbieter haben zwar eines ihrer Bikes hinter dem Schreibtisch an der Wand hängen. Das ist aber natürlich nagelneu.

„Wir sind teuer, weil wir die besten sind“ überzeugt uns nicht

Die Bikes, die erst am Startpunkt der Tour verteilt werden, sind es nicht. Und wenn du dort bemerkst, dass die Bremsen nicht richtig funktionieren, ist es leider zu spät, um es zu reklamieren. „Nimm nicht unbedingt den günstigsten Anbieter“, rät der Reiseführer außerdem noch.

Die Preisunterschiede sind von Anbieter zu Anbieter aber tatsächlich groß und das Argument „Wir sind teuer, weil wir die besten sind“ überzeugt uns wenig. 

Wir entscheiden uns deshalb mit leichtem Bauchweh für einen der billigeren Anbieter. Und bereuen es erst einmal. Denn „No Fear Adventure“ lässt uns sage und schreibe zwei Stunden vor einem Frühstück aus einer Scheibe Toast und Instantkaffee sitzen, bevor es losgeht.

Anschließend steigen wir in einen klapprigen Bus, der im Innenraum stark nach Abgasen stinkt. Der bringt uns aber erstaunlich zuverlässig zum Startpunkt auf 4.700 Metern Höhe.

Los geht’s in Winterjacke und Windschutzkleidung

Es ist kalt dort oben, und ein eisiger Wind treibt uns direkt die Tränen in die Augen. Die Bikes, die wir bekommen, machen aber einen ordentlichen Eindruck. Sie scheinen zwar eher für bolivianische Körpermaße gefertigt zu sein als für europäische, aber wir müssen damit ja nur bergab fahren. Und die Bremsen funktionieren. Winddichte Jacken und Hosen, Vollintegralhelme, Handschuhe sowie Arm- und Beinschoner bekommen wir auch noch. 

Wir ziehen alles über unsere Winterjacken, und dann geht es los. Der erste Streckenabschnitt ist easy: Wir cruisen einen asphaltierten Highway hinunter. Der spannende Teil kommt erst noch. Bis zur eigentlichen Todesstraße fahren wir so weit hinunter, dass wir Windkleidung und Jacken ausziehen können. Es geht im T-Shirt weiter.

Die Death Road ist nichts für empfindliche Hintern

„Welcome to my office“, sagt unser Guide, als wir die Schotterstraße endlich erreichen. Jetzt wird es ernst. „Konzentriert euch, fahrt nicht zu dicht auf euren Vordermann auf und sagt Bescheid, wenn ihr vom Bremsen einen Krampf in den Fingern bekommt“, warnt er uns. Und dann geht es auch schon los.

Die Strecke ist nichts für empfindliche Hintern. Der Schotter ist alles andere als fein. Immer wieder fahren wir über ziegelsteingroße Steinbrocken. Ausweichen sollen wir nicht. „Eine unkontrollierte Bewegung mit dem Lenker reicht im schlimmsten Fall, um vom Weg abzukommen“, hat der Guide uns gesagt.

Und das ist auf dieser Strecke wirklich keine gute Idee. Denn die Chance, einen Sturz den steilen Abhang hinunter zu überleben, ist verschwindend gering. Genau am Abgrund sollen wir aber entlangfahren. „Haltet euch immer auf der linken Straßenseite“, hat unser Guide am Startpunkt gesagt.

Und so fahre ich also diese Schotterpiste mit Stolperfallen in Ziegelsteingröße immer am Abgrund entlang hinunter.

Das ist kein Witz, und er hat da auch nichts durcheinandergebracht, wie ich im ersten Moment vermutete. Der Sinn dahinter ist nicht, den Nervenkitzel zu erhöhen, sondern dass uns entgegenkommende Fahrzeuge besser sehen können, wenn wir auf der linken Seite fahren.

Und so fahre ich also diese Schotterpiste mit Stolperfallen in Ziegelsteingröße immer am Abgrund entlang hinunter. Den Blick habe ich fest auf die Straße gerichtet, um rechtzeitig bremsen zu können, sollte mir einer dieser Felsbrocken im Weg liegen. Das ist auch ganz gut so.

Würde ich zu häufig nach links schauen, wäre mir der Abhang, einen halben Meter entfernt von mir, den ich so nur aus dem Augenwinkel wahrnehme, wohl zu bewusst, um mit der Gruppe Schritt zu halten. Denn die meisten geben ordentlich Gas. Sie treten auf der Bergabstrecke noch ordentlich in die Pedale. Ich hechle hinterher. 

In meiner Fantasie bin ich schon dreimal abgestürzt

Entweder haben die anderen Fahrer keine so lebhafte Fantasie wie ich und sind in Gedanken nicht schon dreimal abgestürzt oder ihnen gefällt der Nervenkitzel. Tatsächlich fände ich es eine gute Idee, einfach ein bisschen langsamer zu fahren.

Die Landschaft um uns herum ist nämlich eigentlich viel zu schön, um einfach daran vorbeizurauschen. Die steilen Berghänge sind komplett mit grünen Farnen, Bäumen und anderen Pflanzen überwuchert und bei Weitem nicht so kahl wie die Gebirgslandschaften, die ich aus den Alpen kenne. 

Mehr holprigen Schotterweg hätte mein Hintern nicht überlebt

Wenn unser Guide kurz anhält, um die Gruppe wieder dichter zusammenzubringen, entdecke ich Wasserfälle an den gegenüberliegenden Abhängen und kann beobachten, wie Nebelwolken an den Hängen vorüberziehen. Da ich mich konstant am Ende der Gruppe befinde, bleibt mir aber meist nicht viel Zeit, um die Landschaft zu bewundern.

Sobald ich ein paar Schluck aus meiner Flasche genommen habe, geht es auch schon weiter – immerhin müssen wir ja zwei Stunden (du errinnerst dich, so lange ließ man uns warten) wieder wettmachen. Am Ende bin ich froh, als wir unten ankommen. Mehr holprigen Schotterweg hätten sowohl mein Hintern als auch meine Finger nicht mitgemacht. Die fühlen sich nach dem Dauerbremsen ziemlich steif an.

Ein bisschen stolz darauf, die Todesstraße überlebt zu haben, bin ich aber auch.

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