Bewusster reisen – so geht’s! | reisereporter.de

Lasst uns bewusster reisen – so geht’s!

Wir wollen die Welt zu einem schöneren Ort machen, zu einem gerechteren, besseren. Leider beißt sich das oftmals mit unseren Reise-Ideen. Wie es gehen kann und warum Kühlschrankmagneten die Welt zu einem gerechteren Ort machen können.

Touristin isst mit Einheimischer und traditionellem Besteck.
Statt internationale Fast-Food-Ketten ausfindig zu machen, kannst du in einheimischen Lokalen gleich die Kultur des Landes mitentdecken. (Symbolbild)

Foto: unsplash.com/Digital Sennin

Freundlich zu Menschen sein. Auch mal einen Kaffee trinken und ein Stück lokaler Esskultur probieren. Den Müll wieder mitnehmen, aber etwas Geld dalassen. An diese Dinge sollten wir denken, wenn es um faires Reisen geht.

Wir denken an Langstreckenflüge, von denen wir zwar wissen, dass sie die Welt verpesten, die wir aber trotzdem machen, um Länder und Kulturen kennenzulernen.

Ich will bewusster reisen, fairer. Aber dieser Wunsch fährt hart vor die Wand, wenn fair reisen bedeutet, nicht zu reisen. Ich will die Welt ja retten. Aber ich will sie auch erkunden.

In drei Kategorien müssen wir besser werden:

  • bei den Emissionen,
  • beim Konsum,
  • und in unseren Begegnungen mit anderen.

Darüber müssen wir reden. Wir müssen über Schneeflocken auf nackter Haut sprechen, über einen Kaffee im Hafen und ein Salam alaikum.

Wir stinken

Beginnen wir mit den Emissionen, denn daran entzündete sich einst auch die Debatte. Eine Zeit lang sagte man uns, wir müssten unseren ökologischen Fußabdruck wieder ausgleichen. Das ließ mich von Anfang an mit einem schalen Geschmack im Mund zurück. Auf den ersten Blick ist die Idee schön: Ich gleiche meinen Schaden wieder aus. Aber irgendwas stimmt daran doch nicht.

Warum soll ich eine Firma bezahlen, um einen zu Baum pflanzen, der mir dann erlaubt, mit dem Flugzeug zu fliegen – ohne dem Planeten zu schaden? Ich schade dem Planeten ja doch! Und ich kann den Baum auch selbst pflanzen und nicht fliegen. Bäume pflanzen ist keine Lösung. Es ist eine Ausrede.

Organisationen wie Myclimate, Arktik und Atmosfair sind derzeit wichtig, weil sie uns ein Gefühl für das geben, was wir anrichten. Sie beziffern den Schaden. Und sie geben uns eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Aber das reicht nicht. Es reicht nicht, wenn sich die Menschen freikaufen, die es können und wollen. Auch mit geringerem Budget wollen wir die Welt erkunden.

Fair reisen bedeutet deshalb zuallererst, ehrlich zu sich selbst zu sein. Muss dieser Flug sein? Komme ich anders an mein Ziel? Die meisten Inlandsflüge sind nicht nur überflüssig, sie gaukeln uns die Zeitersparnis nur vor. Bahn fahren ist gemütlicher, verlässlicher, ein bisschen teurer, aber deutlich sauberer. Lasst euch da nicht verarschen: Lieber Zug statt Flug.

Wir können CO2 an vielen Stellen unseres Lebens einsparen. Schon mal an fleischarme oder vegetarische Ernährung gedacht? DIE rettet den Planeten wirklich.

All das könnten wir auch tun, wenn wir auf die Flugreise verzichten. Das gleiche Problem gibt es übrigens auch mit Thermen. Natürlich ist es ganz wundervoll, im Januar im Bikini in den Bergen zu stehen und Schneeflocken auf der Haut zu spüren. Drumherum dampft das Thermalwasser bei kuscheligen 33 Grad. Und wenn es zu frisch wird, gleiten wir wieder hinein. Zwar arbeiten viele Thermen mit hochmodernen Wärmetauschern – im Winter reichen die aber nicht, da wird Energie zugeschossen. Und die verdampft.

Ich spreche nicht von Askese. Aber wer die Welt retten will, der muss sich über die Folgen seiner Handlungen im Klaren sein. Wer den Planeten retten will, der muss in Forschung investieren. Nicht in Bäume, die sowieso erst in vielen Jahren unser CO2 binden können. Wir brauchen bessere Flugzeuge und Schiffe. Wir brauchen eine gute Alternative zu Schweröl und Kerosin. Wir brauchen bessere Abgasfilter, Treibstoffe ohne Schwefel, gute Katalysatoren, saubere Energiequellen.

Natürlich sollten wir auch die Bäume retten. Und neue pflanzen. Aber eine Flugreise als Anlass ist ein ziemlich schwacher Grund. Und eine Flugreise aus einer deutschen Metropole in die andere ist gar kein Grund, sondern Unfug.

All-inclusive ist Fluch und Segen für eine Region. Segen, weil AlI-inclusive-Hotels viel Personal brauchen. Fluch, weil sich dort doch auch alles zentriert. Playacar in Mexiko ist ein wunderschöner Ort – aber es gibt dort kein Café, nicht einmal einen Kiosk. Nur ein paar kleine Läden am Straßenrand verkaufen Souvenirs, doch den Postkarten sieht man an, dass sie schon einige mexikanische Sommer erlebt haben, und die Kleider trägt hier schon lange niemand mehr.

Die trinken hier noch nicht mal Kaffee.

Kellner in Venedig

Dafür reihen sich Hotels an der Strandpromenade auf. Es sind schöne Hotels mit vielen Palmen und heimischen Pflanzen; Affen leben dort und die kleinen Aguti-Nager. Die Reisenden sind perfekt umsorgt, vom Frühstück über einen Snack, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Abendessen, sogar die Drinks sind mit drin. Es gibt keinen Bedarf für Leben im Ort. Hier muss niemand konsumieren.

Und während viele Häfen sich nach den Kreuzfahrtschiffen die Finger lecken, bringen die Touristen den Städten oft mehr Probleme als Geld: Sie kommen in Scharen, tragen Lunchpakete bei sich und bezahlen an Land maximal die Eintrittsgelder – reduzierte Gruppentarife natürlich.

In Venedig habe ich einst einen Kellner gefragt, warum er sich nicht über die Touristen freue. Er war Österreicher und sagte mit Akzent und einigermaßen frustriert: „Die trinken hier noch nicht einmal Kaffee.“

Warum sollten sie auch? Sie haben alles, was sie brauchen, auf dem Schiff – auch schon bezahlt. So leiden die Hafenstädte mehr, als dass sie profitieren. Die Touristen kommen, sie verdrängen einander, sie schaden dem Flair – und sie gehen wieder, ohne dass die Stadt von ihnen profitiert hätte. Wie Heuschrecken richten wir die Orte zugrunde, die wir besuchen. Wir schwärmen aus, zerstören die Ernte und zahlen den Preis dafür nicht.

Wo viele Händler auf Touristen warten

Schnitt, Ortswechsel, Ägypten. Oder Italien. Tunesien. Egal. Wo viele Händler auf Touristen warten, da ist die Hoffnung so groß wie das Angebot. Und entsprechend die Konkurrenz. Wer mit Tand für Touristen sein Geld machen will, der will manchmal einfach zu viel, weil zu viele das Gleiche wollen.

Die Verzweiflung in den Augen der Händler ist hässlich. Aber oft ist sie auch einfach ehrlich. Sie wollen verkaufen. Wir hingegen feiern unseren Minimalismus und sammeln keine Kühlschrankmagneten aus jeder neuen Stadt mehr. Es gibt aber Menschen, die leben von diesen Dingern.

Voller Service: Reiseanbieter schützt vor Kontakt mit Gastland

Versteh mich nicht falsch. Ich habe große Lust, eine Kreuzfahrt auszuprobieren, weil ich das für eine grandiose Reiseart halte. Ich habe genug Kühlschrankmagneten für ein Leben gekauft. Und ich sehe durchaus einen Bedarf für All-inclusive-Hotels. Nach einer aufregenden Rundreise lege ich mich gern für ein paar Tage an einen Pool und spreche nur noch mit meinem Buch.

Doch voller Service bedeutet heute auch: Mein Reiseanbieter schützt mich vor jedem Kontakt zum Gastland. Und das ist zu viel. Darunter leiden meine Erfahrung, aber auch die Menschen vor Ort. Ich habe ein Herz für jeden Strandurlauber, aber wer nicht vors Tor geht, der kann sein Handtuch auch einfach im heimischen Hallenbad vollschwitzen.

„Ich mache hier Urlaub, meine Shorts auch!“

Schweißflecken sind natürlich nichts Schönes, aber irgendwie verschmerzbar. Über Benehmen und Kleidung müssten wir allerdings auch noch einmal kurz reden.

Woher kommt nur diese fixe Idee, andere Kulturen müssten meine akzeptieren, nur weil ich hier gerade Urlaub mache und dafür verdammt noch mal bezahlt habe? Andere Kulturen müssen gar nichts. In China scheißen sie auf die Straße, das müssen wir uns in Deutschland ja auch nicht angucken, nur um unsere Toleranz zu beweisen.

Also was spricht gegen einen knielangen Rock oder eine lange Hose, wenn in einem Land weniger Freizügigkeit als alltagstauglich gilt? „Es ist so heiß“ zählt nicht als Ausrede, sonst müssten wir einigen Chinesen auch erklären, wo in Köln die nächste öffentliche Toilette ist (Spoiler: Düsseldorf).

Unser „Normal“ ist nicht das „Normal“ anderer Leute. Es tut gar nicht weh, sich in die lokalen Bedürfnisse ein wenig einzulesen und sich daran anzupassen.

Zu viele Reisende empfinden die Menschen ihrer Gastgeberländer als unterlegen. Als dümmer, weil sie unsere Sprache nicht sprechen, als unzivilisiert, weil sie sich anders kleiden. Doch wir sind diejenigen, die die Sprache nicht sprechen und den Kleidungsstil nicht beherrschen. Wir sind die Ausländer. Wir sollten uns wie gute Gäste benehmen. Respektvoll, neugierig, freundlich. Und die Regeln des Hauses gern ehren.

Wir können das. Vermutlich hast du beim Lesen ganz oft gedacht: „Mach ich doch, ja ja, mach ich doch alles schon, das sind die anderen!“ Vermutlich hast du diesen Text gelesen, weil du dich über ähnliche Probleme ärgerst. Dann rede mit den Menschen darüber. Wir sind nicht so weit, wie wir sein könnten. Mehr Forschung, bessere Technologie, umsichtigere und offenere Reisende. Das brauchen wir.

Und dann wird 2018 vielleicht besser als 2017, und in der Zukunft erkunden wir die Welt, ohne eine Schneise der Verwüstung zurückzulassen.

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